Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- Seite 340 (sequence 6)
- Language
- German
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340 Soldaten zur Armee zu stellen, Steuern und Abgaben zu zahlen und genießen daher den Vorzug — eine Ausstellung, zu deren Zustandekommen auch sie durch ihren Gewerbefleiß und Geld beigetragen — nicht besuchen zu dürfen. Sollte, die russische Polizei dieses hübsche Stückchen nur veranlaßt haben, um die ihnen mißliebige „deutsche" Ausstellung zu diskreditiren? Hainenti srit. Ein Kommentar hierzu ist wohl überflüssig. Die Fremdenfrage will im englischen Parlament nicht zur Ruhe kommen. Eine Anzahl sich verschämt konservativ nennender, in der Wirklichkeit antisemitischer Mitglieder des Unterhauses ist fortwährend bemüht, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Frage der „fremden Paupers" (lies „fremde Juden!") aufs Tapet zu bringen. Dabei wechseln sich die Herren turnusmäßig ab, und bald ist es der famose Mr. Howard Vincent, bald der sehr ehrenwerthe Mr. Lowther, bald der von den Juden East Londons ins Parlament geschickte, nicht so sehr ehrenwerthe Mr. Dewar, die wie auf Verabredung die Frage der Fremdeneinwandernng anschneiden. Am 24. Juni kam wiederum Mr. Howard Vincent an die Reihe. Er richtete all Mr. Gerald Balfour, als den Präsidenten des Board of Trabes, die Allfrage, ob es ihm bekannt sei, daß im letzten Jahre die fremde Bevölkerung Englands um 14 000 zugenommenen habe, daß in diesem Jahre die Zahl der Rumänen um 800, der Italiener um 30 und der Russen und Polen um 25 Prozent gewachsen ist. Ob ihm ferner die Thatsache bekannt sei, daß 19 535 voll diesen Fremden in einer solchen Verfassung waren, daß sie von: jüdischen Board of guardians lind von den Vereinigten Komitees für russische Juden und 2015, darunter 1100 Russell und Polen, von der Londoner Armenkommission unterstützt werden mußten. Gedenkt die Regierung Sr. Majestät in Anbetracht der unter der eigenen armen Bevölkerung in Sud- und Ostloudon herrschenden Wohnungsnoth sich mit der Materie zu befassen? Mr. Gerald Balfour antwortete darauf: „Die im ersten Theil der Anfrage allgegebene Zahl ist annähernd richtig, obgleich es durchaus unbewiesen ist, daß alle die Fremden sich in London niedergelassen haben. Die zweite Ziffer (19 535) bezeichnet die Zahl aller im Laufe des Jahres unterstützten Personell, fremder sowohl wie einheimischer. Die Zahl der Fremden, welche im Jahre 1900 in ganz England Unterstützung empfangen haben, überstieg nicht 4000. In London betrug diese Zahl 2015, die Hälfte voll diesen Leuten haben jedoch ärztliche Hilfe erhalten. Dann waren sehr viele unter den Unterstützten, die bereits seit vielen Jahren in England leben. Ich bin in Bezug auf gesetzliche Maßregeln nicht in der Lage, irgend welche Zusagen zu machen." Zn gleicher Zeit wie im Parlament wurde auch im Londoner Stadtrath voll antisemitischer Seite ein Vorstoß gegen die fremden Inden unternommen. Mr. Williams brachte eine Resolution ein, durch welche der Magistrat und die Armenkommission beauftragt werden, über die Fremdeneinwandernng zu berichten und Maßregeln vorzuschlagen, wie eine weitere Zunahme der fremden Bevölkerung Londons zu inhibiren sei. Die Resolution fiel jedoch unter den Tisch, da sie nicht einmal so viel Unterstützung fand, daß sie zur Abstimmung gelangen konnte. Mit dem Beherrscher Abessyniens hat ein schwedischer Judenmissionär merkwürdige Erfahrungen nmchen müssen. Der „Hannoversche Courier" berichtet darüber im Anschlüsse an den Bericht eines schwedisches Blattes: Als der Missionar Abessyuien erreichte, wo er seine Misstomthätigkeit aufzunehmen gedachte, wurde er sogleich au der Grenze vor den Gouverneur gebracht, der wissen wollte, woher der Fremdlinz kam. Der hohe Beamte hatte zwar schon von Rußland. Dentschlawi), Italien, England und Amerika gehört, aber Schweden ging über seinen Horizont, und deshalb schickte er den Missionär unter Bedeckung au den Hof, damit dieser die schwierige Frage entscheiden sollte. Na h zweitägiger Haft in der Hauptstadt wurde er an den Hof geführt, wo König Menelik. umgeben voll seinen Würdenträgern und einer Lewwache, die ihre krummen Schwerter blankgezogen hatte, in hoch >- eigener Persoll den Missionar empfing. Mit finsterer Miene sragte d r König: „Fremdling, von welchem Lande bist Du?" „Alls Skandinavien." „Zn welchem Zwecke bist du hergekommen?" „Um die abesshiiischeu Juden zu Christus zu bekehren." (Dies bildet den ei-, zigeu Vorwand, unter dem christliche Missionare das Land betreten dürfen, um die armen Falaschas zu bethören. Ein anderes Bekenntnis; würde den Betreffenden einen Kopf kürzer machen, da unter d u Rechtgläubigen Abessyniens jeder Bekehrungsversnch mit Todesstrafe bedroht ist.") „Sehr gut!" fuhr Menelik fort. „Welche Länder hn>! Du denn berührt, ehe Du hier ankamst?" „Deutschland, Eghpt u und den Sudan." „Hast Du denn in Deutschland gar keine Juden zum Bekehren gesunden?" sragte Menelik. Der Missionar mns.u' leider bekennen, daß dies nicht sein Auftrag gewesen sei. Nachde u der Köllig auf die Frage, ob der Missionar auch in Egypten und i n Sudan keine Juden und Heiden angetroffen habe, die gleiche Antwe t erhalten, sagte die braune Majestät: „Also bei allen Inden w o Heiden bist Du vorbsigefahren. um die Juden Abessynieus zu l - kehren?" Dann wandte er sich all seine Leibwache: „Dieser Fremdling wird all die Grenze gebracht, damit er zuerst die Inden und Heiden durch deren Länder er gekommen ist, zu Christen bekehren kann. < o geschehe." Daß der Missionär für die heitere Seite dieses abgekürzt u Verfahrens in jenem Augenblick kein Verstündniß hatte, lä.l sich begreifen. Unter dem Titel: „Ueberall Missionäre" schreibt man är „Frankfurter Zeitung" ans Shanghai Anfangs Juni: „Kürzlich machte ein Missionär wiederholt Versuche, einige in dcni hiesigen öffentlichen Garten spielende israelitische Kinder zu bekehr eil. Dies führte ans jüdischer Seite zu einem energisch u Protest in der „North China Daily News"; zugleich forderte der Essender den Stadtrath von Shanghai auf. derartige Versuche ui untersagen. In derselben Zeitung läßt sich null „ein Chine! vernehmen, dessen Worte man der freundlichen Beachtung all c Mlssiousgesellschaften empfehlen kann. Er sagt: „Jeder Chine c der das Eingesandt des Herrn Edward Ezza gelesen hat, muß Uc größte Sympathie sür die hiesigen Israeliten empfinden, die keine Bekehrungsversuche an ihren Kindern wünschen. Gemeinsames Ungemach erzeugt Hinneigung zu einander; Leute, die Zahnschmerz u haben, lachen sich nicht gegenseitig aus, sondern suchen sich zu tröste-i. Der Versuch eines einzelnen Missionärs, jüdische Kinder zu seine > Glauben zu bekehren, bringt die hiesigen Israeliten sofort in Harms Wie viel mehr Grund haben aber wir Chinesen, über die Hundes voll Missionären ungehalten zu -sein, die über unser ganzes Land z - streut sind! Wenn der öffentliche Garten kein geeigneter Ort zur Verkündigung des Evangeliums ist, dann ist es doch auch nicht ß n taktvoll zu nennen, auf den Stufen unserer Tempel zu Predigen, wni der Einmischung der Missionäre in Prozesse zwischen Chinesen g-u', Zll schweigen. Man wolle mir verzeihen, daß ich mich nicht r il meinem Namen unterzeichne. Aber das ist mir zll gefährlich. D u ill der jetzigen Zeit könnte ein Brief wie dieser, meinen Namen lei u! ans die schwarze Liste bringen; man möchte mich dann enthaupt u mein Halls allsplündern und niederbrennen und meine Falllilie i:: Elend treiben: alles im Namen der Gerechtigkeit, der Men schlichlut und Civilisation."