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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-12 · Heft 28 (12.7.1901) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 28 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
Seite 336 (sequence 14)
Language
German
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336 Fit teratur berichte. Von Dr. M. Kayserling. on den Publikationen der „Amerikanischen Jüdisch-Historischen Gesellschaft" ist jüngst der achte Band erschienen. Außer der Rede des Herrn Oscar S. Straus, des Präsidenten der Gesellschaft, enthält derselbe mehrere größere und kleinere Beiträge zur Geschichte der Juden in Newyork, über die erste dortige Synagoge und die frühesten jüdischen Friedhöfe, Mittheilungen über die Familie Hart in Easton u. a. m. Von besonderem Interesse ist die 43 Seiten umfassende Arbeit Max I. Köhlers über einige zionistische Projekte. Mit dem phantastischen Projekt, die Inden wieder zu einem Volke zu vereinigen, trat in der ersten Halste des 18. Jahrhunderts der unter dem Namen des Marschalls von Sachsen bekannte natürliche Sohn des Königs August II. von Polen, der intime Freund der berühmten Schauspielerin Adrienne Lecouvreur in Paris, auf. Dieser allsgezeichnete Feldherr, der als Marschall von Frankreich in den Niederlanden den Oberbefehl über die französische Armee geführt und vielfache Beweise seines Heldenmuths gegeben hatte, strebte nach einer Krone, und da alle Throne besetzt waren, wollte er sich zum König der aus der Zerstreuung versammelten Juden machen. HerrKohler hat keine Notiz von einem ähnlichen „thörichten Einsall" genommen, mit dem sich im Jahre 1770 ein „Mann von Stande" vertrauensvoll all Moses Mendelssohn wandte. Mendelssohn war kein Zionist, war zu wenig Schwärmer und viel Zu klarer Denker, als daß er die Schwierigkeiten, welche einem solchen Projekte im Wege stehen, nicht hätte überschauen sollen. Die Antwort, welche er dem „Manne von Stande" ertheilte. ist so vortrefflich und überzeugend, daß wir es uns nicht versagen können, sie hier mitzutheilen: „Die größte Schwierigkeit, welche mir dem Projekt im Wege zu stehen scheint, ist der Charakter meiner Nation. Sie ist nicht vorbereitet genug dazu, irgend etwas Großes zu unternehmen. Der Druck, unter welchem wir seit so vielen Jahrhunderten leben, hat unserm Geist alle Vigueur benommen. Es ist nicht unsere Schuld; allein wir können nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns alle Thätigkeit verloren hat. Ich verspreche mir sogar von meiner so sehr zerstreuten Nation den Geist der Vereinigung nicht, ohne welchen der überlegteste Entwurf scheitern muß. Von der andern Seite scheint mir auch die Unternehmung unermeßliche Summen zu erfordern, und ich, der ich weiß, daß der Neichthum meiner Nation mehr in Kredit als in wirklichem Vermögen besteht, kann nicht glauben, daß ihre Kräfte hinreichen, solche zu erschwingen, wenn auch übrigens die Begierde zur Freiheit noch so große und die Liebe znm glänzenden Metalle noch so geringe Gewalt über sie haben sollte. Alle diese Schwierigkeiten ungerechnet, scheint mir ein solches Projekt nur alsdann ausführbar zu sein, wenn die größten Mächte Europas in einen allgemeineil Krieg verwickelt sind lind jede sür sich zn sorgen hat. In der Ruhe, irr welcher sie dermalen leben, kann eine einzige eifersüchtige Macht — und deren würden nicht wenige sein —das Projekt scheitern machen. Die unglücklichen Kreuzzüge scheinen diese Besorgniß nur zu sehr zu rechtfertigen." (Moses Mendelssohns gesammelte Schriften V, 494.) Eigenthümlich ist, daß mehrere zionistische Projekte von Amerikanern ansgingen. Ein W. D. Robinson machte im Jahre 1819 den Vorschlag, daß reiche Juden am oberen Mississippi und Missouri sür arme europäische Glaubensgenossen Ackerbaukolonien gründen. Es stellte sich bald heraus, daß der Philantrop ein ganz gewöhnlicher Spekulant war, der seine Ländereien in dieser Weise verkaufen wollte. Major Mordechai Noah, der mit großem Pomp auftrat und sich schon König der Juden träumte, wurde erst vor einigen Jahren den Lesern dieser Blätter vorgeführt und darf als bekannt vorausgesetzt werden. Noch im Jahre 1854 hatte Warden Cressou aus Philadelphia, der Konsul der Vereinigten Staaten in Jerusalem, ein .Schwärmer, der nach seinem llebertritt zrnn Judenthum sich Michael Boaz Israel nannte, den Plan gefaßt, im heiligen Lande jüdische Kolonien zu gründen und Juden ans den verschiedenen Gegenden dort anzusiedeln. Er wußte auch den Redakteur dieser Zeitung sür seinen Plan zu gewinnen, der wie die früheren im Sande verlief (Zeitung des Judenthums 1854, Seite 683 ff.). Die Arbeit des Herrn M. I. Köhler verdient weitere Beachtung. Vorträge über diese gescheiterten zionistischen Projekte würden von ebenso großem Interesse wie Nutzen sein. — „Zur Geschichte der Hexen und Juden in Bonn" ist der Titel einer kulturgeschichtlichen Studie, welche Herrn Negiernngsrath Dr. Joesten zum Verfasser hat. Das Schriftchen (Bonn, Georgi 1900) enthält, was die Juden betrifft, außer der von dem Erzbischof Maximilian Heinrich von Köln 1686 heransgegebenen nn d bis 1787 achtmal erneuerten vollständig abgedruckten „Ernewert- und Verb. Juden-Ordnung des Erz-Stiffts Cöllen" und einigen Mittheilungen ans den im Bonner Stadtarchiv befindlichen kurfürstlichen Akten und Magistrats- Protokollen nichts wesentliches neues, ist aber nichtsdestoweniger sehr freudig zu begrüßen wegen der liberalen Gesinnung, welche sich darin ausspricht. So heißt es Seite 46: „Auch heute sind die Vorurtheile gegen die Juden noch nicht völlig ausgerottet. Der XantenerKnabenmord, den die Juden, um Christenblut zu religiösen Zwecken zu erhalten, begangen haben sollten, hat uns seiner Zeit wieder in die Zeit des Mittelalters geführt. Die mittelalterliche Pflanze der Unduldsamkeit hat heute nur ihren Namen mit dem Antisemitismus gewechselt. . . Die Frage, die uns seiner Zeit Lessing gestellt hat: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude Als Mensch?" mag sich der vorurteilsfreie Knltnrsorscher an der Hand der Geschichte selbst beantworten."— „Die rechtliche Stellung der Inden im Kanton Aargau" wurde von Dr. Ernst Haller in einer Dissertation bearbeitet. (Aarau. Sauerländer 1901.) Dieses 311 Seiten umfassende Buch verfolgt die Schicksale der Juden im heutigen Aargatt von der Gründung des Kantons bis auf die Gegenwart. Haller setzt die Niederlassung der Inden in Endingen und Lengnau nicht vor die Mitte des 17. Jahrhunderts. Erst 1747 beschloß die letztgenannte Gemeinde, damals die größere, und 17 Jahre später auch die andere den Bau von Synagogen; früher hatten die Gemeinden auch keinen Rabbiner. Die Annahme, daß Löb Schnaber Theomim schon 1683 Rabbiner in der Schweiz war, beruht auf falscher Lesart (Neubauer, Cat.). Löb Schnöder, der Rabbiner in Breisach war, kann unmöglich zu gleicher Zeit auch Rabbiner in der Schweiz, wo damals nur im Aargau Juden in ge geringer Zahl wohnten, gewesen sein; es heißt wahrscheinlich was Neubauer in Schweiz auftöste, in Wirklichkeit aber Schwarzwald heißen muß. Einen gemeinsamen Rabbiner hatten die beiden Gerneinden erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, wie sie auch, da sie ihre Todten nicht in schweizerischem Boden bestatten dursten, auf einer Rheininsel bei Koblenz in der Nähe von Waldshut einen gemeinsamen Friedhof besaßen; meine diesbezügliche Abhandlung „Die Judeninsel und der Schiffbrnch bei Koblenz" ist Herrn Dr. Haller unbekannt geblieben. Mit einem staunenswerthen Fleiße hat der Verfasser das Material zu seinem Buche ans den Raths-, Regierungs- und Gemeindeprotokollen zusammengetragen und die rechtlosen Verhältnisse der aargauischen oder schweizerischen Juden nach den verschiedenen Seiten von der Helvetik an bis zur völligen Gleichstellung in klarer, hin und wieder allerdings etwas zu breiter Weise dargestellt. Hallers Buch ist für die Geschichte der Juden im Aargau von unschätzbarem Werthe. — Zum Schluß lenken wir die Ausmerksainkeit unserer Leser auf eine seltene Erscheinung, auf einen Katalog von Sprichwörtern, der den Titel führt „CatnIoAuo cles livros pareunoloAifjuos eomposaut In Ui'lili'otbeyuo" äs lAnneo 6 ernst ei u, in russisch-französischer Sprache 2 Bände (Warschau, aus der Druckerei Drugulin in Leipzig, 1900). An dieser reichhaltigen Bibliothek, welche nicht weniger als 4761 Nummern umfaßt und nicht blos ältere und neuere, grössere und kleinere gedruckte SprichwörterundSentenzensaminlungen in den verschiedenstell Sprachen, sondern auch 70 handschriftliche Sammlungen enthält, hat Herr I. Bernstein in Warschau 35 Jahre mit voller Hingebung gesammelt ohne Zeit und Mühe und Kosten zn scheuen. Herr Bernstein ist nicht allein ein passionirter Sammler, sondern auch ein hervorragender Kellner der Sprichwörterlitteratur und auf diesen: Gebiete selbst schriftstellerisch thätig: die von ihm 1888 veröffentlichten „Jüdischen Sprichwörter" sind voll großen! Interesse. Aehnliche Publikationen sind noch von ihm zn erwarten. Der zweibändige Katalog, einzig in seiner Art, ist auch ein typographisches Kunstwerk. Viele Titel und Ornamente älterer Druckwerke sind nach dem Original abgedruckt, viele Illustrationen sind in prachtvoller Ausstattung beigegeben. Durch dieses alphabetisch geordnete bibliographische Werk, das von hohem Werthe ist, hat sich Herr Bernstein den Dank aller Freunde der Sprichwörter und Sentenzen erworben. Unstreitig ist die Bernsteinsche Bibliothek die reichhaltigste auf diesem Gebiete. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.

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