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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-19 · Heft 29 (19.7.1901) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 29 (19.7.1901)
Date
1901-07-19
Page
Seite 339 (sequence 5)
Language
German
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Ich habe die bittere Erfahrung gemacht, das; im deutschen Vaterlande, in dem Lande, in welchem man das Volk bei der Arbeit sucht, einzelne Kreise vorhanden sind, deren Weltanschauung so sehr von dichten, dünkelhaften Vorurtheilen besangen ist. dast die Ehrfurcht vor der treuen, rechtschaffenen Arbeit in derselben keinen Platz mehr findet. Dr. Münz erinnert sodann nochmals alt die Inden in Oberschlesien, die als Schlosser, Klempner, Steinmetze, Tischler. Schneider und Schuhmacher im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod essen, und fährt hierauf fort: Dem „Kravatlenmacher", sei er Christ oder Inde, all jenen nnterwerthigen. dunklen Ehrenmännern, welche Geldwncher. Sachwucher oder Kornwncher treiben, unsere Verachtung und unser tiefstes Bedauern; dem Handwerker, sei er Christ oder Jude, all jenen wackeren Männern, die sich rechtschaffen durch ihrer Hände Arbeit ernähren, unsere Hochachtung und Anerkennung. Das ist der Standpunkt, den ich vertrete. Rabbiner Dr. Münz kommt auch ans die zahlreichen Vereine zu sprechen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Handwerk und Ackerbau unter den Juden zu fördern. Die bedeutendste Organisation dieser Art ist die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover, die den Inden das Arbeitsfeld der Gärtnerei und Landwirthschaft erschließen will. Leider aber stellen sich den jüdischen Bestrebungen ans dem Gebiete der Agrikultur große Schwierigkeiten entgegen. Herr Münz sagt: Dem jungen Manne jüdischen Glaubens, der sich als Laudwirth . oder als Gärtner ansgebildet hat und Tüchtiges zu leisten im Stande ist, wird die Möglichkeit entzogen, seine erworbenen Kenntnisse und! Fertigkeiten praktisch zur Ausübung zu bringen. Vergebens sieht er > sich bei den Gntsverwaltungen und Dominien um Arbeit und Stellung! am — er wird abgelehnt. Monatelang, jahrelang wiederholt er j unter den bescheidensten Ansprüchen den Versuch, im landwirthschastlichen Betriebe dem ihm lieb gewordenen Berufe nachgehen zu iönnen — vergebens, für ihn giebt es keinen Platz, er findet keine Stellung. Im Allgemeinen wird dies richtig sein, doch giebt es auch Ausnahmen. Die „V.-Z." kennt beispielsweise einen Inden, der lange Jahre als Wirthschaftsinspektor bei dem Freiherrn o. Durant in Oberschlesien in Diensten stand. Und der Freiherr v. Durant gilt keineswegs als ein Jndenfreund. In jedem Falle darf Herr Dr. Münz auf unseren Dank Anspruch machen dafür, daß er jene falschen Behauptungen richtig gestellt hat. 4 Der Duellunfug schießt wieder stärker ins Kraut. Und da es keine Thorheit giebt. die wir den „Völkern der Erde" nicht nachzuahmen geneigt sind, so hören wir auch ans jüdischen Kreisen mancherlei über dieses Treiben. Die Nachricht, daß zwei getaufte Offiziere einer! ungarischen Rabbiner fordern wollten, weit er ihre Taufe für kein Heldenstück angesehen, haben wir bereits mitgetheilt. Von anderer Seite wird uns über Duelle und Mensuren berichtet, die jüdische Studenten gegen einander in einer Sache ausgefochten haben, die die Bekämpfung des Antisemitismus betrifft. Wir müssen gestehen, daß uns etwas Verkehrteres kaum noch vorgekommen ist! Mau kann es verstehen, wenn der jüdische Student im Kampfe gegen den Antisemitismus auch dem Vorurtheil das schwere Opfer bringt, um nicht der Feigheit geziehen zu werden. Aber jüdische Studenten untereinander sollten doch ihre Ehrenhändel auf eine andere und dem Geiste unserer Religion mehr entsprechende Weise anstragen. Da haben die höchsten Aristokraten in Deutschland und Oesterreich, ehemalige Offiziere von altem Adel. Justizbeamte, Professoren u. s. w., die eine Erklärung des Fürsten zu Löwenstein gegen das Duell ans religiösen Gründen unterschrieben, anders gehandelt. Dieses Beispiel sollte unsere Jugend nachahmen. Wahrhaft erschütternd klingt der folgende Nothschrei eines österreichischen AntisemitenblaLtes: „Nun lassen sich die Juden auch in Galizien na1ion a l isiren und nehmen polnische Namen all. Dem Eiienbahningenieur Heinrich Weintraub in Lemberg wurde erlaubt, seinen Na mell in Heinrich Winiewski mnznändern. In Böhmen nehmen die Inden tschechische Namen und Allüren an, in Ungarn magharische, in Kroatien kroatische, in Triest italienische — und da giebt es noch Leute, die den Inden nationales Gefühl — absprechen!" Was sollerr nun eigentlich die Juden in Galizien, Böhmen, Ungarn thun? Sollen sie auch dort zu den Deutschen sich zählen, die gerade in Oesterreich meist ihre entschiedenen Gegner sind? Und wenn die Juden in jenen Ländern sich nicht „nationalisiren" wollten, was würden die polnischen, tschechischen und ungarischen Antisemiten für ein Geschrei über Mangel an Ncllionalgefühl erheben! Das Beste ist also, wenn die Juden ruhig ihres Weges gehen und sich um den Lärm der antisemitrschen Gegner überhaupt nicht kümmern. 4 Die gegenwärtigen Zustände in Rußland werden in drastischer Weise illustrirt durch das folgende Knlturbild aus dem Zarenlande. Man schreibt uns: Die Metropole der russischen Ostseeprovinzen, die Stadt Riga, veranstaltet in diesen: Jahre zur Feier ihres 700 jährigen Bestehens eine Jubiläumsausstellung, die aufs Neue beweist, wie weit fortgeschritten diese ehemals deutschen Provinzen im Vergleich znm übrigen Zarenreich sind. — Auch der Vergnügnngsreisende kommt beim Besuch der Ausstellung auf stille Kost-en. Am Ufer des Stadtkanals auf dem Schützenplatz ist Venedig mit seinen Palazzos, Kanälen und Gondeln wiedererstauden, und der deutsche Besucher findet in „Alt- Riga" ein Bild, das ihn an die mitteldeutschen Städte, wie sie vor 300 bis 400 Jahren aussahen, erinnert. In den engen, krummen Gassen stehen die kleinen Häuser mil ihrem barocken Zierat und den ungeheuren Giebeldächern; in den unteren Stockwerken, den Hallen und Lauben, haben die Krämer und Kanslente ihre Maaren zur Schau gestellt, und nur die „Ausstellnngspreise" erinnern Einen an die Neuzeit. In den durch den breiten Rinnstein getheilten Gassen herrscht reges, buntes Leben. Fahrende Gesellen und Musikanten treiben ihr lustiges Wesen und lassen ihre Weise erschallen zum Ergötzen der die Bier- und Weinkneipen füllenden Fremden. Um dieses Bild zu vervollständigen und das alte Riga mit den damals herrschenden Anschauungen über Freiheit und Toleranz, deren Ausübung durch das strenge Zunftwesen ansgeschlosstu war, wiederzugeben, veranstaltete in einer Nacht die Rigaer Polizei in allen Gasthöfen und Absteigequartieren der Stadt Haussuchungen, revidirte die Pässe der znm Bestich der Ausstellung oder in Geschäftssachen nach Riga gekommenen Reisenden und nahm 27 Personen, deren einziges Verbrechet: darin bestand, Juden zu sein, gesangen. Die Leute wurden vor allen Dingen ins Gesängnist gebracht, und nur Derjenige. welcher die Beschaffenheit der russischen Gefängnisse kennt, weist was es bedeutet, in einem solchen eine Nacht auf nackter Erde zubringen zu müssen. Am nächster: Tage wurden die Armen bis zuu: späten Nachmittag. ohne daß ihnen auch r: nr ein S ch luck Masser oder ein Bissen Brod gegönnt wurde, von einer Instanz zur anderen geschleppt, bis ihnen in: Polizeipräsidium, ihrer letzter: Leidensstation, endlich eröffnet wurde, dast sie als Inden nicht das Recht hätten, sich in Riga anszuhalten, und dast sie die Stadt unverzüglich verlassen müssten. Diese 27 Personen, zun: grössten Theil Kanslente, unbescholten, politisch unverdächtig, find russische Bürger, erfreuen sich des Rechtes

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