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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-19 · Heft 29 (19.7.1901) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 29 (19.7.1901)
Date
1901-07-19
Page
Seite 342 (sequence 8)
Language
German
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342 nominell im Interesse der Kubaner nnd ans rein rnenschlichen Rücksichten (?), beiveist. Recht- und schutzlos gemacht, schlossen sich die Inden des Ghetto nunmehr zusammen zu einem Schutzbünde gegen die Judenverfolgungen und hielten zu diesem Zwecke eine Protest- Versammlung ab. In dieser Versammlung wurden einige krasse Fälle zur Sprache gebracht, die wir dem „Chicago American" entnehmen, und die beweisen, wie weit her es ist mit der gerühmten Freiheit der amerikanischen Republik. Der „Schutzverband" hieß früher „Verband jüdischer Hausirer", und der Präsident der neuen Organisation ist Herr Hhman Goldberg, der für die armen Chicagoer Juden bereits vieles geleistet hat. Er arbeitet in deren Interesse Tag und Nacht und hat dem Bürgermeister, dem Polizeichef, dem Rabbiner Dr.Hirsch, den Schulbehörden und den Wohlthätigkeitsanstalten über die Verfolgungen Bericht erstattet. Dieser Mann verdient das größte Vertrauen, dahin, daß er sein gutes Werk vollenden wird. Infolge der heftigen Judenverfolgungen in Rußland vor zehn und zwanzig Jahren waren viele Juden gezwungen, ihre einträglichen Geschäfte und guten Stellungen aufzugeben, verloren den Erwerb von Jahren und flohen nach Amerika. Viele von ihnen ließen sich in Chicago nieder, und Viele von ihnen, die eine gute Erziehung genossen hatten, waren in ihrer Armuth gezwungen, Trödler oder Lumpenhändler zu werden. Nach ihrer Tagesarbeit gingell sie ruhig nach Hause, ohne zu zechen und zu trinken, und studirten und lasen. Diese Hausirer sind durchaus ruhige Leute und friedliebend, aber trotz ihres Anstandes sind sie in Chicago heftiger verfolgt worden als in irgend einer anderen amerikanischen Stadt. Sie fügen sich darill, weil die jahrelange russische Tyrannei ihren Muth gebrochen hat, und einen Angriff vergelten sie nur selten. Am meisten haben die Hansirer von Schülern und halberwachsenen Burschen zu leiden. Zur Mittagsstunde verstecken sie sich voller Furcht irr den Anlagen, und in der Halstedstraße setzen sie sich oft der Gefahr aus, ihr Leben zu verlieren. Der Westen und der Süden der Stadt scheinen von Haufen von Burschen besetzt zn sein, die den Mordgeist in sich haben. Der Polizeichef O'Neill sagt zwar: „Jnngens sind Jnngens," aber Mörder sollten sie doch wohl nicht sein! Die beiden Abwehrmaßregeln: Vergeltung und Gegenangriff nützen den vorn Pöbel angegriffenen Inden gar nichts. Nur wenige dieser Fälle, die wir hier berichten, sind der Polizei bekannt nnd warum? Weil die armen Juden so oft scholl den Schutz der Polizei vergebens anriefen und in ihrer Unwissenheit denken, daß der Jude keinen Anspruch auf Schutz hat. Aber wir wissen es besser. Wenn ein Amerikaner in einem fremden Lande getödtet wurde, so durchkreuzt ein Kriegsschiff die Gewässer und droht das Land zu bombardiren und es vom Erdboden wegzublasen wenn nicht sofort Geuugthuung gewährt wird. Anders mit dem Juden. Bor zweieinhalb Jahren geschah ein entsetzlicher Mord in Chicago, aber man schenkte ihm wenig Beachtung. Es handelte sich um einen jüdischen Lehrer Namens Nosenberg, einen anständigen Mann. Er war ein Talmudgelehrter nnd ertheilte Privatstunden all jüdische Kinder, bevor sie ihre Schule besuchten. Eines Morgens ging er zu einem in der Bunkerstraße, in der Nähe von Halsted wohnenden Schüler, um diesem Unterricht zu ertheilen. Ganz ill seine Gedanken verloren, ging er ruhig seines Weges, als ihn Plötzlich eine Rotte von Burschen erblickte, die ihm fortwährend Schimpsworte zuriefen; er schenkte ihnen jedoch keine Aufmerksamkeit, sondern ging ruhig weiter. Bald warfen sie mit Steinen nach ihm, wie sie es bei jedem Juden gewohnt waren, dem sie begegneten. Er fing all zu lausen, aber seine Schritte waren nur schwach, da er beinahe 70 Jahre alt war. Die Burschen jagten unaufhörlich hinter ihm drein, und, um Luft zu schöpfen, blieb er in der Mitte der Straße stehen, das Gesicht seinen Verfolgern zugewandt. Große und kleine Steine trafen ihn, einige ließen ihn vor Schmerz zusammenzncken, andere betäubten ihn, die ihn am Kopfe getroffen hatten. Wahnsinnig vor Schmerzen stürzte er nunmehr auf einen der Burschen zu und zog ihn am Ohr. Blut troff von ihm herab, aber noch waren seine Sinne klar genug, den Knaben nicht zu verletzen, wie ja immer im Inden ein starkes Humanitätsgefühl lebt. Der Bursche schrie, mehr aus Angst, als vor Schmerzgefühl, und zwei große und kräftige junge Leute hörten diesen Schrei. Sie waren Verwandte dieses Jnttgen und wurden wüthend, als sie ihn von einem Juden geschlagen sahen. Es war frech von einem Juden, sich selbst zu vertheidigen, und sie beschlossen, ihm eine Lehre zu ertheilen. Sie erschlugen ihn mit Knüppeln und traten auf seinem Körper herum, bis feil: Haupt zermalmt war; dann ließen sie ihn liegen — allein und todt — ein Jude weniger. Noch einen anderen Judenmord, ebenso schwer zn glauben und dennoch wirklich geschehen, kennen wir, und viele Juden in dem betreffenden Viertel kennen noch die beiden Betroffener!, die vor ihren Angen getödtet wurden, ohne daß sie ihnen Hilfe bringen durften. Dieser zweite Mord ereignete sich vor ungefähr zwei Jahren, und dessen Opfer war ein Jude Namens Optoner, der in der Unionstraße 444 wohnte. Optoner war ungefähr 35 Jahre alt, hatte Iran und fünf Kinder und hatte schwer zn kämpfen, um das bloße Leben fristen zu können. Dazu war er erst kurze Zeit im Laude und verstand nur wenig englisch. Er handelte mit Lumpen in der Nähe der 52. Straße und Union-Avenne, und pflegte sich zur Mittagsstunde in den Anlagen zu verbergen — aus Furcht um sein Leben!! Eineo Tages jedoch entdeckten ihn die Burschen und begannen wie gewöhnlich mit Steinen nach ihm zu werfen und versuchten auch, ihm seine Lumpen zu entreißen. Der arme Jude konnte und wollte sein Eigenthum nicht aufgeben nnd versuchte es zu retten, aber vergebens. In seiner Verzweiflung ergriff er schließlich seinen Stock und schlug damit nach einem von den Burschen. Dieses genügte, um einen der Jungen zu veranlassen, sich nach Hilfe umznsehen, und erholte seinen erwachsenen Bruder herbei, der in der Nähe Ball (Fußball) spielte. Der Betreffende, ein Mensch von ungefähr 25 Jahren, war kräftig und stark gebaut. Er rannte schnell der Stelle zu nnd schlug den Juden mit seiner Keule ans den Kopf, daß Optoner todt zu seinen Füßen uiederstürzte. Ein dritter Fall, wo ein Jude auf den Chicagoer Straßen am Hellen lichten Tage getödtet wurde, ist der Fall des Alt Händlers Simon Peretz. Er kaufte altes Eisen, Maschinentheill u. dergl. auf, die er dann au die Eisenwerke weiter verkaufte. Peretz ging die Ogden-Avenue und Rockwellstraße entlang, beladen mit seinen Einkäufen, als einige „Ballonmützen" ihn anfzuziehen ansingen. Ihre Sprache wurde bald beleidigend, und Peretz verbat sich ein solches Betragen. Da stürzten sie

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