Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- Seite 320 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228447--57704-3294099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
320 werden, und die gerade das weltüberwindende und trinmphirende Prinzip des Christenglaubens sind? Mit welcher Gelassenheit, mit wie viel unverletztem Gewissen verkehrt der Christ gesellschaftlich mit dem moderneil Gottesleugner, mit dem knlturbeleckten Heiden, mit dem Feinde und Spötter und Verächter seiner theuersten Ueberzeugungen — und mit den Kindern des „Volkes Gottes", die, so lange wir eine Geschichte haben, den Namen Jehovas, dessen, der da ist und der da sein wird, trotz vieler Schwankungen und Verirrunge»l immer wieder gerettet und hoch und heilig gehalten haben, sollte der gesellige Verkehr seine Gefahren, seine Bedenken und Mißstände für das christliche Bewußtsein haben? Der Glaube, der die Berührung mit einem Andersgläubigen nicht vertrüge und sich feige und weltflüchtig aus der Friktion des Lebens und seiner Kämpfe in eine Kontumazeinsamkeit znrückziehen mußte, um sich dort stagnirend zu isoliren. stünde doch auf sehr schwachen Füßen und vergäße doch ganz jene Vorschrift, daß wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen sollen. Aber meistens ist es gar nicht eine jungfräuliche Scheu des christlichen Bekenntnisses, welche die Berührung mit dem jüdischen Element flieht, sondern das liebgewordene und großgezogene Vorurtheil nimmt die Rechtfertigung seiner Existenz ans dem Arsenal der christlichen Waffen, und dies ist eine sündliche Fälschung der Religion der Liebe und ein frevelndes, pharisäerhaftes Beginnen. Noch verletzender berührt uns das feindselige Vorurtheil gegen den Juden, welches, ohne Rücksicht auf die religiöse Verschiedenheit, nicht selten einen Theil des gebildeten Bürgerthums und der sich hier und da gedankenlos abschließender! Aristokratie gefangen hält. Hier treffen wir manchmal durch jüdischen Wucher Geschädigte und vernehmen aus dem Munde derselben staunend und befremdet die Verwünschung der ganzen Kaste. Man hat über ein Jahrtausend lang den Inden wie einen Aussätzigen behandelt, ihn ausgeschlossen von allein Schutz und allen Segnungen der Gesellschaft, ihn gedrückt und geschlagen und geplündert, ihm alle Bahnen des rechtlichen Erwerbs lind solider bürgerlicher Thätigkeit versperrt und ihm meistens nur gestattet, durch Schacher und Wucher für sich und die Seinen das mißgönnte Stück Brod zu gewinnen — und nun, wo ein nothleidender oder liederlicher oder leichtsinniger Christ in das Garn eines dieser zertretenen, schachernden und wuchernden Parias läuft, schreit man mit dem Scheine sittlicher Entrüstung über Betrug und Diebstahl, und benutzt die Erfahrung an einen! durch unser Verschulden moralisch gesunkenen Menschenkinder zu einer Anklage und Verurteilung eines ganzen Stammes! Ist das recht und verständig? Heißt das nicht aller Logik der der Thatsachen frech ins Gesicht schlagen? Ist es nicht die Anklage der eigenen Schuld und Schmach, die unbewußte Verkündigung der eigenen Erbärmlichkeit und Bornirtheit, die dort Trauben ernten will, wo sie Disteln gesät hat? Der Vorwurf des Wuchers, den man noch immer unter sogenannten Gebildeten gegen das Judenthum erheben hört, i st i n der That die haltloseste und lächerlichste Beschuldigung, die gegen diese nun lange genug mißhandelte M e n s ch e n kl ass e vorgebracht werden kan n. Es ist wohl nur zu erklärlich, wenn in einer Meuschenklasse, die man seit langen Zeiten aus den höheren Kreisen des geselligen Lebens kurzsichtig und lieblos ausgeschlossen hielt, einige Wenige existiren mögen, die da. wo man ihnen mal vorurtheilsfrei den kleinen Finger bot. im überströmenden Gefühle der Hoffnung auf endliche Erlösung die ganze Hand ergriffen haben, und der splitterrichtende Unverstand war dann mit dem absprechenden Urtheil über die ganze Klasse fertig. Vergessen wir nicht, daß das Judenthum schon eine Kultur mit höchster und sinnigster Kunstpflege besaß, als unsere röthlich gelockten Vorfahren noch auf der Bärenhaut um ihre Weiber würfelten, und daß der volle Kranz des Wissens und der wahren Bildung unserer Tage durch reichste Blüthen aus den: Judenthum untermischt ist. Kein Volk wie das jüdische hat seine Gesittung und geistige Spannkraft so zähe bewahrt, und doch ist das eiserne Joch der persischen, makedonischen ptolomäischen, syrischen, römischen, mohamedanischen und christlichen Herrschaften abwechselnd mit erbarmungsloser Feindseligkeit ihm ans den Nacken gelegt worden. Zur Zeit, als in unserem deutschen Lande der finsterste Aberglaube und die roheste Unwissenheit ihre nächtlichen Schwingen über die Geister breiteten, blühte die jüdische Litteratur in tropeuhaster Schöne und Fruchtbarkeit und als der Vorfahr des „Hep! Hep!" rufenden Junkers — des Schreibens unkundig — seinen Namenszug noch mit dem Schwertknanf abdrückte und beglaubigte, haben schon Namen wie Jeh uda Halevi. Abraham ben Chija, Mose ben Esra und Maimonides einen guten Klang gehabt und die Glanzepoche jüdischer Leistungen in der Nationallitteratur. Gesetzeskunde, Mathematik, Medizin, Astronomie und Philosophie bezeichne. Wer die Thatsache übersieht, daß das Judenthum heute im geistigen und öffentlichen Leben Europaden entscheidendsten Antheil nimmt und durch den Umschwung seiner Kultur ohne Gleichen sich den Bestrebungen der modernen Staaten assimilirt hat. Vermag freilich den einfältigen oder heuchlerischen Schmerzensschrei über Zudringlichkeit anssto ßen, wenn der Jude auch im Privatleben sich ihm als gleichberechtigt gegenüberstellt — das. was er Zudringlichkeit nennt, ist wohl meistens nur die Phautasmagorie seiner eigenen Kurzsichtigkeit und Sittenroheit. Täuschen wir uns darüber nicht.' die theoretische Emanzipation der Juden, der Genuß gleichen Rechts, genügt nicht, nm unsere alten Schulden au dieses Volk zu zahlen, es muß die praktische Gleichstellung auch im Privatleben, die freiwillig und gern gewährte Achtung und Liebe hinzutreteu. um diese Schmach der Juden frage, die wie ein fressender Rost noch in großen Gesellscha ftsschichteu sitzt, ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen." Das sind wahrhaft goldene Worte! Major von Gerhardt war seitdem unermüdlich in der Vertheidigung der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Rechte der Inden. Während zahlreiche, selbst im Gerüche des Freisinns stehende deutsche Romanschriftsteller die jüdischen Charaktere, welche sie uns Vorfahren, verzerren und statt der Wahrheit Karikaturen bieten, befleißigte sich unser Autor stets der wohlwollendsten Objektivität. Ich verweise nur auf seine Novelle: „Der Zug des Todes". Der eigentliche Schauplatz der Vorgänge in dieser mit großem Geschick und bewunderungswürdiger Kunst verfaßten Erzählung ist das Haus eines industriellen Barons jüdischer Abstammung. Der arme jüdische Hausirer ist mit Liebe und Treue gezeichnet, und überall macht sich das Bestreben des Dichters geltend, Licht und Schatten in gerechter Weise zu vertheilen. Auch in seiner Schrift „Auf der Bresche!" kommt Amyntor auf die Jndenfrage mit der Leidenschaftlichkeit eines Hnmanitätspropheten zurück. Er weist hier nachdrücklich auf die zahlreichen Kulturträger unter den Juden, auf einen Spinoza, Traube, Berthold Auerbach u. A. hin und fragt, wie man solchen Erscheinungen gegenüber das Verdammungsurtheil gegen die Juden aufrecht erhalten wolle. Das Judenthum, behauptet er gegen Stöcker, Ahlwardt und Genossen, könne, so weit es dem deutscher: Volke etwa noch fremd sei, nur durch moralische Eroberungen zu ihm herübergezogen werden. Dem Gottesmann Stöcker geht er irr vernichtender Weise zu Leibe. Wahrhaft rührend ist es, wenn Gerhardt v. Amyntor auf die scheußlichen Judenverfolgungen im Mittelalter zu sprechen kommt. Man lese nur seiner: ausgezeichneten zweibändigen kulturgeschichtlichen Roman „Frauenlob", worin die Schilderungen der großen Mainzer Judenverfolgung und des Judenbischofs Moises von packender Kraft sind. Man merkt aus jeder Zeile die innere Ergriffenheit des Verfassers. Schon auf dem Gymnasium lernte der junge Gerhardt, der Sohn eines Generals, die Vorurtheile gegen die Juden