Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- Seite 347 (sequence 13)
- Language
- German
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347 Und Chairr: Schulhof, der Brautvater, erzählte mit unterdrückter Stimme eine Geschichte, die der würdige Herr gar nicht glauben wollte. Er strich seinen langen weißen Bart zurecht, nahm eine Prise und blickte sehr ernst. „Er will keinen Marsch spielen? Js Mendele meschugge?" „Ja," sagte Reb Chaim, „seitdem er in Wien in der Oper gewesen is, will er von nix hören wie von Wagner." „Wer is Wagner?" „Auer was Opern macht." „Nn, will Neb Mendel bei uns Opern aufführen?" „Er sagt, wenn man ihn nix laßt Wagner spielen bei der Chassene, spielt er auch ka Marsch. Die Anderen aber sagen, er is meschugge: sie können nix Wagner spielen, sie verstehen das nix." „Ma kenn doch nit mit der Kalle in Schill gehen ohne Musik, das war doch e Schand und e Spott." „Na, das geht nit, weil er das Bassettel hat, und ohne Baß, sagen se, können se nix spielen." Inzwischen war der Schulklopper mit dem Bericht gekommen, daß die Gemeinde ihr Minchagebet beendet habe, die Chnppe vor der Schul auf den vier Stangen sich wölbe, und alles bereit sei „Chossen und Kalle" zu empfangen. Der Rabbi sandte den Schames und befahl Mendele Klesmer kraft seiner Autorität als Oberhaupt der Gemeinde, sofort vor ihm Zu erscheinen. Nach etwa zehn Minuten stand der kleine Mann vor der ehrsnrchtgebietenden Gestalt seines Rabbiners, der ihm befahl, sein Bassettel zu nehmen und mit den anderen Musikanten den üblichen Hochzeitsmarsch Zuspielen. „Nebbeleben, ich spiel nix." „Wie heißt, Ihr spielt nix, Neb Mendele? Es ist doch heut eine Mizweh, Chossen und Kalle zu erfreuen." . „Nebbeleben, wenn ich spiel', begeh ich e Newereh, denn ich Hab' geschworen, wenn meine Kameraden nix mit mir heute die Ouvertüre zu Lohengrill anfführen, spiel ich ka Hochzeitsmarsch und ka Tanz." „So werden mer Enk den Schwur matter sein." „Nebbeleben, ich wer aber doch nix spielen." Der Rabbiner zog die dichten Allgenbrauen zusammen und sah drohend auf den kleinen Mann mit dem schütteren Haar- und Bartwuchs, der ihm zu widerstehen sich unterfing. „Und warum?" forschte er unwillig. Mendele hob sein schmales Gesicht zum Rabbi empor, riß die schüchternen, zwinkernden Augen weit auf und sagte hastig: „Nebbeleben, weil ich auch e Mensch bin und nix immer denselben Stüh spielen will. Ich waß jetzt, was Musik ist. Ich waß jetzt, was wirklich Musik is. Dort drinnen in der kaiserlichen Oper ill Wien Hab' ich's gehört. Ich wasz jetzt, wer Wagner is: Wagner, das is der, der die Musik macht, was vom Himmel kommt, vom „gelobten Namen" selbst. Der Rabbiner zuckte zusammen, als er die umschreibende Beziehung Gottes in Verbindung mit weltlicher Musik hörte. Mendele ließ sich jedoch nicht abschrecken. „Ja wohl, vom Oeberschten selber. Nix solche Musik, wie se de Zigeuner machen drüben im Ort. Keine Musik, wo de Burschen mit de Mädeln herumspringen und herumhupfeu dabei, sondern großartige, himmlische Musik. Und wenn ich haben will, daß se was lernen sollen in Martinsdorf und daß se Wagner spielen, worum lachen se mich aus?" „Sie sagen, sie kennen's nicht," erwiderte der Rabbi. „Se weren schon kennen, Nebbeleben. Wenn se mir Versprecher:, daß se beim Essen die Lohengrin-Onvertüre spielen, dann werden Sie hören, wer Wagner is." Dabei glühte das Gesicht des kleinen Mannes vor Eifer, und die Augen blickten verklärt zur hohen Gestalt des Rabbiners empor. Dieser sprach mit den übrigen Musikanten, die endlich einwilligten, nach den: Essen die Lohengrin-Onvertüre aufzuführeu. Der Zug rangirte sich. Voran die erste und zweite Violine, hinter ihnen die Klarinette und die Trompete und zum Schluß Mendele Klesmer, sein Bassettel an einem breiten Bande um den Hals gehängt. Dann kamen die Männer mit dem Bräutigam in der Mitte, der in voller Todtenkleidnng im Sterbekittel und weißer Todtenkappe der „freudigsten Stunde seines Lebens" entgegenging. Vor dem Mund hielt er eine weiße Serviette, wohl als Symbol, daß er jetzt —? Doch gleichviel, vorläufig hielt er die — — — Serviette, aber er sprach noch und das ganz nnfeierlich, er schalt Mendele, daß er die Trauung verzögerte, denn er mußte vom Polterabend bis nach dem Tempelgang fasten. Mendele lächelte verlegen - und doch siegesbewußt, erhalte seiner: Willen dnrchgesetzt, nnrr mochten die Anderer: reden, was sie wollte:: — auch spielen dursten sie was immer. Hui, wie's in den Lüften gellte. Tran: ta ta ran: ta ta ram ta ta, ra ta ta ta ta, ra ta ta ta, ta tram tram tram. Die Satter: schwirrten, die Trompete schmetterte trara trara trara, die Klarinette jauchzte, Mendele aber strich wacker von der äauf die 6-Saite, schrum schrurr: schräm, schrun: schräm schrurr:, selig vor sich hinlüchelud. Er hatte die Griffe sicher durch die vieljährige Uebnng, er mußte rächt mehr an das denken, was gespielt wurde, er hörte es auch rächt. Ir: seiner: Ohren wirbelte:: herrliche Töne, zitterten elfenhaste Stimmen, die in süße Harmonien vereinigt zusarnmenklangen wie Aeolsharfen, wie die Himrnelsmnsik. Die Musik hatte von jeher sein Dasein verschönt, sie war die Trösterin seines armseligen Lebens. Mendele war von frühester Jugend auf ins Dorf gegangen, um Hasenfelle für Seife, Bänder oder Spitzer: einzntanschen. Er hatte daher rächt Zeit gehabt, im Cheder oder beim Meammed in der Kenntniß der Gotteslehre fortzuschreiten. Abgesehen von einiger Bibelkenrrtniß und der Fähigkeit, „Deutsch" zu lesen, aber nur Gedrucktes, war er ein Auchorez geblieben, arm, unwissend. Aber vor: Jugend auf umschwirrten ihr: Melodien. Jeder klingende Scherben war ihm eir: freudebringendes Spielzeug, jeder Zwirnfaden, den er ausspannen und zum Tönen bringen konnte, ein willkommener Zeitvertreib. Später hatte er eine Maultrommel eingehandelt und die Empfindungen seines Herzerls ir: die Töne hineingehaucht, die er ihr zu entlocken wußte. Aber man wollte in der Judengasse dieses christliche Instrument nicht leiden, diesen Zeitvertreib der Bauernbursche rächt dulden. Wenn er auf der Landstraße dahinzog, vor: einer:: Dorf zürn anderen, von: erster: Försterhalls zun: zweiten, nn: nachznsehen, ob Felle vor: geschlachteter: Thieren oder erlegtem Wild einzuhandetr: seien, da sang er laut vor sich hin, daß er mit seiner kleinen, aber durchdringenden Särnme den sausenden Wind übertönte. Eir: Ton Überschlag den anderen, eine Me-