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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-26 · Heft 30 (26.7.1901) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 358 (sequence 12)
Language
German
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358 abendlich in die Kasse dieser Musikanten und Sänger fließen müßten. Da beneidete er seine Kunstgenossen ob ihrer glänzenden Einnahmen. Endlich war er in Wien. Seine erste Frage galt dem „Stücke", das in der Oper anfgeführt wurde. Man gab „Lohengrin". Er fragte dann jeden Menschen, der ihm Rede stand, ob es ein gutes Stück sei, dieses „Lohengrin", und Jedem erzählte er. daß er als armer Teufel zum ersten Mal im Leben nach Wien komme, daher für seine sechzig Kreuzer etwas Gutes haben möchte. Von 3 Uhr Nachmittags an war er an dem Thore gestanden, um einen guten Platz zu bekommen. Alle Welt hatte das Stück gelobt, so daß er um 6 Uhr leichten Herzens die sechzig Kreuzer hinlegte; er schaute aber empor zu dem würdigen Herrn an der Kasse, der ihm ein Stückchen Papier dafür anbot, und fragte zitternd: „Nicht wahr, lieber Herr, „Lohengrin" ist wirklich gutes Stück? Ich bin nämlich zum ersten Male in Wien undmöcht'.." Aber da stieß ihn auch schon sein Hintermann, der ungeduldig des Augenblickes harrte, um ans die Galerie zu stürmen. Er beendete seine Rede abseits vom Schalter. An ihm stürmten die jungen Leute, die sich mit angestellt hatten, vorbei, um oben den günstigsten Platz zu finde». Er irrte lange im Hanse umher, geblendet von den vielen herrlichen Bildern und glänzenden Statuen. Endlich war er in der letzten Gallerte angelangt und suchte nach einem Plätzchen, von dem aus er hinunterschaucn konnte. Das Haus war voll und kein Raum für ihn. Da stand er ungeduldig und harrte der Dinge, die jetzt kommen sollten. Sie stimmten unten ihre Instrumente. Die Klarinette gab das an, die Violine zog ihre Saiten darnach, dann kainen die Celli, die Kontrabässe, inzwischen übte der Flötist einige Läufe, und der Tonfall vieler Instrumente, die Mendele gar nie im Leben gehört hatte, klang wirr in seine Ohren. Dann wurde es stiller, ganz still, das Vorspiel begann. Er konnte nichts sehen. Er war müde geworden und hatte sich an dem Rande einer Holzstnfe znsammengekauert, mit dem Rücken gegen die Bühne. Von dorther klang es nnn in süßen Akkorden. Er wußte, es müßten Violintöne sein, aber sie klangen so geisterhaft, so zart. Er wußte auch, daß das von den Sordinen kam, die Zigeuner spielten gar oft mit der Sordine auf den Saiten. Aber was spielten sie da unten? Und warum packte es ihn gar so gewaltig? Er stand auf, reckte seinen kleinen Kopf in die Höhe, stellte sich auf die Zehen, als wollte er den Tönen näher kommen. Das zitterte durch die Lüste wie wehmüthiges Gebet von Engelschören, wie leises Schluchzen der Gottheit, wie die Musik der Cherubim, die den Schmerz der Gottheit zu sänfügen suchen. Die Regung in ihm wuchs, sein Athem flog, die Augen blickten starr in die Höhe, die Hände zuckten nervös, und als das Vorspiel zu Ende war, setzte er sich wie betäubt auf die Holzstufe nieder. Eine Weile vernahm er den Gesang gar nicht, das Vorspiel wirkte noch immer nach, dann aberhorchte er und lauschte und sog die Töne ein, ließ die Harmonie in sich nachklingen, ließ die göttlichen Stimmen in sich einziehen, bis er müde vom Hören des ihm Neuen und Ungewohnten, und erregt von all' dem Großen und Schönen, das er zum ersten Male in seinem Lebeil zu vernehmen das Glück hatte, in ein leises Schluchzen ausbrach. Eine schlanke, blonde Dame neigte sich neugierig zu ihm nieder. „Was fehlt Ihnen, mein Herr?" Er antwortete nicht. Die Dame stieß ihren Nachbar, der daraufhin die Stufen hinunterstieg und den Mann ansprach. Der erste Akt war zu Ende. Mendele wischte seine Thränen aus den Augen, er kam wieder zur Besinnung. Der junge Mann, ein Schüler des Konservatoriums, und die Dame, eine heränreifende Klavierkünstlerin, gaben ihm ans seine Fragen bereitwilligst Auskunft. „Ob alle Abend so schöne Musik gemacht werde wie heute?" „Nein, Lohengrin gehört zu den schönsten Opern." „Aber cs giebt doch mehrere Abende, wo man so schöne Stücke aufführt?" „Immer, wenn Wagner gespielt wird." „Wer is Wagner?" „Wagner ist ein großer Musikprophet, derjenige, der die alte schlechte Musik bekämpft, das ewige bum bum bum und tschin da da dra, der die neue Musik gefunden und in die Welt gesetzt hat." Das begriff Mendele. Und der junge Mann erzählte ihm. wie Wagner habe kämpfen müssen, wie man ihn verlachte und verhöhnte, bis seine Musik dnrchgedrungen sei. Er sagte ihm auch, daß alle Strebsamen iu der Kunst diesem großen Meister nachfolgten, daß cs die Aufgabe eines jeden ehrlichen Musikers sei, alle andere Musik zu unterdrücken und dazu beizutragen, daß die Menschheit dem Verständnis; Wagners entgegenreise. Mendele, der sich als Kollege legitimirt hatte, durfte nun den Platz des Conservatoristen einnehmen. Er konnte nun auch die Handlung verfolgen. Er war geblendet von dem, was er sah, und betäubt vou der Musik. Das großartige Duett zwischen Elsa und Lohengrin, der traurige Abschied Lvhengrins, das alles fand ein kräftiges Echo in seiner Seele. Als die Oper zu Ende war, zog Mendele Klesmer als begeisterter Wagnerianer nach Martinsdorf zurück. Er verdammte die alte Musik und die alte Schule, d. h. was er dafür hielt: die weltlichen Tänze, Märsche, Melodien, den Czardas der Zigeuner, er hatte nur eine Empfindung, einen Gedanken: Lohengrin-Waguer, Wagner-Lohengrin. Vergeblich bat ihn der Chase», der Kantor des Ortes, um einige frische Melodien aus der kaiserlichen Oper. Er hatte nichts mitgebracht, doch eines ja, seine große Verehrung für Wagner, das Vorspiel zu „Lohengrin" und das Schwanen- Leitmotiv. Er sang es mit seiner kleinen Stimme so rührend als möglich vor, aber aus diesen wenigen Tönen ließ sich weder ein Lechodvidi gestalten, noch ein Unsane Toikew. Der Kantor zog enttäuscht ab. (Fortsetzung folgt.) Bilder aus dem jüdischen Familienleben» Von M. Friedeberg. lphonse Lewh, ein in Frankreich sehr bekannter und geschützter Maler, hat jetzt in dem Kunstsalon von Keller und Reiner in Berlin eine größere Anzahl Lithographien seiner im Luxemburg - Museum in Paris und im Brüsseler Museum befindlichen Bilder aus dein jüdischen Familienleben ansgestellt. Seit Professor Oppenheim in Frankfurt a. M. seine herrlichen patriarchalischer: Schilderungen aus dem Leben der Juden zuerst veröffentlichte, und dieses bis dahin etwas über die Achsel angesehene Milieu irr die Kunst einführte, ist fast ein halbes Jahrhundert verflossen. Es ist hohe Zeit, daß wieder einmal ein Künstler an jenen herrlichen Schatz von Erinnerungen: Sabbath im Eltern-

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