Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-12 · Heft 28 (12.7.1901) · p. Seite 334

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 28 (12.7.1901)
Date
1901-07-12
Page
Seite 334 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228448--57727-3294123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S34 Bis zur Hütte Nachmias waren die Schergen nicht gekommen. Sie war so elend, daß Niemand ahnen mochte, es wohnen Menschen darin; auch lag sie abseits von den Häusern, von Gebüschen halb verborgen. Um Mitternacht erhob sich Gedulah von ihrem Strohhaufett, kleidete sich an und legte das Kind in die Arme ihres Mannes. Im Schatten der Nacht schlichen sie längs des Flusses aus der Stadt und wanderten in die Ferne, stets in Wäldern sich verborgen haltend, damit sie nicht entdeckt und nach Valladolid zurückgejagt würden. Nach zweitägigem Wandern erklärte Gedulah, sie sei erschöpft und werde sterben. Nachmia möge mit dem Kinde weiterziehen und sie ihrem Schicksale überlassen. Er aber harrte bei ihr aus, bis sie die Augen schloß und ihren letzten Seufzer aushauchte. Dann bedeckte er sie mit Erde, und nachdem er die Todtengebete verrichtet, zog er weiter. Das Kind nährte er von Brod, das er in Wasser tauchte, und so gelangte er nach langer mühseliger Wanderung nach Portugal. In einer kleinen Stadt trat er in den Dienst eines Todtengräbers, und auf allen seinen Gängen schleppte er das Kind mit sich. Seine erste Sorge war, es beschneiden zu lassen. Der Todtengräber war sein Pathe, und er erhielt den Namen Jehuda den Nachmia. Jehuda wuchs im Friedhofe auf. Er lag im Grase, während sein Vater ein Grab schaufelte oder einen Tobten begraben half, und später, nach einigen Jahren, lief er munter zwischen den Gräbern umher. Er hatte blos einige Lumpen am Leibe und aß mit seinem Vater trockenes Brod. Er kam selten in die bewohnten Gassen, denn die Kinder duldeten ihn nicht bei ihren Spielen, er war so ausgehungert und in Lumpen gehüllt, und sein Vater war der Gehilfe des Todtengräbers. Später, als Jehuda zur Schule des Rabbi Ezechiel kam, verflog die Scheu der übrigen Kinder. Er lernte besser als alle Anderen, und nach einiger Zeit war er der Lieblingsschüler des Rabbi geworden. Er horchte nicht allein mit den Ohren, sondern auch mit der Seele auf den Vortrag des Lehrers, er war still, bescheiden und gehorsam und von innerlicher Frömmigkeit. Rabbi Ezechiel sagte, er werde ein berühmter Gelehrter werden, denn noch nie hatte er einen Schüler besessen, der Jehuda an Fleiß, Gelehrigkeit, Gehorsam und Frömmigkeit glich. Sein Ruhm war in der kleinen Gemeinde bald verbreitet, und weil er für ein Muster galt, thaten sich die Inden zusammen, um ihm ein Stübchen einzuräumen und ihn zu verköstigen. Allein bereits im jugendlichen Alter war er ein Asket. Er wies das Gebotene zurück, denn er wollte es nicht besser haben als sein Vater. Er wohnte mit ihm in der kleinen Holzhütte, deren Fensterchen auf den Friedhof ging und aß mit ihm trockenes Brod. Auch seine Lumpen wollte er nicht mit besseren Kleidern vertauschen. Und je mehr er heranwuchs, um so mehr festigte sich sein Ruf als Frommer und Gelehrter. Er lernte vom frühen Morgen bis zürn späten Abend, dabei war. er hilfsbereit, diente jedem seiner Mitmenschen, betete und kasteite seinen Leib und wußte die Findigkeiten des Talmud zu erklären, daß selbst Rabbi Ezechiel sich vor Staunen nicht fassen konnte. Als er zwanzig Jahre zählte, war sein Ruhm längst über Portugal hinausgedrungen. Schwerreiche Glaubensgenossen zogen aus allen Richtungen herbei, um ihm ihre Bewunderung zu bezeugen, um seiner Weisheit zu lauschen, und Mancher suchte ihn an sich zu fesseln, indem er ihm seine schöne Tochter zur Gattin bot, ihn mit Gold überhäufen wollte, wenn er ihm die Gnade erwies, in sein Haus zu ziehen. Doch Jehudah wies alle Darbietungen von sich. Er verschmähte die sammetbelegten Räume der Reichen, die schöne Tochter, die er heimführen sollte. Ein Talar aus grobem Leinen, um die Mitte von einem Strick umgürtet, blieb seine Kleidung und die kleine Hütte neben dem Friedhofe seine Wohnung. Zweimal in der Woche nahm er vierundzwanzig Stunden lang weder Speise noch Trank zu sich, und in der übrigen Zeit nährte er sich von Brod und Milch. Nachts saß er über dicke Folianten gebeugt, und wenn er wenige Stunden geschlafen, bettelte er für Arme und Kranke, verrichtete er die niedrigsten Arbeiten und wies jeden Lohn von sich. So war sein Antlitz bleich geworden, seine Augen waren eingefallen und seine Gestalt war hager. Er wurde verehrt wie ein Heiliger, und die Kinder schlichen scheu aus seinen Wegen. Und bis nach Valladolid war der Ruf seiner Heiligkeit gedrungen, wo zwanzig Jahre nach ihrer Vertreibung, ein Jahr vor dem Tode König Ferdinands, die Juden sich wieder niederlassen durften. Die Gemeinde war noch ohne Rabbi, und die Wahl fiel auf Nassi Jehudah ben Nachmia. Die Männer zogen ihm bis zur Hälfte des Weges nach Portugal entgegen, und die Juden der kleinen Stadt, wo er bisher gelebt, gaben ihm das Geleite, bis er zu den Männern von Valladolid gelangt war. Barfuß, in härenem Gewände, den Strick um die Lenden, zog er in Valladolid ein, die Frauen küßten den Saum seines Kleides, die Männer hoben ihn auf ihre Schultern und trugen ihn in die Synagoge, wo er allein zu bleiben verlangte. Er setzte sich auf den Fußboden neben den Altar, dort wollte er einen Tag und eine Nacht in Gebet und Buße verbringen, bevor er sein Amt als Rabbi der Judengemeinde von Valladolid übernahm. Die Gemeindeältesten hielten indessen vor der Synagoge Wache, damit er in seiner Andacht nicht gestört werde, denn seit einiger Zeit trieb sich viel Kriegsvolk herum und liebte es, die Juden zu überraschen, einige zu ermorden und ihre Habe zu rauben oder zu vernichten. Das Kriegsvolk war mit dein jungen König Alfonso, der mit Jehudah ben Nachmia an einem Tage geboren war, aus dem Kriege gegen die Mauren heimgekehrt, und während Alfonso dem Himmel Dankopfer für den erfochtenen Sieg darbrachte, brandschatzten seine Soldaten die Stadt. Er hatte ihnen noch nicht Einhalt geboten, und sie fürchteten Niemand als ihn, der an ihrer Spitze gefochten wie ein gewöhnlicher Krieger, der stets im wildesten Getümmel war und seine bluttriefende Klinge erst nach erfochtenem Siege in die Scheide gesteckt hatte. Nun war er in seine Hauptstadt zurückgekehrt, an den Thoren von der Einwohnerschaft, an deren Spitze die Geistlichkeit sich befand, empfangen. Er zog nicht nach dem Königsschlosse; der erste Weg führte ihn in die Kirche zur heiligen Anbetung wo er vor dem Altar in die Knie sank und ein heißes Gebet für den erfochtenen Sieg zum Himmel sandte. Hierauf beichtete er, und erst nachdem er die Absolution empfangeil, zog er ins Schloß. Doch vergeblich erwarteten seine Feldherren und Offiziere rauschende Festlichkeiten, um die erfochtenen Siege zu feiern. Er stiftete Klöster und Kirchen und zog im Lande umher, um überall selbst den Grundstein zu legen, und stets befand sich die Priesterschaft in seinem Gefolge, mit der er viele Stunden des Tages und der Nacht in frommen Gebeten verbrachte. Monate waren bereits seit seiner Heimkehr aus dem Kriege verflossen, die Soldaten waren entlohnt, die Führer mit Auszeichnungen und Ländereien, die Offiziere mit Geschenken be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.