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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-26 · Heft 30 (26.7.1901) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 350 (sequence 4)
Language
German
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350 so haben die vielen Gewitterschläge der Gehässigkeit, die an verschiedenen Punkten unter den Juden zündeten, selbst die Gleichgiltigen unter uns ans dem indolenten Zustand ansgeschreckt und zum Selbstbewußtsein erweckt. Die Früchte dieses auf sich Sclbstbesinncns zeigen sich bereits jetzt in der erfreulichen Rückwirkung, da man allenthalben im Judenthum ansängt, sich zusammenzuschließen, zu organisireu, um den Angriffen auf die Ehre des Judenthunis um so wirksamer entgegentreten zu können. Diese durch die Verhältnisse anfgezwnngene Tätigkeit von Abwehr und Nertheidigung hat jedoch auch eine Positive Seite ans sich erzeugt, die eine erfreuliche moraliche Errungenschaft bezeichnet. Wir sehen überall die Hände hilfsbereit sich regen, um die alte große jüdische Idee der innern Mission in der Fürsorge im weitesten Umfang zu verwirklichen. Sie tritt ans den engen Schranken der einzelnen Gemeinden, wo sie oft wegen Unzulänglichkeit der Kräfte lind Mittel hinter dem Wünschenswertsten weit zurückgeblieben, heraus, um nach großen und weiten Gesichtspunkten nach Maßgabe der modernen Kulturaufgaben, unter systematischem Zusammenwirken vieler Intelligenzen sich zu bethätigen. Diese wohlthatige Strömung dringt in alle Kreise und Schichten und ergreift selbst Diejenigen, die bisher phlegmatisch oder aus Selbsttäuschung der Gesannntheit fern standen, zu reger und hilfsbereiter Theilnahme. Wenn je zu irgend einer Zeit, so zeigt sich jetzt an diesem merkwürdigen Spiel der polaren Gegensätze: gehässige Bekämpfung des Judenthunis und als uichtgewollte Folge derselben die regenerirende Erstarkung desselben, der alte jüdische Wahlspruch von neuem in seiner vollen Geltung: 6mn su lotolm, auch dieses ist zum Guten. Es ist dies der verneinende Geist, der das Böse will und das Gute schafft. Je mehr wir aber zum Guten fvrtschreiten, desto mehr muß mit der Zeit der verneinende Geist des Bösen an Kraft und Umfang verlieren. Und der ehrliche, sittliche Kampf wirkt befreiend und veredelnd wie auf die Kämpfenden, so, wenn auch im Laufe einer langen Zeit, auf die verstocktesten Gegner. Der Kampf des Judenthums ist nicht der Kampf der Rassen- und der Religionsgemeinschaft — denn dazu hat ihn nur die, die einheitliche Menschheit nach ihrem Schema trennende Selbstsucht gemacht — sondern der der Humanität, gegen eben diese maßlose, verblendete Selbstsucht, die aus diesem sich selbst zerstörenden Gefühl heraus die unsittlichsten Mittel ergreift, den Andern zu unterdrücken und zn vernichten. Bei diesem Kampfe müssen wir besonders zwei Momente beachten, um ihn wirksam zu machen. Die begonnene regenerirende Erhebung muß einerseits mit Ausdauer und Beharrlichkeit erfolgen, sie darf nicht blos eine augenblickliche leidenschaftliche Reaktion sein, die sich an dem Eigensinn und der Verbohrtheit der Gegner abstumpfen läßt. Anderseits muß besonders die Jugend mit tieferer Kenntniß des Judenthums ausgerüstet werden, damit sie klar erkenne, daß die Zwecke und Ziele des Judenthums von seinem ersten geschichtlichen Auftreten bis auf die gegenwärtige Zeit und in alle Zukunft nichts anderes sind als die Zwecke und Ziele der echten und reinen Humanität, und daß sie sich mit allen modernen sittlichen Kulturaufgaben vollständig decken. Die älteren jüdischen Generationen hatten eine klare Auffassung davon, was sie der Jugend in der Vererbung dieser jüdischen humanen Ideale schuldig waren. Air jedem Sabbath und an jedem Festtage empfingen sie dazu die kräftige Anregung ans dem Schlußgebet, in das die biblische Sentenz eingeschaltet ist: „Sind alle deine Kinder gottbelehrt, dann ist groß deiner Kinder Glück — und deine Kinder sind deine Erbauer." Diese Stelle ist nicht ohne Vorbedacht an den Schluß gesetzt, damit die'Betenden den frischen Eindruck derselben als einen der besten in der Erbauung mit nach Hause nähmen, um ihn nach Möglichkeit zu verwirklichen. Es ist nun aber charakteristisch dafür, wie wenig man bei uns in der Gegenwart daraus Bedacht nimmt, das jüdische Ideal, „gottbelehrt" zu sein, in der reiferen Jugend fortzupflanzen, daß ein fürwitziger Eklektizismus in den modernen Gebetbüchern gerade diese Stelle der Jugenderziehung weggelassen. Und doch kommt sehr viel darauf an, der jüdischen Jugend zu zeigen, wie alle wahren und edlen Kulturbestrebungen mit dem Geiste des Judeuthums in innigem Zusammenhang stehen, nachzuweisen, wie gerade dieser Geist es war, der durch seine Lehre und sein Beispiel zu allen Zeiten die mächtige Anregung dazu gegeben, daß die Menschen bei allen sonstigen Verschiedenheiten sich als Menschen betrachten und lieben sollen. Muß der Trvstsabbath sich auch gegenwärtig noch mit dem Zuspruch des Trostes nach Maßgabe der Verhältnisse einschränken, so zeigt er uns doch die Knospe, aus der er sich zu reicher Blüthe entfalten kann. Me Woche. Berlin, 23. Juli ine unscheinbare Notiz in den Tagesblättern dieser Woche über Religionsübertritte ist für uns von großer Wichtigkeit. Dieselbe lautet: Nach der neuesten statistischen Uebersicht über die kirchlichen Zu stände in den zun: Stadtsynodalverbande Berlin gehörigen evan gelischen Gemeinden beträgt die Gesammtzähl der Uebertrüte zur evangelischen Kirche in Berlin im Jahre 1900 547. Davon 160 aus dem Judenthum. In ihrer lakonischen Fassung spricht diese Notiz ganze Bände. Wenn man bedenkt, wie jahraus jahrein über di „Massentansen" in Berlin gesprochen und geschrieben wird wenn mau sich in Erinnerung bringt, daß der Staat noä immer eine Prämie auf den Abfall vom Judenthum setzt, ja, daß selbst viele Privatgesellschaften Anstand nehmen, Jude» anzustellen, so wird man dieses Resultat ein günstiges sin unsere Sache wohl mit Recht nennen dürfen. Und in die Ziffer der Religionsübertritte sind die sogenanten Kindertausen, es muß dies ausdrücklich betont werden, miteinbegriffen. Nur die Taufen von Kindern jüdischer Eltern gleich nach der Geburt werden nicht zu den Uebertritten gezählt. Aber gerade diese Art von Taufen kommt erfahrungsgemäß nur selten vor. Die Sache hat aber noch eine andere Seite. Wie bekannt fällt seit Anfang des 18. Jahrhunderts fast immer die Hälsb aller Judentaufen in Deutschland auf Berlin. Wenn man aunimint, daß dieses Verhältniß auch heute noch zutrifft - und wir haben leider alle Veranlassung, dies anzunehmen - so würde die deutsche Judenheit im Jahre 1900 nicht mehr als etwa dreihundert Seelen verloren haben. Nun sind wi> zwar eine winzige Minorität den anderen Religionsbekenntnissen gegenüber, aber Gott sei Dank doch stark genug, ui» diesen Verlust nicht nur ertragen zu können, sondern ihn

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