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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-05 · Heft 27 (5.7.1901) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 323 (sequence 13)
Language
German
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323 soweit sie nicht in der Nähe, lvie z. B. in Essegg, zurückgehalten wurden, nach Mähren, wo die größeren Gemeinden Wunder von Aufopferung in der Loskaufnng der von Haus und Hof vertriebenen Unglücklichen verrichteten. LvmL'ron Uasfi Jehudah den Nachmia. Ein Märchen von Max Viola. er Großinquisitor neigte das Haupt und verbarg seine Hände in den weiten Aeriueln seiner Soutane: „Sire, der glorreiche Tag, der über Kastilien angebrochen, erheischt größere Dankbarkeit gegen Gott. Unsere heißen Gebete haben Erhörung gefunden, die Krone besitzt einen Erben. Mit rosigen Grübchen in den Wangen ruht der künftige König Kastiliens in seiner Wiege. Sire, noch ist es ein kleines schwaches Kindchen, das Euch Gott gegeben, es muß wachsen und erstarken, um ein Mann zu werden. Versöhnt Euch mit dem Himmel, damit Eure Sünden nicht dem schuldlosen Kindlein zur Last fallen." „Was ist es noch, das Ihr wünscht, heiliger Vater? Die Kirche zur Anbetung des Jesukindleins soll in Angriff genommen werden und in niegeahnter Pracht erstehen, die Juden sind Euer, obwohl Ihr durch ihre Vertreibung ein großes Loch in meinem Säckel reißt?" „Ich will auch die Kinder der gottverfluchten Juden." „Die Kinder? Wozu sollen sie Euch?" „Ich will sie zur höhere» Ehre Gottes Hungers sterben lassen. Trotz unseres rastlosen Fleißes sind wir nicht im Stande, in der Woche mehr als einige hundert der jüdischen Ketzer auf den Scheiterhaufen zu verbrennen, und wenn ich nnn, der klugen Weisung Eurer Majestät gehorchend, an die Vertreibung der Uebriggebliebenen schreite, sind es noch immer viele Tausende, die unsere Grenzen verlassen. Sie werden erschlagen werden, auf der Straße wie die Fliegeil sterben; doch mit der Zähigkeit, die diesen Verwünschten iunewohnt, werden sie sterbend ihren Kindern neue Lebenskraft einhauchen. Die Alten verenden, doch mit ihren Kindern entsteht ein neues Geschlecht, das sich immer wieder nach dem Lande, wo seine Väter gewohnt, nach Kastilien, zurücksehnen wird. Darum sollen auch die Kinder ausgetilgt werden, auf daß keine Spur von Denen übrig bleibe, die das Land Ew. Majestät durch ihren Unglauben verpesteten." „So gehet denn hin, heiliger Vater, und thuet in meinein Namen, wie es Euer Wunsch ist." Und abermals erhob sich Weinen und Wehklagen unter der Judenschaft Kastiliens. Der Eroßrabbi Jbn Esra hüllte sich in einen Sack, streute Asche auf sein Haupt und saß barfüßig auf den Stufen des Altars. Esra zerraufte sein Haar, er schlug sich an die Brust und große Thränen fielen in seinen Bart. Und um ihn herum saßen alle jüdischen Männer von Valladolid auf dem Fußboden, zerrissen ihre Kleider lvie beim Tode eines theuren Verwandten und riefen die Sterbegebete zum Himmel. Nicht dem eigenen Leben galt es, sie sollten blos verjagt werden, unstät und flüchtig aus dem Lande ziehen, das sie bewohnten, doch ihr Herzblut, ihre Kinder, sollten sie nicht mit sich nehmen dürfen. Die Seelen ihrer Seelen, das Leben ihres Lebens, ihre Hoffnung und ihr Trost, ihre Kinder sollten Zurückbleiben, dem blutrünstigen Großinquisitor überantwortet, der sie vernichten, dahiuwürgen wollte, die Unschuldigen, die noch voll Liebe und Vertrauen zu den Menschen aufschauten, die ohne Fehl waren und ohne Arg, rein wie die Heerscharen des Himmels. Ihre einzige Freude daheini, wenn sie draußen gestoßen und verfolgt wurde», waren die Kleinen; durch ihr freundliches Lächeln zauberten sie Freude und Glück in ihre gemarterten Herzen; und null sollten sie ihnen genommen werden; nicht die wartende Hand der Mutter sollte sie mehr betrauen, nicht der Vater sie inehr vor Ungemach schützen. Wilden Henkersknechten sollen die unschuldigen Kindlein überantwortet werden, rohe Fäuste die zarten Glieder verunstalten, Wind und Wetter über sie hinfahreu, Hunger und Durst sie zu Tode quälen, bis sie mit zuckenden Herzen und gebrochenen Blicken niedersinken und verwesen. Und lauter und verzweiflungsvoller tönten die Sterbegebete zum Himmel, und dröhnend schlugen sie mit den Fäusten die gemarterte Brust. Und die jüdischen Frommen kasteiten ihren Leib und beteten. Sie saßen daheim und» hielten ihre Kinder an sich gepreßt, bereit zu sterben, die Frucht ihres Leibes eher mit eigener Hand zu tödteu, als sie von den Schergen fortschleppen und dem Hungertode, der Verwahrlosung übergeben zu lassen. Und in den Abendstunden überkam sie Alle ein Gedanke: Als die Männer nach dem jüdischen Friedhof hinauszogen, um die in der Synagoge begonnenen Gebete an den Gräbern ihrer Vorfahren fortzusetzen, die Seelen der Entschlafenen um Hilse anzurufen, da liefen die Frauen mit ihreu Kindern aus der Stadt, sie liefen und liefen; Manche hielt zwei kleine Kinder in den Armen, und drei bis vier klammerten sich an ihre Röcke, und sie liefen hinaus in die finstere Nacht, in die Wildniß, ohne Ziel, ohne Brod, mochten sie auf der Landstraße dähinsinken und sterben, den Adlern und Geiern zum Fräße werden, nur die Mutter sollte bei ihnen sein, die Mutter ihnen die Aeuglein zndrücken, wenn sie zu Tode ermatteten. Und sie liefen, sie flohen zu Hunderten, ihr Athen: ging schwer, die Kinder wimmerten, doch weiter, weiter rasten die Mütter auf unwegsamen Straßen in finsterer Nacht wie ein Heer entfesselter Gespenster, während die Männer vor den Gräbern ihrer Väter saßen und die Sterbegebete sagten, und die Gemeiudeältesten alles Geld und alle Kleinodien sammeln wollten, um vielleicht durch reiche Geschenke das Herz des Königs zu erweiche»!, daß er ihnen gestatte, ihre Kinder »nit sich zu nehmen auf ihren Wegen in die univirthliche Welt. Blos Nachmia der Narr war guter Dinge. Er hatte schon als Kind allerlei Verschrobenheiten geübt, und als Jüngling war er über das Studium der Heiligen Schrift vollständig närrisch geworden. Er lernte nicht und arbeitete nicht, erhalte bereits einen Bart und spielte noch mit den kleinen Kindern im Sande, und »veil er allein war und Niemand besaß und nichts, erhielt er von der Gemeinde eine Unterstützung und wurde von den »nitleidigen Frauen für kleine Botengänge gespeist. Plötzlich war Nachmia stolz geworden und lehnte die Unterstützungen ab. Er hatte geheirathet. Die lahme Gedulah, die blos ein Auge hatte und fast dreißig Jahre zählte. Sie war beim Gemeindevorsteher als Magd bedienstet und »veil sie alt wurde und kein Freier kam, und »veil es eine Sünde ist, ohne Gatten zu bleiben, hatte sie ihr Auge auf

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