Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- Seite 321 (sequence 11)
- Language
- German
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321 ablegen, denn er hatte in der Sekunda und Prima einen jüdischen Mitschüler Namens Dembitz als Nachfolger, dessen Schilderung zu den glänzendsten Stellen in den Erinnerungen unseres Jubilars gehört. Dembitz war der Sohn blutarmer Eltern; Sommer und Winter trug er sein dünnes, abgeschabtes Röckchen und Niemand sah je, daß er im Respirium ein Frühstück aus der Tasche dieses fadenscheinigen Röckchens gezogen hätte. Er hatte ein bleiches, sympathisches Gesicht, einen zarten, proportionirt gebauten Körper, eine feine, aber deutliche, manchmal von tiefster Empfindung durchzitterte Stimme. Er war sehr kurzsichtig, benutzte aber keine Brille, sondern brachte die Augen beim Lesen so nahe als möglich an das betreffende Buch. In den alten Sprachen und der Mathematik war er als Primaner selbst seinen Lehrern überlegen. Der Professor, welcher mit den Primanern die griechischen Klassiker las, erkannte dies insofern an, als er ihn als lebendiges Wörterbuch benutzte: wenn weder Lehrer noch Schüler eine seltene Vokabel wußten, dann wurde einfach Dembitz gefragt, und das gesuchte Wort ivar wie aus der Pistole geschossen da. Wenn die übrigen Primaner sich mit der Stereometrie abquälten, trieb dieser hochbegabte 16jährige Jüngling im Stillen zu seinem Vergnügen sphärische Trigonometrie und Infinitesimalrechnung; der Begriff des Integrals blieb der Klasse ein undurchdringliches Geheimniß, aber Dembitz sprang mit den Differentialquotienten und Variabeln wie ein zweiter Leibniz oder Newton um. Der Generalssohn blickte zu dem armen Judenknaben wie zu einem höheren Wesen auf; denn trotz seiner geistigen Ueberlegenheit war Dembitz bescheiden und liebenswürdig, und die Stellung, die man ihm in der Klasse unwillkürlich einräumte, benutzte er nur zu Bemühungen um ein besseres Einvernehmen zwischen deu verschiedenen Bekenntnissen. Dembitz war schon als Primaner tief in die Abgründe des Erkenntnißstrebens eingedrungen und war mit der Weltanschauung Baruch Spinozas innig vertraut. Er wußte alles, konnte immer Auskunft geben und half Jedem, dem eine schwere Klassenarbeit aus der Seele lag. Drohte wieder einmal ein Streit zwischen christlichen und jüdischen Schülern auszubrechen, dann nahm er einen der christlichen Anführer auf die Seite und appellirte an dessen Großmuth: „Du mußt es ihm nicht anrechnen," flüsterte er dann dem Erregten mit Hinweis auf den jüdischen Schüler zu, „was kann er dafür, daß er von polnischen Juden abstammt? Diese polnischen Juden taugen alle nichts und schaden uns deutschen Juden auf das Empfindlichste; sie sind durch den Druck und die schmachvolle Behandlung seitens des polnischen Adels entartet. Laß den Schüler laufen! Ich werde ihn verwarnen, er soll es nicht wieder thun." Und merkwürdig, die ruhige Bitte dieses verständigen Schülers wirkte mehr als alle ernsten Rügen und Strafandrohungen des Direktors; der Friede wurde hergestellt, und die Achtung vor dem „Judenjungen" Dembitz stieg immer höher. Er folgte später einem Rufe als Professor der Mathematik an eine amerikanische Universität und ist dort in noch, jungen Jahren gestorben. Ich schließe diese Skizze mit einem Bekenntniß des edlen Jubilars, welches er in einem Aufsatz über „Taunhäuser" niedergelegt hat, dahingehend: „Es versteht sich von selbst, daß in Sachen des Glaubens zwischen mir und den Inden eine »nausfüllbare Kluft gähnt — aber abgesehen von dieser Thatsache muß ich der Wahrheit die Ehre geben und rückhaltslos bekennen, daß ich aus vielen, ja aus sast allen andere» Gebieten dieInden achte und liebe. Unvergessen bleibt mir ein jüdischer Arzt, dessen Meisterhand es Gott einst vergönnte. mich vom Tode zu retten, seine tiefe Wissenschaftlichkeit, sein scharf blickender Geist, seine feinen Verkehrsforme» und seine durch und durch edle Persönlichkeit hatten mich so angezogen, daß wir trotz der Verschiedenheit unseres Bekenntnisses — er war, was ich ganz besonders achtete, ein strenggläubiger, srommer Jude — wahrhast befreundet wurden und auch bis an seinen» Tode geblieben sind. Für die Wissenschaft und für mein Herz ist er zu srüh gestorben — er ruht in schlesischer Erde, und die ewige Liebe und Barmherzigkeit wird Wege genug besitzen, den Suchenden den Pfad der Seligkeit finden zu lassen." Joftf Jbn Aanon aus Belgrad. Von Professor Dr. David Kanfman n s. A. I. Zusammenbruch der Türkenherrschaft in Ungarn am Ausgang des 17. Jahrhunderts hat einer großen Anzahl hervorragender jüdischer Gemeinden den Untergang gebracht. Wie Vogelnester, die unter dein Dache eines schützenden Bauwerks geborgen waren, in seinem Falle begraben werden, so wurden die blühenden jüdischen Ansiedelungen, die in den anderthalb Jahrhunderten der Türkenregierung im Süden Europas sich entwickelt hatten, bei der Zerstörung dieser Herrschaft wie von der Erde weggefegt. Die denkwürdigsten Momente dieser Leidenschronik sind die Einäscherung von Ofen und Belgrad. Als am 20. September 1686 auf der Citadelle von Ofen der Halbmond sank, da hatte hier einem der ansehnlichsten und berühmtesten jüdischen Gemeinwesen die Todesstunde geschlagen.') Und nur noch zwei Jahre sollten ins Land gehen, und die Schreckensszeneu von Ofen fanden in den Mauern von Belgrad ihre Erneuerung. Als am 6. September 1688 nach mehr als dreiwöchentlicher furchtbar opferreicher Belagerung Kursürst Max Emanuel die Stadt erstürmte, da zertrat der Fuß des Eroberers auch die jüdische Gemeinde, die hier unter der türkischen Herrschaft es zu großer Blüthe gebracht hatte. Wie kriegsgefangene Beute wurden die jüdischen Bewohner von der nach Auslösungsgelderu lüsternen Soldateska fortgeschleppt und in alle Winde zerstreut. Wie Samenkörner, die der Wind aushebt, wurden die stillen und friedsamen Zeltenbewohner der Gemeinde Belgrad in die entferntesten Gegenden verschlagen, ein Jeder das unfreiwillige Opfer wechselvoller Schicksale, der Held einer ungeschriebenen Odyssee, ein vielumhergetriebener Dulder. Keinen dieser Märtyrer können wir aber so genau auf seinen Wanderzügen begleiten, als den von Belgrad ans nach London verschlagenen Josef Jbn Danon, der als Typus der Erscheinungen jener Zeit es verdient, daß wir noch einmal bei ihm verweilen, nachdem Herr El kan N. Adler zuerst die Aufmerksamkeit der englisch - jüdischen Geschichtsschreibung auf ihn gelenkt hat. 2) Als Glied der Geschlechter hindurch in Belgrad erbgesessenen Familie Jbn Danon das einzige Kind seiner Eltern, genoß Josef, der Sohn Jakob den Mose Jbn Danons eine sorgfältige Erziehung nach dem Bildungsideal, das frommen >) Vergl. Kaufmann, Die Erstürmung Ofens (Megillath Ose» Trier. 1895. h Iswisb Obroiuelo 1895 9u»e 28, >i. 2N.