Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- Seite 324 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Nachmia geworfen. Ihm war es recht, and er freite um sie. Acht Jahre lebten sie bereits beisammen, da hatte ihnen Gott ein großes Glück bescheerl: Gedulah sank ins Bett und gebar einen Knaben. Darüber wäre Nachmia verrückt geworden, wenn er es nicht ohnedies gewesen wäre. Er hielt das neugeborene Kind in seinen Armen und wollte sich nicht mehr von ihm trennen. Schön wie ein Engel und stark wie Simson war er nach seiner Behauptung; er lief mit dein Kinde im Arme durch die Gassen und behauptete, der Messias sei geboren und er dessen Vater. Und als die Kunde kam, die Inden sollten aus Kastilien verjagt, ihre Kinder ihnen genommen, vertilgt werden, da lachte er und lachte. Seinem Kinde wollte man etwas anhaben, dieser duftenden Blume, dem Messias? Der König brauchte dieses Wundergeschöps nur zu sehen, um die goldene Kette mit der großen Münze vom Halse zu nehmen und ihm umzuhüngen! Und dieses Kind sollte er vernichten wollen? Nachmia lachte und war guter Dinge; er schaukelte das Kind in seinen Armen und tanzte in tollen Sprüngen hin und her. Sie sollten nur weinen und beten und ihr Haar zerraufen, er wollte mit seinem Kinde morgen zum König, und wenn der dieses Wunder sah, so ließ er alle Juden mit ihren Kindern in Kastilien, und Nachmia erhielt ein goldenes Kleid. Und fester setzte sich im verschrobenen Gehirn Nachmias der Plan, mit seinen! Kinde zum König zu gehen. Er verließ ihn nicht rnehr. Als am nächsten Tage die Sonne auf Valladolid herniederglühte und die Straßen weiß brannte, machte er sich mit seinem Kinde auf den Weg nach dem Königsschlosse. Er trug es wohlverwahrt in seinen Armen wie einen köstlichen Schatz, und ungehindert tarn er bis zürn Königsschlosse. Am Eingänge lehnten zwei Wachen mit großen Hellebarden in den Fäusten. Die Sonne glühte in heißen Strahlen auf ihre Köpfe, und sie schliefen mit offenem Munde, während ihnen der Schweiß in Strömen von der Stirn floß. Ungehindert schritt Nachmia an ihnen vorbei bis zur Treppe des Schlosses. Da lehnten zwei Wachen an der Mauer und schliefen, und auf den Stufen saßen zwei Pagen und schliefen. Im breiten, gewölbten Flur standen und saßen Soldaten, Diener und Pagen und schliefen. Ihr Schnarchen widerhallte im hohen Raum. Nachmia beachtete sie nicht. Er schritt an ihnen vorüber und öffnete eine Thür. Da war alles aus Gold und gelber Seide, doch das Zimmer war leer, der König nicht darin. Er schritt in das nächste Zimmer und fort, von einem ins andere, alle waren leer. In einem kleinen kühlen Raume hielt er still. Da war eine Frau auf den Teppich gesunken und schlief; eine schlief zusammengekauert auf einem Schemel und eine saß, das Haupt vorn überhängend, auf einem Stuhl und schlief. Und in der Mitte des Raumes stand eine Wiege, ganz aus Gold und mit Perlen besetzt. Und in der Wiege lag ein kleines Kind in einem seidenen, goldgestickten Hemdchen und mit einem goldenen Häubchen auf dem Kopfe. „Gott, wie schön!" rief Nachmia, als er des Kindes in Seide und Gold ansichtig wurde. „Freilich nicht so schön wie mein gebenedeites Jüngelchen, aber es besitzt ein seidenes Hemdlein und ein goldenes Häublein, und inein Jüngelchen ist blos in ein Stück grobe Leinwand gehüllt. Warum soll nicht mein Kind in Seide und Gold in der goldenen Wiege liegen?" Und er nahm das seidene Hemdchen und das goldene Häubchen vom Königskinde, Legte sie seinem eigenen Kinde an und hüllte das Prinzlein in die grobe Leinwand. Dann legte er es auf einen Teppich und sein Kind in die goldene Wiege. Er begann die Wiege leise zu schaukeln und schließ von der Hitze bedrückt, daneben ein. Aber er schlief blos eine Viertelstunde, dann schreckte er auf. Er rieb sich die Augen und wußte nicht, wo er war. Befand er sich in einem Zauberschlosse? Er sah das Kind in grobe Leinwand gehüllt neben sich aus der Erde liegen, nahm es behutsam in seine Arme und schlich aus dem Zimmer. An den schlafenden Pagen und Wachen vorbei aus dem Schlosse, und schritt seiner Hütte zu. Unterwegs stand er einmal still. Hatte er nicht mit seinem Kinde zum König gewollt? Ja, aber der König schlief, Alle schliefen, so hatte er sein Kind wieder genommen, um zu seiner Gedulah hinzueilen. (Schluß folgt.) Literarische MittheiLungen. Zur rechten Stunde, zum Jahrzeitstage des unvergeßlichen Gelehrten, ist soeben ein stattlicher Band, das Ge denk buch zur Erinnerung an David Kaufmann (Breslau 1901, Schlesische Buchdruckerei, Knust-und Verlagsanstalt) erschienen, herausgegeben von Dr.M.B r a n n und Dr. F. Nosenthal. Ein würdigeres Denkmal kann man einem großen Gelehrten gar nicht setzen; dieses ist in Wahrheit nerv perenninü. dauernder als ein in Stein und Erz gegrabenes! In diesem Werke lebt der Geist des Mannes, dem es geweiht ist, und wie kein Wort darin steht, das er nicht hätte sagen können, so ist auch keine Zeile darin enthalten, die nicht seilles Geistes würdig wäre. Wie umfassend aber dieser Geist war, dnvon legt gerade das Gedenkbuch ein glänzendes Zeugniß ab. Denn es ist auch nicht ein Aufsatz in demselben.enthalten, der sich nicht auf Kaufmanns Studien bezöge. Und doch umfaßt das Buch alle Gebiete der Wissenschaft des Judenthums. Man kann mm ermessen, wie groß und weit der Umsaug seines Studiengebiets gewesen ist. Den nie versiegenden Schmerz über das allzufrühe Hillscheiden dieses Mannes mildert die Gewißheit, daß er in der kurzen Spanne seines Erdenwallens so viel und so Unvergängliches geleistet hat. Das mutz der große Trost bleiben, der die vortreffliche Gattill, die dieses Buch durch ein Vorwort eingeleitet, immer führen wird. So wird es denn nach dem tiefen Worte Goethes der Gewinn ihres Lebens sein, seinen Verlust zu beklagen. Zu dem Gedenkbuche selbst übergehend, müssen wir es uns natürlich versagen, ans den Inhalt der einzelnen Aussätze einzugehen. Es genüge die Bemerkung, daß es eine unerschöpfliche Fundgrube bleibt für alle Wissensgebiete: für Sprachknnde und Bibelforschung, für Alterthttmskunde. Geschichte und Litteraturgeschichte aller Perioden des jüdischen Geisteslebens. Einer biographischen Einleitung von Dr. F. Rosenthal und einem Verzeichniß der Schriften und Abhandlungen Kaufmanns von Dr. Braun, das uns wahrhafte Bewunderung für den Geist und die Arbeitskraft des in der Blüthe der Jahre Dahingeschiedenen einflößt, schließen sich längere oder kürzere Aufsätze von I. Barth, D.A. Müller, Theodor Reinach, Ad. Buchler, L. Blau, M. Friedmann, Jmm. Löw. I. Goldziher, D. Simonsen, I. Abrahams, M. Schwab. E. N. Adler. M. Lambert, M. Steinschneider. S. Poznansky. W. Bacher, S. H. Margulies. M. Gaster, N. Porges, A. Berliner. A. Neubauer, A. Epstein. PH. Bloch, A. Lewinsky, Jsr. Levi, A. Sidon, M. Horovitz, D. Fenchtwang, Al. Büchler. B. Ziemlich, G. Karpeles (den Beitrag des Redakteurs d. Bl. werden wir, da er vielleicht für weitere Kreise von Interesse, demnächst Zum Abdruck brillgell), E. Baumgarten, L. Löwenstein. S. Krauß, M. Freudenthal, B. Bernstein, Alb. Wolf, M. Gndemann M. Klein, Hermann Cohen, M. Friedländer. S. Bnber. S. Schechter, S. P. Nabbinowitz, P. H. Wetstein, S. H. Halber stamm in der hier angegebenen Reihenfolge. Wie man sieht, haben sich die angesehensten Vertreter der Wissenschaft des Juden thums aus allen Ländern zusammengefundeu, um das Andenken des Mannes zu ehren, dem sein Biograph mit Fug und Recht die sel tene Vereinigung der von zwei alten Meistern, dem Sohne Hhrkans und dem Sohne Arachs, gerühmten Vorzüge Anerkennt, voll denen man sagte, daß der eine einer wohlverkalkten Cisterne gleiche, die keinen Tropfen durchläßt, der andere aber einer sprudelnden Quelle. „David Kaufmann besaß beides: einen treuen Schatzhüter seilles Wissens in seinem wunderbaren Gedächtniß und den eigenartigen Quell ewig sprudelnder Genialität. Seinesgleichen findet sich auch nicht so bald wieder." Sein Andenken bleibe gesegnet! Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.