Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- Seite 348 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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348 lodie ertränkte sich in der nächsten. Er veraas; dabei ganz die Armuth seines Lebens, ja er zog wie ein begeisterter Held in die Stuben der Fleischer und Jäger ein. Er Hütte gern seine Sangeslnst in der Synagoge befriedigt, aber man ließ ihn selbst am Jomkippur, wo doch den ganzen Tag über gebetet wurde, und für Schachris, Minche, Nile und Meiref je eilt anderer Borbeter aus der Gemeinde gewühlt wird, nicht zu diesem Amte zu, weil er ein Amhorez, ein „Mann der Erde" war, ein Unwissender am Worte des Herrn. Er stand stundenlang vor den Fenstern des Wirthshauses auf dem Platze, wo die Zigeuner aufsvielten, und lief diesen braunen Musikanten selbst ins nächste Dorf nach, wenn sie hingezogen, um dort einem Mägdelein zu ihrem Namenstage ein Abeudständchen zu bringen. Nahe dem Mannesalter kam ihm endlich die Idee, an die jüdischen Musikanten heranzntreten, daß sie ihn in den Regeln der so hochverehrten Kunst unterwiesen. Seine Finger waren schon zu steif, um die Violine meistern zu können, seine Zunge zu schwer, um den Ansatz für die Trompete oder Klarinette zu erlernen, und da Chasle Schuster, der das Bassettel strich, an gichtischen Anfällen litt, so versuchte inan es, ihn zu dessen Nachfolger heranzubilden. Er wußte nicht viel von Noten und von Tonarten, er wußte nur, daß er den Finger auf dieser Saite so hoch, auf der anderen so tief zu halten habe, denn mehr als zwei Saiten hatte sein Bassettel, ein ausgedientes Orchestercello, nicht, die und die 6-Saite. Er kannte bald alle Stücke des Nepertoirs auswendig, den Hochzeitsmarsch, die Melodie nach vollendeter Trauung, noch einen Marsch, die Mazurka für den Tanz, die Zepperlpolka, den Hopser und den Ländler. Er kannte jeden Takt auswendig und wußte genau, wann der Baß zu wechseln sei. Das waren seine positiven, musikalischen Kenntnisse. Groß war das Einkommen nicht, das er sich durch die Musik verschaffte. Der Hochzeiten gab es nicht viele und ein fixes Honorar wurde nicht bezahlt, sondern jeder Gast warf in die Büchse, was er wollte, und sie wollten gewöhnlich nicht viel, die Gäste. Es ist selbstverständlich, daß Mendele als frommer Jude zur rechten Zeit ein Weib nahm, das zur rechten Zeit in regelmäßigen Abständen Kinder zur Welt brachte. Die Spesen dieser regelmäßigen Ausgabe wurden durch die unregelmäßigen Einnahmen der Musikproduktionen gedeckt. Mendele war ein braver Gatte, der seine brünette, kleine magere Frau mit dem üblichen Kosenamen „mei Harz" und „mei Gold" rief, und er war auch ein guter Vater, der seine Kinder liebte. Aber sie waren ihm nicht das, was sie jedem guten Juden in Martinsdorf waren, sie waren ihm nicht Alles (Gott zuvor). Er theilte sein Herz zwischen Gott, den er dreimal täglich anrief und dem er unzählige Male für die Genüsse des Lebens dankte, der Familie und der Musik. Musik! Ach, wie er sich nach wirklicher, schöner Musik sehnte! Seine größte Sehnsucht war es, einmal im Leben nach Wien zu fahren, um dort in das große, schöne Haus zu gehen, in dem der Kaiser sich von eigenen Musikern und Sängern am Abend zur Erheiterung etwas Vorspielen und Vorsingen läßt. Die Oper soll es heißen, wurde ihm gesagt. Da einige Jahre hindurch der regelmäßige Kindersegen ausgeblieben war, und die unregelmäßigen Einnahmen in der Kassa, einem defekten Frauenstrumpfe, aufgespeichert lagen, entschloß er sich endlich, von Martinsdorf nach Wien hineinzusahreu, um in die kaiserliche Oper zu gehen. Der ganze Ort wußte, daß Mendele Klesmer nach Wien hinein fahre, die kaiserliche Oper zu besuchen. Ihm war die Gabe verliehen, sich jede noch so verwickelte Melodie zu merken und rein uachzusingen, so daß man sich von seiner Fahrt für das Musikleben der Gemeinde große Vortheile versprach. Er hatte seine Schabbeskleider angezogen, von allen Bekannten feierlich Abschied genommen und saß endlich im Zuge, der ihn nach Wien bringen sollte. (Forts, folgt.) Litterarische Mrttheilimgen. — Im Verlage von M. Zuelzer L- Co.. Berlin, erscheint demnächst: Predigten, Betrachtungen und Gebete von Dr. Benjamin Rippner, ehemals Rabbiner in Glogau, ans dem Nachlaß allsgewählt und mit einem Vorwort versehen von Dr. B. Jacob, Rabbiner in Güttingen. Die Sammlung enthält 130 Predigten, die nach ihrer Zugehörigkeit zn den Wochenabschnitten bezw. Festen znsammengestellt sind, sowie eine Anzahl Gebete für Wochentage, Sabbathe und Feiertage. Rippner ist eitler der selbständigsten und gedankenreichsten jüdischen Theologen der letzten Jahrzehnte. Wie seine Predigten, Schöpfungen einer religiösen, weltknndigen, lebensfrohen und menschenliebenden Seele, durch ihren eigenartigen Gehalt und ihre klassische Formenschönheit einen tiefen und geradezu zauberhaften Eindruck auf seine Gemeinde ansübten, so wirken sie auch in Buchform fesselnd, erbauend und belehrend. Die Sammlung ist zugleich unter dem Gesichtspunkt allgelegt, Lehrern lind anderen für das Predigtamt nicht vorgebildeten Männern als Hilfsbnch zu dienen, ferner in kleinen jüdischen Gemeinden vorgelesen zu werden und den Prediger zu ersetzen, sowie ein Andachtsbnch der israelitischen Familie für geweihte Stunden lllld Tage zu werden. So wird das Buch eilte scholl lange empfundene und oft bedauerte Lücke in der jüdischen Predigt- und Gebetlitteratnr ausfüllen. Das Buch ist mit dem Bilde des Verfassers geschmückt, vornehm ausgestattet und gebunden. Um die Anschaffung den weitesten Kreisen zu ermöglichen, ist der Preis auf nur 8 Mark bemessen. Aufträge werden schon jetzt voll der Verlagsbuchhandlung entgegengenommen. ---- Der schoil längere Zeit gesuchte litterarische Nachlaß des Altonaer Arztes Dr. Steinheim wird, wie wir unseren Lesern mittheilen können, zur Veröffentlichung gelangen. Dr. Steinheim. den Allmers literarisch verewigt hat, war neben seinem Freunde Gabriel Rießer einer der glänzendsten Verfechter der Emanzipation und außerdem einer unserer bedeutendsten Religionsphilosophen, der „Philo des 19. Jahrhunderts", Dgl. Geiger. Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, Jahrgang 1872; Rippner in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft, 1872 und 73. A. D. B. Band 35, 725. Steinheim unterhielt auch nahe Beziehungen resp. Briefwechsel mit Männern wie Heinrich Heine, Gutzkow, Varuhagen voll Ense, Thorwaldsen u. v. A. Von großem Interesse ist die Korrespondenz zwischen Ludmilla Assing und ihrem „Onkel Steinheim". Ludmilla! Assing. Tochter der Dichterin Rosa Maria, der Schwester Varnhagens, s war die geistreiche Freundin Alexander v. Humboldts und Biographin des Fürsten Pückler-Mnskau. Die Veröffentlichungen erfolgen durch den Großneffen Dr. SLeinheims. Herrn Rabbiner Dr. Lu cas. Glogau. Sprechsaat. Sehr geehrter Herc Redakteur! ^Mn Nummer 24 (Gemeindebote Seite 2) bringen Sie eine Liste anti- (V semitischer Badeorte rc.. darunter u. a. Ettlingerweier und Bruchhansen (Schwarzwald). Ich möchte Sie daraus aufmerksam machen, daß diese zwei Orte ganz kleine Dörfer, aber keine Bade- und Erholungsorte sind; ich vermuthe fast, daß irgend ein Spaßvogel diese Orte als Badeorte oder Sommerfrischen bezeichnet hat. Karlsruhe, im Juni. Hochachtend Fritz Hornburger. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Pauchwitz in Berlin,