Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Oesterreich-Ungar«. lH Wien, 8. Juli. Der Sommer fängt an, sein gutes Recht geltend zu machell. Außer der Niederlage der Antisemiten im Arbeiterviertel Favoriten, die sie ganz aus dem Häuschen gebracht hat, ist heute absolut nichts Neues zu vermelden. Nicht nur die Politik, auch unsere Gemeindeverwaltung geht auf Ferien, und der getreue Chronist mag sehen, woher er seinen Stoff nimmt. Unter solchen Umständen bleibt uns für heute nichts übrig, als eine Blüthen-- lese von Nachrichten ans dem weiteil Reiche zu geben, die wir natürlich — mit Polna eröffnen. Wie es heißt, soll Leopold Hilsner im Zuchthaus Pankraz einen Selbstmordversuch durch Erhängen gemacht haben, jedoch vom Gefangenwärter rechtzeitig gerettet worden sein. Bestätigung bleibt abzuwarten! — Aus Galizien wurden die Ergebnisse der Volkszählung voll 1900 bekannt. Demnach zählt das Land 7317 033 Einwohner, von denen 81084-") Juden — 11 Prozellt, während es vor 10 Jahren 6 607 816 Einwohner hatte, wovon 770 468 — II V2 Prozent Juden. Demnach ist die Zahl der Juden in Galizien zwar noch gestiegen, aber nicht mehr so stark wie die der polnischen und rnthenischen Einwanderer. Während die Juden sich nur um 5Vt Prozent in diesem Zeitraum vermehrten, nahmen die anderen Galizianer um 10 Prozent zu. Bei den Juden ist die Hauptschuld der Auswanderung zuzuschreiben, die man in diesem Jahrzehnt ans mindestens 40 000 Köpfe schätzen kann. —- Dr. David Herzog. Rabbiner in Snüchov, hat sich als Dozent für semitische Sprachen an der philosophischen Fakultät der deutschen Universität Prag habilitirt. Am 1. Oktober d. I. wird er seine Vorlesungen eröffnen. — In pietätvoller Erinnerung all den leider so srüh Heimgegangenen Professor Dr. DavidKaufmann hat der Maler Professor Jzso Köves das von ihm mit künstlerischer Vollendung ausgeführte Porträt des hervorragenden Gelehrten der Laudesrabbinerschule in Budapest zum Geschenk gemacht. Das Bild wurde ün Lesesaale der Bibliothek angebracht, um die sich der unvergeßliche Lehrer so sehr verdient gemacht hat. 61. Budapest, 2. Juli. In der jüngsten Nummer des „Egyenlösvg" werden die letztwilligen Verfügungen zweier Menschenfreunde mitgetheilt. PH. Kunewalder hat insgesammt 179 000 Kronen für menschenfreundliche und kulturelle Zwecke testirt und zwar 43 600 Krollen für nichtjüdische und 135 400 Kronen für jüdisch-konfessionelle Zwecke. Der gewesene Präsident der Pester Chewra Kadischa, Moses Ehrlich, hat sein ganzes Vermögen für humanitäre und kulturelle Zwecke bestimmt, doch tritt diese Verfügung erst nach Ableben der Wittwe und sonstiger Erben in Kraft. Sofort gelangen Legate in der Höhe voll 48000 Kronen zur Auszahlung. Das vornehmlich ans Grundbesitz bestehende Vermögen soll von der Witwe und der Pester Kultusgemeinde verwaltet werden. Alls den Einkünften desselben erhalten die Witwe und andere Erben einen fixirteu Betrag, der Rest ist für eine von der Pester Kultusgemeinde zu errichtende Stiftung bestimmt. Nach dem Ableben der Nutznießer ist das Vermögen zu kapitalisiren: 300000 Kronen sotten als Familienstiftnug bestimmt werden, 200000 Kronen als Stipendienfonds, 40000 Kronen als Stiftung für das Knabenwaisenhaus; über den Nest — etwa 300 000 Kronen — kann die Pester Kultusgemeinde nach eigenem Gutdünken verfügen. — Wie „Pesti Hirlap" meldet, hat die Akademie der Wissen sch astenden auf sie entfallenden Betrag von 16 000 Kronen des Kunewalderschen Nachlasses nicht angenommen. Das Erträgniß dieses Betrages sollte die Akademie dein Autor eines Schauspieles oder Volksstückes, in dem der Jude als fester, ehrenhafter und reiner Charakter geschildert wird, als Ehrenpreis zusprecheu. Diese Stiftung wurde aber mit der Begründung zurückgewiesen, daß die Akademie der Wissenschaften konfessionelle Bestrebungen nicht unterstützen könne. — Eine glänzende Genngthuung ist dem Dozenten Dr. E Manuel Herzl, der im Verein mit Professor Sonnenburg auf Wunsch des Königs an dem Honvedlllinister Baron Fejövürh eine schwere, aberlebensrettende, glänzende Operation vornahm, zu Theil geworden. Herzl, der sich als Operateur weit und breit einen guten Namen erworben hat, sollte einem der medizinischen Fakultät vorgebrachten Vorschläge gemäß zum außerordentlichen öffentlichen Professor ernannt werden. Doch infolge des Referates zweier Professoren der Chirurgie wurde das Gesuch abschlägig beschieden und seine Ernennung nicht befürwortet. Bald darauf aber wurde der genannte Operateur durch Verleihung des ungarischen Adels ausgezeichnet. Es ist dies eine Ehrung, die einem Arzte, am allerwenigsten einem jüdischen, seit langer Zeit nicht zu Theil geworden ist. Von Nah und Fern. ----- Der Kaiser hat dem ordentlichen Professor an der Universität in Wien, Negierungsrath Dr. Wintern itz, den Rothen Adlerorden III. Klasse verliehen. — Der bekannte Pariser Maler, Mr. Alphonse Le vH, ist in Berlin eingetroffen, um hier eine Ausstellung seiner „Bilder aus dem jüdischen Familienleben" zu veranstalten. — Um die PreiSaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften voll 1898 über Leibniz' Philosophie gingen zwei Bewerbung-schriften ein. Davon wurde eine von Dr. Phil. Ernst Cassirer durch ein „Accessit" von 3000 Mark ausgezeichnet. Der erste Preis wurde nicht vergeben. — Der literarische Nachlaß von Dr. Johann Jacobh, bestehend aus Briefeil, Aufzeichnungen zc., ist der Stadtgemeiude Königsberg' geschenkt worden mit dem Aufträge, den Nachlaß unter Ausscheidung aller persönlichen, kein öffentliches Interesse darbieteuden Schriftstücke zu ordnen und sodann dem Publikum zugänglich zu machen. Wie die „Königsberger Hartungsche Zeitung" hört, hat der Magistrat beschlossen, dieses Anerbieten anzunehmen. — Im Seebade Kahlberg bei Elbing ist am 4. d. M. der Oberstaatsanwalt Lautz aus Marieuwerder gestorben. Aus den empörenden Nachrufen der Antisemitenblätter kann man ersehen, daß der Verstorbene, der aus dem Konitzer Prozeß bekannt ist, ein gerechter und humaner Mann war. Ehre seinem Andenken! — In Grätz wurde Dr. Fried mann vom Berliner Seminar zum Rabbiner gewählt. — In der Frage des Schächtverbots hat, der „Deutschen Zeitung" zufolge, die Regierung voll Neuß ä. L. mit den übrigen thüringischen Staaten Verhandlungen zwecks gemeinsamen Vorgehens eingeleitet. Merkwürdig! — In Rumänien wurden nach den jetzt veröffentlichten Ziffern von der Zählung von 1895 in diesem Jahre geschlossen 1530 jüdische Ehen gegen 41 482 überhaupt. Dies silld etwas mehr als der gewöhnliche Durchschnitt, der in den Jahren 1890—94 nur 1482 betrug. Geschieden wurden 46, das heißt 4.9 Prozent der jüdischen Ehen. Die hohe Scheidungsziffer ist auffallend. — In Bern wirkt (seit 1898) der einzige weibliche Privatdozent all einer Hochschule deutscher Zunge, Fräulein Dr. Anna Tu markin aus Kischineff, mit der venia le^encki für Geschichte der neueren Philosophie, insbesondere der Aesthetik. Die nunmehr erst 27 Jahre alte Dame ist eine Schülerin des Professor Dr. Ludwig Stein. In Berlin gehörte sie mehrere Semester dem germanistischen Seminare von Professor Dr. Erich Schmidt an, der ihrer in der damaligen „Chronik der Universität" mit Auszeichnung erwähnt. Durch ihre Untersuchungen über Herders Verhältniß zu Kaut und Forschungen zur Geschichte des Associationsprinzips in der Aesthetik hat sich Fräulein Dr. Tumarkin vortheilhaft unter den Fachgeuossen eingeführt. — In diesem Sommer soll ein Kongreß der zionistischen Studentenschaft in Ge n f stattfinden. Das Programm umfaßt das ganze Gebiet des Zionismus in theoretischer und praktischer Hinsicht. — Signor Giuseppe Musatti, der Vizepräsident der jüdischen Gemeinde in Venedig, ist vom Köllig von Italien zum Kommandeur des Ordens der italienischen Krone ernannt worden.— In Paris ist der berühmte Forschungsreisende Edmund Foa, der bekanntlich Afrika durchquert hat, im 38. Lebensjahre gestorben. Derselbe stammte aus Bordeaux. Seine Werke wurden von der Akademie preisgekrönt. Foa war auch Ritter der Ehrenlegion. — Der Artillerieoberst der Reserve Lippmanu, ein hervorragender französischer Offizier, ist nach kurzer Krankheit in Verdun gestorben. — Der erste Gemeindevorsteher in Kopenhagen, Bankdirektor Staatsrath I. Glückstadt, hat den russischen Stanislaus-Orden erhalten. - In Schweden ergab die letzte Volkszählung 3100 Inden. — In Alba ny brannte kürzlich die Methodistenkirche nieder, in der Tags darauf die Taufe voll zehn Kindern stattfinden sollte. Da die anderen christlichen Sekten nichts thaten, um den Methodisten die Vornahme der heiligen Handlung zu ermöglichen, boten die Vorsteher der jüdischen Gemeinde die Synagoge für die Ceremouie an. Die Methodisten nahmeil dieses Anerbieten mit herzlichstem Danke au. und Tags darauf wurden zehn Methodistenkinder daselbst in den Schoß der Christenheit ausgenommen. — Aus Algier wird gemeldet, der Bürgermeister M ax Rvgis wolle sein Entlassungsgesuch einreichen, weil er bei dem neuen Geueralgouverneur Növoil nicht die erwartete Unterstützung gefunden habe. Druck und Verlag vvn Rudolf M esse in Berlin. Verantwortlich für du Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.