Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- Seite 326 (sequence 4)
- Language
- German
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326 sie 54000 Hektar Land unter Kultur haben. Nebst dem Getreide wird auch Luzerne gebaut, was eine ausgedehnte Viehzucht und eine von Jahr zu Jahr ertragsreicher werdende Milchwirtschaft ermöglicht. Von den einzelnen Kolonien zeigt Mosesville den größten Fortschritt. Die Zahl der Einwohner beträgt jetzt 130 Kolonisten, resp. 237 Familien mit 1267 Seelen, welche zusammen 13 766 Hektar Land bebauen. Gleichzeitig wird in Mosesville eine ausgedehnte Viehzucht betrieben, ebenso eine Molkerei, welche eiuftweilen nur 3000 Liter- Milch pro Tag liefert. Der Viehbestand beläuft sich auf 7600 Köpfe, wovon 5200 von den Kolonisten selbst gekauft wurden. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß die Kolonisten nicht blos last ohne Ausnahme ihre jährlichen Rückzahlungen an die 5. 6. leisten konnten, sie waren sogar in der Lage, 40 000 Dollars für die Verbesserung ihrer Wirthschast auszngeben. Die Kolonie Mosesville hat in diesem Jahre neuen Zuwachs aus Rußland erhalten, indem nach jahrelanger Pause, während welcher keine neuen Emigranten nach Argentinien mehr geschickt wurden, wiederum mit 50 Familien ein schüchterner Versuch gemacht worden ist. Derselbe gelang vollständig. Die neuen Kolonisten, welche in Virginia und St. Elena uutergebracht wurden, griffen gleich tapfer zu und bebauten im ersten Halbjahr 3726 Hektar. Der Versuch soll im nächsten Jahre zunächst mit 42 Familien aus Rußland und 50 Familien aus Rumänien fortgesetzt werden. Platz dazu ist in Mosesville vorhanden, da die Kolonie durch Zukauf von 24 000 auf 57 000 Hektar (10 Quadratmeilen) gebracht worden ist. Im nächsten Jahre gedenkt die Verwaltung den Umfang von Mosesville auf 90 000 Hektar zu bringen und dieselbe so zu befähigen, 600 jüdische Familien aufzunehmen. Nicht ungünstig ist auch die Lage der Kolonisten in Mauricio, deren Zahl durch weiteren Wegzug einiger Familien, welche nach eiugeheimster Ernte Mauricio verlassen haben, sich auf 178 Familien mit 926 Seelen vermindert hat. Dagegen haben viele Kolonisten ihre Verwandten aus Rußland herüberkommen lassen, um sie bei sich als Tagelöhner zu beschäftigen. Außerdem sind 60 Wagenbauer, Schmiede und Zimmerleute aus Rumänien und Rußland auf eigene Kosten nach Mauricio gekommen, wo sie zu guten Preisen Arbeit finden. Die Kolonisten besitzen 724 Pferde und Maulthiere sowie 3030 Ochsen und Kühe. Außerdem befinden sich 2562 Stück Vieh im Besitz der Administration. Die Milchproduktion ist von 10 000 auf 6000 Liter pro Tag gesunken, da der Milchpreis zurückgegaugen ist, und die Kolonisten, welche anderweitige Einnahmequellen besitzen, es nicht mehr nöthig zu haben meinen, sich für die weniger einträgliche Milchproduktion allzusehr anzustrengen. Die Kolonisten betreiben auch die Geflügelzucht und besitzen zusammen über 4500 Stück Geflügel, deren Produkte vortrefflichen Absatz finden. Ihre Hauptbeschäftigung bleibt jedoch der Ackerbau, den sie auf einer Fläche voll 12 886 Hektar (gegen 9389 des Vorjahres) betreiben. Außerdem wurden bisher in Mauricio über 300 000 Bäume augepflanzt. Viel zu wünschen lassen die Kolonien in En tre Nios übrig, obgleich auch diese sich selbständig ernähren können. Ihre Haupteinnahmen bilden die 4000 Kühe, welche den Kolonisten ca. 15 Dollars monatlich einbringen, und die Viehzucht, die ihnen ebensoviel einbriugt. Dagegen hat der Ackerbau, welcher auf 27 706 Hektar betrieben wird, ihnen infolge einer Mißernte, welche sich auf den ganzen Westen von Argentinien erstreckt hat, sehr wellig eingebracht. Dieses ist um so bedauerlicher, als Entre Nios nahezu aller jüdischen Kolonisten Argentiniens beherbergt. Von allen Kolonisten Entre Rios haben nur fünf ihre jährliche Abzahlung leisten können. Die „Flucht vom Lande" hält daher in Entre Nios noch sehr lebhaft an und hat im Berichtsjahr die Zahl der Kolonisten um 113 mit 560 Seelen vermindert, so daß die Bevölkerung von 4982 auf 4589 zurückging. Die Ausgewanderten hatten um so weniger Grund, die Flinte ins Korn zu werfen, als die Anpflanzung von Luzerne als Futter für die Kühe noch weiter ausgedehnt werden soll, und die Viehzucht noch in den Kinderschuhen steckt. Auch die Milchwirthschaft, welche im Berichtsjahre 750 000 Liter Milch geliefert hat, ist noch einer großen Ausdehnung fähig. Die Verwaltung bedauert daher den Verlust dieser kleinmüthigen Kolonisten um so weniger, als die Bevölkerung durch 200 Einwanderer, die auf eigene Kosten aus Rußland gekommen sind, und welche im nächsten Jahre zu Kolonisten gemacht werden sollen, theilweise wieder ergänzt wurde. Um jedoch eine weitere Auswanderung zu verhindern, beschloß die Administration die erwachsenen Söhne sowie die Schwiegersöhne der Kolonisten selbständig zu machen, wodurch in Entre Nios neue 115 Familien iustallirt wurden. Die Kolonien in Entre Rios besitzen 18 554 Stück Vieh, wovon 17 400 den Kolonisten gehören. Auch die Kolonisten von Entre Nios haben ihre Verwandten Nachkommen lassen und unterstützen dieselben reichlich, was für ihre Zuversicht sowohl, wie für ihr edles jüdisches Herz spricht. Der Bericht erwähnt noch die von der Administration ins Leben gerufene Viehzüchtern zu Zeballos, deren kostspielige Einrichtung beendet ist, und die vom nächsten Jahre ab sich selber wird erhalten können. Die Züchterei besitzt 5455 Stück Rindvieh, 1150 Schafe und 189 Pferde. Nächst Argentinien kommen sehr wesentlich die jüdischen Kolonien in Palästina in Betracht. Der Bericht trägt dieser Thatsache auch insofern Rechnung, als in demselben den palästinensischen Kolonien volle 16 Seiten gewidmet sind. An Ausdehnung weit hinter den in Argentinien zurückstehend, kommen sie an der Zahl der Kolonisten diesen fast gleich. Dafür unterscheiden sich die jüdischen Kolonien in Palästina von denen in Argentinien sehr wesentlich dadurch, daß erstere nicht allein der R C. ^., sondern mehreren Faktoren ihre Entstehung verdanken. Nebst den eigenen Kolonien der R C. giebt es in Palästina bekanntlich jüdische Dörfer, welche eine Reihe von Jahren hindurch vom Baron Rothschild subventionirt wurden, und deren Verwaltung am Beginn des Berichtsjahres voll diesem an die 3. 6.^. übertragen wurde. Endlich bestehen in Palästina acht jüdische Kolonien, die entweder auf genossenschaftlichem Wege entstanden oder von den Chowaweh-Zion begründet worden sind. Von diesen letzteren wurden Nochowoth, Gadrah. Waad-el Chanin und Mischmer-Hajarden von der 4. 0. durch größere einmalige Darlehen unterstützt. Chederah wird gegenwärtig sanirt, während die noch im Entstehen begriffenen Machnajim, Artus und Bneh-Jehudah zu der R (1. in gar keinen Beziehungen stehen. Die Kolonie Kastinjeh, welche von den vereinigten Chowaweh-Zion vor einigen Jahren begründet wurde, gilt als völlig selbständig. Von den von der Gesellschaft durch Darlehen subventionirten Kolonien haben 15 Kolonisten in Waad-el Chanin ihre jährlichen Abzahlungen nicht leisten können. Sie besitzen etwa 63 Hektar Land, von denen 60 Hektar mit Trauben bepflanzt sind. Bei den reduzirten Traubenpreisen waren die Kolonisten nicht in der Lage, nebst dem Zehnten, den Steuern und den Beiträgen zu den Gemeindekosten noch ihre Schulden zu bezahlen. In der Zukunft versprechen die beiden Orangerien im Umfange von 10 Hektar größere Einnahmen zu bringen. Dagegen haben die meisten Kolonisten von Nochowoth ihre jährlichen Abzahlungen geleistet. Die Betreffenden besitzen 117 Hektar Weinland und haben 2750 Centner Trauben geliefert. Noch günstiger ist die Lage der Kolonie Gadrah, wo sämmtliche Schuldner der R tH. ihre Abzahlungen geleistet haben. Ihre 40 Hektar umfassenden Weinberge haben 1650 Centner Trauben geliefert. Sehr gut haben sich die Kolonisten von Mi sch m ar-Ha jar d o n bewährt, welche mit Hilfe eines großen Darlelms der R 0. sich ganz selbständig gemacht haben, trotzdem die Ernte von 1899 von Heuschrecken vernichtet wurde, und auch die von 1900 nur eine mittelmäßige war. Die Kolonie zählt 14 Familien mit 92 Seelen, und der Bericht sagt von ihnen, daß sie tüchtige und fleißige Arbeiter mit sehr bescheidenen Bedürfnissen sind. Sejera (Sedschera) ist die einzige jüdische Kolonie, welche die 3. bisher in Palästina gegründet hat. Dieselbe umfaßt ca. 1750 Hektar, von denen die Hälfte nur als Weideland verwendet werden kann. Die Kolonie wird von der Gesellschaft mit Hilfe voll 52 jüdischeil. größtentheils ans Borislaw stammenden Tagelöhnern selbständig bewirthschaftet. Im ersten Jahre mußten diese Arbeiter von Arabern erst angelernt werden. Jetzt verstehen sie schon selbständig zu Pflügen und zu säen. Sechs Familien wurden in Sejera als selbständige Kolonisten uutergebracht. Daneben leben auf dem Gute 15 jüdische Handwerker, so daß Sejera 150 Juden eine Existenz giebt. Endlich besitzt die Kolonie 30 Pferde und Esel, 76 Ochsen, 150 Kühe und 300 Schafe. . Das Hilfswerk der 4. (1. in Jerusalem schreitet unter Leitung des Herrn Antebi rüstig vorwärts. Die Weberei gewährt 98 Personen einen Tagelohn von ein bis zwei Francs. Zu der Weberei ist jetzt noch eine Färberei hinzugetreten. Um weitere Werkstätten zu gründen, fehlt es an geeigneten jüdischen Werkmeistern, und die Gesellschaft sah sich genöthigt, acht Knaben und zwei Mädchen nach Europa zu senden,