Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 357 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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357 ersten Mal an einem Julimorgen des Jahres 1796 in die von den Franzosen besetzte Stadt Düsseldorf einzog. Es war natürlich, daß er zuerst seinen Weg in das Haus der vou Alters her befreundeten und vielfach verwandten Familie van Geldern nahm, das durch den Tod des Dr. Josef van Geldern eben erst in tiefe Trauer versetzt worden war. In diesem Hause, das vor Kurzem noch das angesehenste in der jüdischen Gemeinde zu Düsseldorf gewesen, lebten jetzt nur noch Simon van Geldern und seine beiden Schwestern Peira und Johanna. Peira war schön und anmuthig, gebildet und geistvoll, der Liebling der ganzen Familie und aller ihrer Freundinnen. In ihrer Jugend hatte sie schwere Tage gesehen. Das Vorbild des Vaters und ihrer Brüder hatte müchtig ans sie eingewirkt; ein tapferes Herz und ein Heller Geist war ihr verliehen worden. Früh ward sie des Vaters Beistand und seine Stütze Die ersten Schicksalsschläge ihres Lebens waren der plötzliche Tod des Vaters (1795) und ein Jahr darauf der Tod des Bruders Dr. Joseph van Geldern (1796). „Damals wurde," wie sie eiuer Freundin schrieb,') „der Tod das Lebensbild meiner Phantasie und der einzige Ruhepunkt für meinen müden Geist . . . Als mein unvergeßlicher Vater starb, war ich untröstlich, und als mein unvergeßlicher Bruder starb, dankte ich Gott, daß mein Vater meines Bruders Tod nicht erlebt hatte. Freilich muß man tief gesunken sein, wenn Einem sein vergangenes Unglück sein gegenwärtiger Trost wird." Aber Betty van Geldern war noch ein anderer Trost beschieden. Sie, die bisher alle Freier abgewiesen und unvermählt bleiben wollte, wurde im selben Jahre die liebende Braut Samson Heines. Ende August des Jahres 1790 scheinen sie schon verlobt zu sein; bald darauf ging Samson Heine wieder nach Hambnrg zurück. Inzwischen hatte Betty viele Schwierigkeiten, welche sich der Schließung dieses Ehebnndes entgegenstellten, zu überwinden. Ihr Verlobter war völlig mittellos, und deshalb stieß seine Wahl bei den Aeltesten der damals noch kleinen Gemeinde auf energischen Widerspruch. Sie weigerten sich, ihm das zur Verheirathnng nothwcndige Niederlassungsrecht (Kijumim) zu geben. Peira hatte heftige Kämpfe, namentlich mit einem R. Salomon und R. Abraham, zu bestehen.-) Sie mußte sich sogar an die Regierung wenden und erwirkte in der That den Befehl, daß man ihrem Bräutigam Ansangs November 1796 das Niederlassnngsrecht ausstellte. Sie konnte also in einem Schreiben vom 8. jenes Monats ihrer Freundin Händelche Israel in Wesel berichten: „Ich habe völlig über meine Feinde gesiegt, und ich bin schon so viel von Ihrer Freundschaft überzeugt, daß ich sicher weiß, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Liebe Freundin, hätten Sie aber wohl gedacht, daß ich mich durch meine Verlobung so viel Feinde machen würde? Doch mein Heine entschädigt mich reichlich durch seine Liebe und Treue für Allem. I Schon nach diesem Briefe wäre es kaum zu bezweifeln, daß die Hochzeit des jungen Paares zu Anfang des folgenden Jahres gefeiert wurde. Es ist dies für die Frage, obHeinrich Heine im Jahre 1797 geboren wurde, von großer Wichtigkeit. Ich war in der Lage, dokumentarisch Nachweisen y Strodtmann, Dichterprofile (Berlin 1883), S. 230 ff. 9 Die Beide» scheinen Vorsteher der Gemeinde zu sein. Die „Rabbiner", wie Strodtmann u. Sl. schreiben, hatten mit der Sache nichts zu thun. Rabbiner der Düsseldorfer Gemeinde war damals R. Jehuda Löb Scheuer (176S-1821). Vgl. Wedell, Geschichte der jüdischen Gemeinde Düsseldorfs (Düsseldorf, 1888) S. 82. y l. e. 232. zu können, daß diese Hochzeit bestimmt. zwischen dem ersten und fünften Februar 1797 stattgefunden hat. Unter verschiedenen Schriftstücken, die ich der Güte eines Urenkels von Heines Tante Bräunele van Geldern verdanke, befinden sich zwei für diese Frage entscheidende Dokumente. Das eine ist eine Vereinbarung mit der Schwester Bräunele und ihrem Gatten Abraham Samuel in Siegburg über die Erbschaft des Vaters, derzufolge jene Schwester einfür allemal abgefunden wurde. Dieses Schriftstück ist datirt vom 61. Januar 1797 und unterzeichnet: Samson Heine, als Breitgam. Betty van Geldern, als Braut. Abraham Samuel im Namen meiner und meiner Ehefrau- Bronelle van Geldern. Johanna van Geldern. S. G. van Geldern. O X. (Schluß folgt.) Nie Geschichte eines Musikanten. Von H. Jork-Steiner. 1l. (Z^^ie Lokomotive setzte sich in Bewegung, noch ein Rücken, ein Rufen und Winken; schon rasselte der Waggon über den Viadukt, von dem Mendele stolz die Thalmulde übersah, in der Martinsdorf sich breitete. Er blickte behaglich lächelnd zum Schloß empor, das den höchsten Hügel krönte. Ach was Schloß und Gutsherr — nicht mit Rothschild hätte er getauscht. Fünf Gulden Reisegeld, fünf Gulden, die er anbringeu durfte und zwei Tage frei, gewöhnliche Wochentage frei! Ersetzte sich endlich. Die Freude strahlte aus seinen etivas blöden Augen, und da Mendele eine gute Seele war, die nicht gern die Freude selbstsüchtig verschloß, erzählte er im Eisenbahnwagen Allen, die es wissen wollten und auch Jenen, die es nicht zu wissen verlangten, daß er zum ersten Male im Leben nach Wien fahre und zwar in seiner Eigenschaft als Musiker, um die kaiserliche Oper zu studiren. Er sprach in seiner Erregung den ganzen Weg über nur von diesem Kunstgenuß, der ihm bevvrstehe, und hörte von den Passagieren auch mancherlei gute Rathschläge an. Man sagte ihm die Stunde des Beginnes, auch die Preise der Sitze wurden besprochen. Da siel im sein kleines Herz tief hinunter vor Schreck. Ein einzelner Platz fünf Gulden! Fünf Gulden! So viel trug ihm seine Kunst im ganzen Jahre, lind das nur dann, wenn es mindestens zwei Hochzeiten gab, und wenn der Purimball und der Simchasthoraball im selbigen Jahre abgehalten wurde, und außerdem noch bei der großen Sude von der Chewre Kadische gestattet war, Musik zu machen. Fünf Gulden sür einen Sitz! Und viele Hunderte von Menschen gingen in dieses Haus hinein, und der nur hoch oben stehen wollte, so hoch, ja noch viel höher als die Kirche in Martinsdorf, der mußte auch noch sechzig Kreuzer bezahlen. Und er rechnete als gewiegter Kaufmann, wie viel tausende von Gulden all-