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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-26 · Heft 30 (26.7.1901) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 351 (sequence 5)
Language
German
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Aber es liegt uns fern, all einem Richterspruch Kritik üben zu wollen. Dieses Recht steht nur dem höheren Richter zu. Und da der verurteilte Gustav Schiller gegen das Konitzer Urtheil Revision eingelegt, so ist zn erwarten, daß die Aussagen des Angeklagten und der Zeugen noch einmal zu reiflicher und objektiver Nachprüfung gelangen werden. Am Ende bleibt gerade für diesen Prozeß das Wichtigste die Zeugenaussage des Untersuchungsrichters, der, sicher als der kompetenteste Beurtheiler in diesen Dillgen, auf die Frage, voll welcher Seite die Zeugen beeinflußt werden, geantwortet hat: „Massenhaft von antisemitischer Seite, ob auch von Philosemitischer, das könne er nicht geradezu ausschließen, aber er erinnere sich keines Falles!" Damit ist festgestellt, daß die Fluth der Beeinflussungen von Antisemiten herrührt, aber bestraft wurde doch ein Gegner der Antisemiten! Das Resultat derBerathungen des deutschen Fleischertages über den sächsischen Schächtantrag ist in mancher Beziehung sehr lehrreich und nach jeder Richtung hin werthvoll. Ein Leipziger Fleischer beklagt den Schaden, den das Gewerbe dort dadurch erleidet, daß die Juden infolge des Schüchtverbots von auswärts ihr Fleisch beziehen, ein Dresdener Fleischer aber meint, daß, wenn das Schächtverbot nicht auf das ganze Reich ausgedehnt würde, es auch in Sachsen aufgehoben werden müsse, da ja sonst die sächsischen Fleischer erheblichen Schaden erleiden. Und das Alles — im Namen der Humanität und des Thierschutzes! Gegen die Ausschlachtung der Bankkrache durch antisemitische und konservative Blätter wendet sich in bemerkenswerther Weise nun sogar die „Kreuzzeitung", indem sie schreibt: „In einigen Blättern antisemitischer und auch konservativer Richtung sind mehrfach Andeutungen gemacht worden, als handele es sich bei dem ganzen Krach von Dresden und Leipzig um einen planmäßigen Feldzug der Berliner Haute Langue gegen eine antisemitische Konkurrenz. Beweise hierfür sind nicht erbracht worden, und uns selbst sind keine Thatsachen bekannt, die einen solchen Zusammenhang wahrscheinlich machen. Auch den anderen, milderen Vorwurf halten wir für unangebracht, daß die Berliner jüdische Hochfinanz nichts zur Rettung der durch Mißwirthschast und Verbrechen in Verfall gerathenen Gesellschaften gethan habe. Genau genommen trifft diese Behauptung nnr bei der Kasseler Trebertrocknungsgesellschast zu. während die anderen Institute thatsächlich durch das Eingreifen der Hunte Langue vor dem Konkurse gerettet worden sind. Die Kasseler- Gesellschaft aber war unter keinen Umständen zn retten, und damit war auch der Verfall der Leipziger Bank bewiesen, die fast das Doppelte ihres eigenen Aktienkapitals in jenem Wittkeluuternehmen sestgelegt hatte. Wenn mall eine politische Nutzanwendung ziehen will, so kann es nur die sein, daß auch eine zur Schau getragene Politische Färbungkeine Gewähr bietet für gänzliche Zuverlässigkeit. Wir bedauern, daß hier Männer in autoritativen Stellen, daß in Sachsen Regierungskreise, wohlthätige Stiftungen und viele hochangesehene Personen sich in weitgehender Gutgläubigkeit haben täuschen lassen. Wir müssen aber wiederholt darauf hillweisen, daß es sich dabei nur um die geschäftlichen Verfehlungell Einzelner handelt, gegen die es keinen wirksameren Schutz giebt, als das gesunde Mißtrauen in allen Geldangelegenheiten." So selbstverständlich diese Ausführungen sind, so beachtenswert!) ist es doch, daß ein Blatt wie die „Kreuzzeitung" in so entschiedener Weise andere konservative und antisemitische Blätter abschüttelt, die es fertig gebracht haben, ans den finanziellen Katastrophen der letzten Zeit Angriffe gegen die sogenannte „jüdische Hochfinanz" herznleiten, obgleich die letztere, oder was darunter verstanden wird, mit keiner der betroffenen Anstalten in Zusammenhang zu bringen war. Noch lächerlicher war natürlich die Idee einer förmlicher Verschwörung dieser Finanz, und diese Lächerlichkeit ist wohl mit ein Beweggrund für die entschiedene Abfertigung, welche selbst die „Kreuzzeitung" hier den ihr Politisch nahestehenden Blättern, wie „Reichsbote" und ähnlichen, zu Theil werden läßt. Die unglaublichen Zustände, die in Galizien durch die Jesuiten und die Schlachta geschaffen wurden und den Polnischen Antisemitismus gezeitigt haben, werden in einer Wiener Zeitschrift ,,-k-Strahlen" vom Juli d. I. in folgender Weise geschildert: Als eigentliche Antisemiten treten zuerst in Galizien die Jesuiten auf und die von ihnen beeinflußte polnische Schlachta. Sie geberden sich allerdings nicht immer als offenkundige Antisemiten, sondern begnügen sich mit der Veranstaltung verschiedener Judenhetzen, wobei sie immer eine unschuldige Miene aussetzen, sich nach außen hin „neutral" verhalten und sich durch andere Herrschaften vertreten lassen. Diese Politik hat neulich ein hervorragender Schlachziz, Paier Mo, rawski, in dem Blatte „Przeglad powszechny" (im Aufsatz n. d. T. „Asemitismns") sehr gut präzisirt. Wir sind Asemiten, nicht Antisemiten — sagt der genannte Herr. Ec möchte durch Bopkottirung der Juden dieselben zum Verlassen Galiziens zwingen. Pater Morawski sagt deutlich genug, die Herrschaften seien Judenfeinde, verabscheuen aber die pöbelhafte Benennung „Antisemitismus". Die Organe der Schlachta, wie der „Dziennik Polski", sind mit der speziellen Aufgabe betraut, der Bevölkerung Galiziens die Ueberzeugung beizubringen, daß an all dem Elend Galiziens nicht die Schlachta, wohl aber die Juden schuld seien. „Es müssen tausende Juden erschlagen werden, bis sich die Bevölkerung beruhigt," schrieben die Schlachzizenblätter vor den letzten antisemitischen Unruhen in Galizien. Während der genannten Unruhen brachte der „Dziennik polski" blutdürstende Artikel, und die betreffenden Nummern wurden unter die Landbevölkerung vertheilt. So schrieb der „Dziennik polski" in der Nr. 127, vom 8. Mai 1898: „In den Straßen unserer Stadt schleicht den ganzen Tag über eine abscheuliche Sippe von den, mit polnischem Brod gemästeten. jüdischen Potentaten und aufgeputzten Jüdinnen — und schaut mit Erbarmen von Oben herab auf die seltene Erscheinung eines christlichen Passanten, welcher uolens volons dem sich breit machenden Judenthum aus dem Wege gehen und in den Weggraben kriechen muß . . ." Als man die antisemitischen Unruhen im rnthenischen Ostgalizien nicht Hervorrusen konnte, schrieben die Schlachzizenblätter. der rnthenische Bauer sei den Juden gegenüber reicht widerstandsfähig, es sei somit eine Kolonisation Ostgaliziens mit den polnischen Bauern uöthig, „um das Chvistenthum in diesem Landestheile zn retten". Der Schlachta. die ja alle einflußreichen Stellen in Galizien mit ihren Leuten besetzt, stehen viele Mittel zur Versügnng, nnr die jndenfeindliche Bewegung zu fördern. Am zweckdienlichsten erweist sich aber in dieser Beziehung die Agitation des Polnischen Klerus. Die von den Jesuiten heransgegebene und von dem Fürstbischof Puzhna unterstützte Monatsschrift „Glosh katvlickie" brachte im Augustheft vorigen Jahres einen ungemein scharfen und aufreizenden Hetzbries gegen die Juden und gegen die jüdische Religion, betitelt „Ochlebie iniebie". Dieser Hetzbrief wurde von dem fürstbischöflichen Konsistorium (mit dem Beschlüsse vom 27. August 1900, Z. 4261) approbirt und in einergroßen Menge in Galizien versendet. Erst nachdem die Auflage bereits

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