Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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352 erschöpft wurde, sah sich die k. k. Staatsanwaltschaft — der sonst kein mißliebiges Blättchen entgeht — veranlaßt, die Weiterverbreitung der Druckschrift zu untersagen! Der Pfarrer Ignaz Wojs in Trzebinia verbreitete in der Kirche und an anderen Orten eine von ihm verfaßte Flugschrift, welche bestimmt ist. zwischen Juden und Christen im sozialen Leben eine strenge Scheidung herbeizusnhren, um dadurch „den Einfluß der Judenschast weniger schädlich zu machen". Dienst und Anstellung bei Juden zu nehmen, soll nach dem Wunsche des Herrn Pfarrers verboten sein, jüdische Aerzte sollen von den Christen nicht konsultirt werden, von Inden bereitete—Medikamente nicht eingenommen Werdern Das Zusammenwohnen der Christen und Juden in einem Hause, die Theilnahme an jüdischen Mahlzeiten wird verpönt. Juden dürfen zu öffentlichen Aemtern nicht zugelassen werden. Es ist mehr als begreiflich, daß ans solchem Boden die Giftpflanze des Antisemitismus zu voller Blüthe emporschießen mußte. Was soll mit den unglücklichen Emigranten aus Rußland und Rumänien geschehen? Das ist gegenwärtig die wichtigste Frage, die die Oeffentlichkeit und vor allen: die großen Organisationen zu beschäftigen hat. Amerika will sie nicht mehr; in Argentinien bilden sie eine Landplage. Wohin sollen sie null gehen? Den ganzen Ernst der Situation zeigen uns die beiden folgenden Berichte ans London und aus Buenos Aires: Die United Hebrew Charities von Newhork hat vor einiger Zeit all den Vorsitzenden des Londoner Board os Guardians ein Schreiben gerichtet des Inhalts, das Board möge doch die Hernbersendnngen jüdischer Emigranten nach den Vereinigten Staaten einstellen. Der Brief wurde in der Monatssitznng des Board vom 8. d. M. verlesen und hatte da die Wirkung eines Blitzes aus heiteren: Himmel gehabt. Wie weit muß es schon gekommen fein, wenn selbst die vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsvereine von Newhorkkeine Emigranten mehr haben wollen! Wohin sollen die Zehntausende von armen Glaubensgenossen, die jahrein jahraus gezwungen sind, sich eine neue Heimath zu suchen, denn hin, wenn ihnen selbst das gastfreie Amerika seine Thore verschließt? Trotzdem schlug der Vorsitzende des Board, Mr. Leonhard Cohen, vor, den vereinigten Newhorker Vereinen die Erfüllung ihres seltsamen Wunsches ohne weiteres zu versprechen. Der Vorschlag wurde jedoch allseitig bekämpft. Parlamentsmitglied Stuart M. Samuel schlug vor, die Vereinigten Vereine um die Namhaftmachung derjenigen mittellosen Emigranten zu ersuchen, die das Board im letzten Jahre nach Amerika hinübergeschickt habe. Die Debatte wurde schließlich vertagt, nur dem Emigrationskomitee des Board Gelegenheit zu gebeil, sich mit der sensationellen Allgelegenheit eingehender zu befassen. Und aus Buenos Aires schreibt man: Die kopflose Auswanderung russischer Juden nach Argentinien, welche trotz wiederholter Warnung von Seiten der .lanlsli Colonisation ^ssomation immer noch fortdauert, hat in Buenos Aires geradezu unhaltbare Zustände gezeitigt, welche das ganze argentinische Kolonisationswerk zu gefährden drohen. Seit 12 Monaten vergeht fast keine Woche, in welcher nicht einige Dutzend völlig mittelloser Inden in Buenos Aires landeten, und im März bestes sich die Zahl dieser Einwanderer sogar auf 800. Das Centralkomitee der .1. C. in Argentinien kann für diese ungebetenen Gäste nicht das Mindeste thun, da auf den Kolonien zu ihrem Empfange nichts vorbereitet ist. Sie können daselbst auch nicht als Tagelöhner beschäftigt werden, da die Leute thörichterweise gleich mit ihren Familien ankommen, die sie mit einem Tagelohn von etwa Uü Mark nicht ernähren können. Natürlich überlaufen die Einwanderer die Beamten der jüdischen Kolonisationsgesellschaft derart, daß diese sich veranlaßt sahen, dieBüreaus durch Polizei abzusperren. Wenn sie aber dadurch vor einer Belästigung durch die Einwanderer selbst auch geschützt sind, so können sie sich doch vor den argentinischen Behörden nicht schützen, welche täglich in ihre Büreaus kommen und sich erkundigen, ob die 3. C. für die vielen Leute noch immer keine Beschäftigung hätte. Die Behörden würden den Leuten gern Land schenken, allein dazu ist es nöthig, daß die Einwanderer den Nachweis führen können, daß sie in der Lage sind, sich das zu diesem Lande gehörende todte und lebende Inventar anzuschaffen. ein Postulat, dem die Leute, welche zwar mit zahlreicher Familie, aber ohne einen Pfennig in der Tasche sich auf die weite Reise begeben haben, unmöglich genügen können. Die kopflose Auswanderung der russischen Juden nach dem bis vor kurzem von ihnen so gemiedenen Argentinien beginnt schon gewisse unvermeidliche Folgen zu haben. Wie „La Nacione", „El Pais" und „La Trensa" vom 19. Mai übereinstimmend melden, hat der Chef des nationalen Departements für das Jmmigrationswesen, Dr.Alsina.dem Ackerbanminister vorgeschlagen, den jüdischen Einwanderern die allen Emigranten vom Staate gewährte Begünstigung der freien Fahrt bis zum Orte der definitiven Niederlassung zu entziehen. Der argentinische Antisemit kam aber mit diesem Vorschlag an den Unrechten. Der Minister verbat sich ein für allemal, ihm Nathschläge zu ertheilen, die darauf hinauslaufen, auf dem bei der antisemitischen Internationale so sehr beliebten „Verwaltungswege" das Gesetz zu verletzen, welches in Bezug aus die Einwanderer weder nach Religion noch nach Rasse oder Nation frägt. Dr. Alsina ist derselbe Beamte, welcher vor fünf Jahren den Gouverneur von Entre Nios vor den Inden gewarnt hat, da dieselben „sich mit der Bevölkerung nicht vermischen wollen und durch ihre rapide Vermehrung sich in Entre Nios zu einer unabhängigen Macht ausznwachsen drohen. Beide voll Dr. Alsina gegen die Juden ins Feld geführten Gründe sind gar nicht mehr neu. Der erste Einwand gegen die Juden wurde scholl vom allen Haman, der zweite von den: neuen Pharao, welcher Joseph nicht gekannt hat, angeführt. Der Rath des Dr. Alsina wurde daher als sehr wenig originell vom Gouverneur von Entre Nios damals in den Wind geschlagen. Vielleicht kommt Ulan aber in Argentinien einmal doch wieder darauf, wenn unsere russischen Glaubensgenossen ihre köpf- und planlose Auswanderung nach Argentinien nicht bald wieder einstellen. Bericht über die 46. Jahresversammlung des Vereins israelitischer Elemeirtarlehrer für Rheinland und Westfalen. ^An dem mit allem Komfort der Neuzeit ausgestatteten Hotel „Zmn goldenen Stern" zu Bonn tagte am Montag, den 27. und Dienstag, den 28. Mai die Jahreskonferenz obengenannten Vereins zugleich Generalversammlung für die Mitglieder der Unterstützungslasse desselben. Erster Sitzungsta g. Gegen 3 Uhr Nachmittags erösfnete der Vorsitzende, Herr Hauptlehrer Graf-Essen, die Sitzung, begrüßte die anwesenden Kollegei' und Ehrengäste, als welche bis dahin erschienen waren die Herren Direktor Dr. Adler-Frankfurt a. M., Synagogenvorsteher Goldschlnidt Bonn, Dr. med. Arth. Kahn-Bonn. Seminardirektor Dr. Spanier- Münster. Rabbiner Dr. Nosenthal-Köln. Hierauf gab er einen Ge schäftsüberblick über das verflossene Jahr und gedachte der im Laufe des Jahres verstorbenen Vereinsmitglieder Katten-PoPPelsdorf, Lippers Hagenau und Brisch-Mülheim a. Rhein, zu deren ehrendem Andenken sich die Anwesenden von ihren Plätzen erhoben. Der Vorsitzende stetltdie merkwürdige Thatsache fest, dasz, als vor genau 30 Jahren, sah an denselben Tagen, die rheinisch-westfälische Versammlung israelitische- Elementarlehrer ebenfalls in Bonn getagt, die jüdische Gemeinde daselbst einen Nabbiller, aber keinen Lehrer gehabt habe, heute Hab' sie einen Lehrer, aber keinen Rabbiner. Hierauf ergriff Herr Direktor Dr. Adler, als Delegirter de Vereins jüdischer Lehrer, das Wort, um in schwungvoller, bilderreiche. Rede ungefähr Folgendes auszuführeu: Die Zeiten des Druckes und der Knechtschaft, woran die Burgruinen auf den Userbergen des Rheines erinnern, sind glücklich vorüber. Unter dem Schutze des Friedens und der Freiheit, als deren Denkmal sich das Arndt-Monument auf dem „Alten Zoll" erhebt, kann Schönes und Edles sich frei entwickeln und gestalten. So konnte auch Ihr um die Hebung des jüdischen Lehrerstandes so verdienter Verein erblühen durch die Bemühungen wackerer Männer, denen dafür Dank und Anerkennung gebührt. Im Namen des Vorstandes der Synagengemeinde Bonn heißt dessen Vorsitzender Herr Goldschmidt sodann die Erschienenen in freundlichen Worten willkommen und theilt unter dem Beifall der Versammlung mit, daß die Synagogengemeinde der Unterstütznngskasse eine Zuwendung von 150 Mark gemacht habe.