Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- Seite 335 (sequence 13)
- Language
- German
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335 dacht, überall im Lande wurden neue Kirchen und Klöster gebaut, die Prieslerschast hatte Ländereien, Dotationen und Privilegien erhalten, der Papst hatte dem jungen König den Spezialsegen gespendet, doch immer noch schien auf dem Herzen Alfonsos eine Last zu liegen. Ihm war es, als ob er Gott für die ihm verliehenen Siege noch zu wenig Opfer dargebracht hätte, und er drang in seinen Beichtvater, ihm zu offenbaren, was er noch zur Verherrlichung Gottes vollbringen könne. Der Gedanke an eine Pilgerfahrt nach der Grabstätte Christi mußte aufgegeben werden, denn das Land bedurfte seines Königs, der nun auch bald in die Ehe treten sollte. Da eröffnete der heilige Pater wie es ein besonders gottgefälliges Werk wäre, den größten Ketzer des Landes zur Taufe zu bewegen oder zu zwingen. Und als der größte Ketzer ward der frommste unter den Juden, Nassir Jehudah ben Nachmia, der Rabbi von Valladolid, bezeichnet. So befahl ihn der König vor sein Angesicht, und barfuß, im härenen Gewände, den Strick um die Lenden gegürtet, erschien Jehudah, gefolgt von allen jüdischen Männern der Stadt. Und der König befahl ihm, zur höheren Ehre Gottes die Taufe anzunehmen und Christ zu werden. Jehuda erwiderte mit einem frommen Gebete. Und als er alle Aufforderungen mit Gebeten beanwortete, befahl der König, ihn ins Gefängniß zu werfen. Viele Monate schmachtete er im unterirdischen Verließe, hungernd und durstend, bis ihn der König abermals vor sich befahl. Er verhieß ihm einen Bischofssitz und große Ländereien, wenn er die Taufe annehme, doch Jehudah ben Nachmia antwortete blos mit einem frommen Gebete. Da überantwortete ihn der König der heiligen Inquisition. Seine Glieder wurden auf der Streckleiter in die Länge gezogen, seine Finger in Daumschrauben gepreßt, seine Füße in eiserne Stiefel gezwängt, sein Leib an vielen Stellen ausgeschnitten und Pfeffer und Salz in die Wunden gestreut, er aber verrichtete lächelnd seine frommen Gebete. Und als dem König die Halsstarrigkeit des Rabbi gemeldet wurde, da befahl er, ihn dem Scheiterhaufen zu überanworten. Heller Sonnenschein lag in den Straßen, als Jehudah ben Nachmia den Feuertod erlitt. Aus allen Straßen, auch aus den Nachbardörfern, war das Volk herbeigeströmt und freute sich des prächtigen Holzstoßes, zu dem der Rabbi emporgeführt wurde. König Alfons saß unweit auf einem prächtigen Thron, der aus blauem Sammt gebildet und mit Silber bedeckt war. Der Großinquisitor näherte sich ihm und rief: „Wollt Ihr sein ein Schirmherr unserer frommen Religion?" Darauf antwortete der König: „Ich gelobe und schwöre bei meinem Glauben und meinem königlichen Wort, mit allen meinen Kräften die katholische Religion zu vertheidigen. die Ketzer und Abtrünnigen zu verfolgen, Schutz und Beistand zu leisten dem heiligen Gericht, auf daß die Schuldigen stets und überall, ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf Geburt und Rang ergriffen werden mögen." Der Großinquisitor erwiderte: „So helfe Gott Eurer Majestät, wenn sie die Wahrheit gesagt hat." Und König Alfonso nahm ein Reisigbündel, entzündete es und warf es auf den Scheiterhaufen, auf welchem Nassi Jehuda ben Nachmia stand. Das Holz flammte empor, die feurigen Zungen leckten am Körper des Rabbi hinan, und bald bildete er eine Feuersäule, aus welcher siegreich und freudig heraustönte: Schemah Jisroel, Adonai elohenu .... Mein Glaube. Von Gustav Steinert. „Denn von Sonnenaufgang bis zu ihrem Niedergang ist groß mein Name unter den Völkern, und an jeglichem Orte werden Rauch opser dargebracht meinem Namen, reine Opsergaben; denn groß ist mein Name unter den Völkern, spricht der Ewige der Heerschaaren." Maleachi 1, 11. ltäre flammen voll jeglichem Ort Dem Unerschaff'uen, dem Weltenhort. Getheilt ist über Ihn das Wähnen, Doch ungeteilt nach Ihm das Sehnen. —? Der vor dem Bild der Phantasie Das Antlitz schmäht und beugt das Knie, Vergötternd, was geformt der Töpfer, — Die Allmacht sucht er, sucht deu Schöpfer; Ihn sucht in Himmelsfernen Der Beter zu den Sternen. Und der mit prüfendem Verstand DurchwAhlte tief, was er empfand. Der sonder Scheu und sonder Furcht Natur und Geist durchkreuzt, durchfurcht, Hoffend, daß am Schluß er dringe Auf den letzten Grund der Dinge, Dann aber an der Weisheit Rand Gewahrend sich, Gewißheit fand, Daß in des Daseins letzte Gründe Die Tiefe nicht der Forschung munde. Und, weil den Glauben er verlor. Den sichern Weg zum Himmelsthor, Ach, unter Zweifeln, unter Qual Sich schuf ein trostlos Ideal — Den Stachel hat auch er empfangen Des Göttlichen. Von Schlüssen, Schlangen, Die den Verstand wohl unterjochten, Blieb's unberührt, unangefochten; Ein stiller, ruhender Protest, Der nimmer seines Griffs entläßt. Zu neuen Zweifeln, neuen Fragen Den Widerstrebenden zu jagen. - Gesichert ist von Schöpferhand Der Menschheit göttlicher Bestand. Wie des Allmächtigen kein Ermessen. So giebt es seiner kein Vergessen, Und Alle stehen im himmlischen Heere, Die fragend suchen den Ort seiner Ehre. Wo sonnig stand der Menschheit Wiege, Errang der Mensch die schönsten Siege. — Der in der Urzeit Geistesnacht DeS Lichtes Bote war erwacht. Und, ehe noch der Morgen graute, Altäre dem All-Einen baute. Auf Abraham lenk' ich den Blick, Und preise Gott und mein Geschick. Er, Fels, aus dem gehauen ward Das Glaubensdentmal, zeitenhart, Jeschurun, dem ins Herz geschrieben. Mit allen Kräften Gott zu lieben, Auf daß kein Dunkel dieser Erde Je das Gedächtniß Sein gefährde. Was Menscheuworte vor Dir seien, Laß, Ewiger, dich benedeien! Deu Inhalt hast du diesem Leben, Und die Bedeutung uns gegeben. Doch nicht dein Wesen, nur dein Walten, In allen Zügen, allen Falten, Du nahtest, Mose zu vertrauen, Als kühn er drang, in dich zu schauen. Nun hat der Jrrthum keine Stelle. Nun hat der Zweifel keine Schwelle. In diese „Felsenkluft" gebannt Nach deinem Plan, von deiner Hand Wir sind, allhier Dich zu verstehen. Du ziehst vorüber ungesehen, Doch deine Gnadenstimme ruft Dem Wohner in der Felsenkluft: Ich habe deinen Ruf vernommen, Zn deinem Dienst bin ich gekommen. Gestellt in deinen Plan, in deinen Dienst gereiht, Ist mein der Augenblick und mein die Ewigkeit.