Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 355 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228450--57766-3294164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
355 angeblich echte Sirachtext erst im Mittelalter entstanden sein könne. Er selbst hatte sich zuerst von der allgemeinen Stimmung mit fortreiben lassen, die Echtheit jener Funde anzuerkennen, wie ihm entgegengehalten worden ist. Nun, er kann sich auf die ihm später gewordene bessere Einsicht berufen. Das Hebräische scheint ihm Spuren der späteren Zeiten an sich zu tragen, ist oft vollkommen unverständlich, Arabismen sind darin — kurz, es hat die Peschitto und eine persische Uebersetznng dem Hebräischen zu Grunde gelegen. Späterhin hat er, obwohl Schechter und Taylor gerade mit Rücksicht auf den hingewvrfenen Fehdehandschuh mit so großer Vorsicht gearbeitet hatten, seine Ausstellungen auch den weiteren Veröffentlichungen entgegengestellt. Es fehlte nicht an Vertheidigern der von den meisten Gelehrten aufgestellten Ansicht. Bemerkensiverth ist unter ihnen der Namensvetter des Angreifers, G. Margoliouth vom British Museum in London, der ebenfalls an den Veröffentlichungen neuer Theile des Sirachtextes sich betheiligte, ebenso W. Bacher beide in Tire ckevvislr tzuatorl.v klevievv 1899, Israel Levy in der kisvne cles Ltnckes jnivtzs (beide Schlußhefte von 1899). Alle treten sie den Gründen D. S. Margoliouths entgegen. D. S. Margoliouth blieb aber seiner Ansicht treu; er forderte die Schristleitung der Lxpositor)'Times auf, sein eingesandtes Buch einem noch unbetheiligten Gelehrten zur Besprechung zu übergeben. Das geschah, indem das Buch an Eduard König nach Rostock ging. Die Vertheidiger (so Schechter in Tire Oritieal kleview) machen geltend, daß auch Bibelstellen durch ihre unverständliche Sprache dem Erklärer große Hindernisse bieten, und zwar oft die schönsten Dichtungen, daß man Arabismen auch m der Bibel finde. Die persische Uebersetzung als Grundlage der hebräischen Stücke wollte man nicht anerkennen. Man wies nach, daß die'Endbuchstaben des hebräischen Alphabets bei Entstehung dieser hebräischen Stücke noch nicht vorhanden gewesen sein können, daß sehr viele Stellen der Angriffe jenes Zweiflers spotten. Eduard König ging an die Ausarbeitung seiner Schrift „Die Originalität des neulich entdeckten hebräischen Sirachtextes Mohr, Freiburg", nachdem er in der „Theologischen Rundschau" (Januarheft 1900) über die Angelegenheit Bericht erstattet hatte. So liegen die Dinge, über die wir weiteren Kreisen Ausschluß zu geben für nöthig befunden haben. Der Angriff D. S. Margoliouths mußte als wissenschaftlicher Rückschlag erwartet werden, ob von ihm oder von einer anderen Seite. Man hat so lange Zeit alten Texten gegenüber gezweifelt und nur schwer sich zu einer Zustimmung bringen lassen, so daß ein Gegner der Bibelwissenschaft sich diese Gelegenheit nicht nehmen lassen wollte, die wunden Stellen der Ergebnisse zu suchen. Erstaunlicher ist die Uebereinstimmung so vieler Gelehrten in Bezug ans die Echtheit der Funde. Eines aber ist dabei erfreulich: der Kampf selbst, der in unserer angeblich dem Höheren abholden Zeit hier um hohe geistige Güter geführt wird. Hier giebt es, wie wir sehen, keine Landesgrenzen; London, Paris, Wien, Rostock — Alles schaart sich um ein Banner, und Angriff und Vertheidigung ist gleich werthvoll. Man glaubt sich in die Zeiten Nachmauis verseht, wo es sich um die Bücher Maimunis drehte; nur daß hier auch keine Glaubensschranken die Einzelnen von einander trennen. Eines aber kann uns nicht mit Freude erstellen: daß keine deutschen Glaubensgenossen in diesem Kampfe genannt werden. Wir haben uns die Apokryphen vollkommen nehmen lassen, die z. B. in katholischen Breviarien ein eisernes Gut des Gottesdienstes bilden und auch von den Protestanten hochgehalten werden. Denke man an den Hausverwalter in Jmmermanns „Epigonen", den man geradezu strachfest nennen kann. Da der Talmudismus, durch die späteren Alexandriner veranlaßt, mißtrauisch gegen Septuaginta und Apokryphen wurde, fristeten sie das Mittelalter hindurch ihr Leben in Volksbüchern, meist im Jargon; die Gelehrten kannten sie nicht, und das Volksbewußtsein ist von ihnen nicht durchdrungen worden. Darunter hatte auch das treffliche Sirachbuch zu leiden. Noch Saadia kennt ein Sirachbuch in hebräischer Sprache. Dann taucht es erst in der Mendelssohn'schen Zeit auf, indem Bensew, weit erhaben über die Schöngeisterei der Meaßfim, eine förmliche Rückübersetzung ins Hebräische giebt, und eine vorausgehende Einleitung die Spuren des Sirach im Talmud behandelt. Wesselly hat das Buch der Weisheit übertragen. Salomon Pleßner in seinem s!2 brachte die Zusätze zu Daniel und die beiden Baruchbücher. Verdienstvoll, wenn auch hart in der Sprache, sind Cassels und Gntmanns Apokryphen, und Anerbach in der Hausbibel bietet auch Auszüge daraus. Wir müssen damit Ernst machen, diese Bücher, besonders den Sirach, in das Leben der Gemeinde, in das Leben der Schule wieder einzuführen. Keine bessere Erklärung der Zehnworte kann es geben, als diese das ganze Leben in seinen Einzelheiten in schöner Bildlichkeit, in auf das Kind berechneten, wohl zugespitzten Sprüchen umfassenden Abschnitte darauf anzuwenden; auch die Kanzel wird mit Texten aus Sirach nicht schlecht berathen sein. Führen wir ein solches Buch ins Volk ein, und wir erringen es für uns selbst, und wir haben eine weitere Kräftigung unseres Denkens und Empfindens, eine neue Stütze des Judenthums. Dann würde sich Sirachs eigenes Wort erfüllen, das wir hier in freier Uebersetznng wiedergeben (Sirach 24, Schluß): Die Lehre, die uns Moses hat gegeben, Die er zum Erbe Jakobs hat geweiht, Voll Weisheit, wie des Euphrats Wasser streben, Und gleich dem Jordan zu der Erntezeit — Die Alten konnten ihren Schatz nicht heben, Die Jüngsten sind von ihr entfernt so weit! Ties ist sie wie das Meer in seinem Grunde, Und unermeßlich, gleich des Abgrunds Schlunde. Ich wollt' sie nur in meinen Garten leiten, Daß sie mir tränken soll mein kleines Beet; Ich sah den Teich zum Fluß, zum Meer sich weiten, In das der Wasser reiche Fülle geht, O, könnt' es leuchten noch den fernsten Zeiten, Ein Morgenstrahl, vor dem die Nacht verweht; Denn gleich den Seher» sprech' ich heil'ge Worte; Sie sei'» den Spätesten zum Lebenshorte. Heinrich Keines Stammbaum väterlicherseits. (L n- /<Axs wird nun Wohl hier der Ort sein, der Mittheilungen Heinrichs über seine Großeltern zu gedenken.' Dreimal nur erwähnt Heine in seinen Schriften den Großvater, einmal die Großmutter. Das erste Mal in dem Wintermärchen „Deutschland", also im Januar 1844, wo er seine