Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1901)
- Date
- 1901-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Ur. 28. Berlin, 12. Inli 1901. Allgemeine eitung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ slir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Plhilippson-Vonrr. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Itlhttll. Leitartikel: Die Jewish Colonization Association. — Die Woche. — Das Fürsorgeerziehungsgesetz. Von Rabbiner Dr. Samuel in Essen. — Josef Ibn Davon aus Belgrad. II. Von Prof. Dr. David Kaufmann s. A. — Feuilleton: Nassi Jehudah ben Nachmia. II. Ein Märchen von MaxViolo. -- Mein Glaube. Gedicht von Gustav Steiner t. — Litteraturbcrichte. Von Dr. M. Kaliserling. Der Gerneirrdkbote. Korrespondenzen und Nachrichten. Berlin, Königsberg i. Pr., Aus der Provinz Posen, Pinne, Leobschütz, Gommern, Hamburg, Hamm, Steele, München, Winnweiler, Wien, Budapest. — Bon Nah und Fern. — Miseclleri. Nie Jewish Colsnization Association. s, Berlin, 8. Juli. WsT m 16. v. M. fcind, wie wir schon berichtet haben, die ordentliche Generalversammlung der „46nisli Ooloiiiration /Vssoaiution" statt. Aus dein Jahresberichte ist zu ersehen, daß die Gesellschaft einen ganz enormen Wirkungskreis besitzt, der sich über vier Welttheile erstreckt und die wichtigsten Interessen des Judenthums an Hunderten von Stellen tangirt. Getreu dem Spruch der Väter: „Sprich wenig und arbeite viel" leistet die 4.0.^. jährlich ein gewaltiges Arbeitspensum, von dem schon ein geringer Bruchtheil genügen würde, einen großen jüdischen Wohtthätigkeitsverein ans Jahre hinaus ehrenvoll zu beschäftigen. Im Gegensatz zu der Fülle der Arbeit steht die absolute Geräuschlosigkeit, mit der diese Arbeit vollbracht wird. Die 4. 0. arbeitet mit der Ruhe, der Gleichmäßigkeit und der Energie einer gut geölten Maschine. Sie buhlt auch nicht im mindesten um den Beifall der Menge. Und trotzdem steht die 4. dH erst am Beginne der von ihrem Gründer, dem seligen Baron Hirsch, ihr gestellten Aufgabe. Nach den Intentionen dieses Mannes hat die 4. k. keine geringere Aufgabe, als die große, das Judenthum seit zwei Jahrtausenden bewegende Emigrationsfrage zu lösen. Leider gehört aber zur Lösung dieser Frage, welche von jeher die eigentliche Ursache aller Judenverfolgungen war und noch ist, noch etwas anderes als nur Geld, da eine große, wohlorganisirte Auswanderung nur auf der Basis des Ackerbaues erfolgen kann. Zu diesem Zwecke werden von allen einsichtigen Männern seit zwei Decennien die angestrengtesten Versuche gemacht. Schulen zu errichten, in welchen die Juden ans praktischem wie auf theoretischem Wege den Ackerbau erlernen könnten, und auch der 4,6. bleibt nichts weiter übrig, als an diesen Bestrebungen den lebhaftesten Antheil zu nehmen und in Argentinien sowohl wie in Palästina, in Kanada und den Bereinigten Staaten wie in Kleinasien und Cypern solche praktischen Ackerbalischulen zur Erziehung eines jüdischen Bauernelements zu gründen und weiter zu fördern. Denn gestehen wir es nur offen: mehr als praktische Ackerbauschulen, in denen einige tausend jüdische Bauer»! ausgebildet werden sollen, sind die bis jetzt errichteten, nunmehr sämmtlich von der 4. 6. subventionirten Kolonien immer noch nicht. Und wie alle Ackerbanschillen sich ohne Subvention nicht erhalten können, so müssen auch sämmtliche jüdischen Kolonien mehr oder weniger noch unterstützt werden. In Palästina geschieht das einstweilen direkt und mit baarem Gelbe, in Argentinien dadurch, daß man den Kolonisten enorme Ländereien zur Verfügung gestellt hat, ans denen sie, vermuthlich mit Hilfe von gemietheten Tagelöhnern, eine exte nsive Wirthschaft treiben. Es ist eben, um eine neue Generation von tüchtigen Landarbeitern zu schaffen, nicht nur Geld, sondern mehr noch Zeit nöthig, und diese Zeit läßt sich nicht anders als durch Ausdauer und Geduld gewinnen. Um aber inzwischen die Zeit auszufüllen und auch der gegenwärtigen Generation das Leben zu erleichtern, ist die 4. C. bemüht, den armen Juden in Rußland, Galizien, Rumänien und Palästina nach Kräften beizustehen und ihnen durch Errichtung von billigen Wohnungen, Gründung von technischen und landwirthschastlicheu Schulen, sowie Schaffung von neuen Industrien das schwere Dasein zu erleichtern. Wesentliches wird damit erreicht, und die Zahl der jüdischen Armen dürste dadurch merklich vermindert werden. Trotzdem ist es eben nur ein Nothbehelf, bis bessere Zeiten gekommen sind, wo ein neuentstandenes gutgeschultes Bauerngeschlecht die 4.0.^. in den Stand setzen wird, an ihre eigentliche Ausgabe zu gehen und die Emigration der Juden aus Rußland, Galizien und Rumänien mit voller Kraft zu betreiben. Nach diesen einleitenden Bemerkungen mag hier ein Auszug aus dem Berichte folgen: Die jüdischen Kolonien in Argentinien befinden sich zur freudigen -Ueberraschung aller Freunde einer zielbewußten, plamiiüßigen jüdischen Kolonisation in langsamer, aber stetiger Entwicklung. Die Kinderkrankheiten sind überwunden, die „Flucht vom Lande", welche die Bevölkerung der Kolonien decimirt und noch iin Berichtsjahre zum Verluste von 113 Familien mit 560 Seelen geführt hat, hat nun ganz nachgelassen. Die Kolonisten, welche sich im vorigen Jahre bereits alle selbst erhalten konnten, schöpfen neuen Muth, unterstützen sogar bereits ihre Verwandte» in Rußland, lassen sie ans ihre Kosten zu sich herüberkoinnien und saugen sogar an, sich bei größeren Unglückssällen, wie bei der Hungersnoth in Südrußland, durch Veraustaltung vo» Eeldsammluugen helfend zu betheiligen. Es lebten im Berichtsjahre in den jüdischen Kolonie» Argentiniens 1290 Familie» mit 6791 Seelen. Sie betreiben einen umsangreichen Getreidebau, indem