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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-05 · Heft 27 (5.7.1901) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 319 (sequence 9)
Language
German
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31S ständiges, aus wenigen Blättern bestehendes hebräisches Manuskript, das Professor Schechter aus seiner sogenannten „Geniza"- Saimnlung in demselben Heste veröffentlicht. Der Inhalt des fraglichen Manuskripts ist insofern höchst kurios, als er aus verschiedenen scharfen Angriffen ans die Bibel besteht, die von einem unbekannten jüdischen Verfasser herrühren, der ungefähr um die Zeit des Saadja Gaon gelebt zu haben scheint. Er behandelt sein Thema auf eine höchst sathrische Weise und benutzt dabei, mit wenigen Ausnahmen, einen gefälligen hebräischen Stil, der die Form einer Makame hat. Für Fachmänner dürfte das besagte Manuskript eine besondere Anziehung haben. Gerhard von Ainyntor. Von Dr. Adolph Ko Hut. er unter dem Pseudonym Gerhard von Amyntor dichtende preußische Major Dagobert von Gerhardt ist ein Unikum in der gegenwärtigen deutschen Litteratnr. In seinen zahlreichen Romanen, Epen, didaktischen Dichtungen und philosophischen Schriften predigt er Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. In Scherz und Ernst zieht er gegen die Scheinheiligen, Fanatiker und Ketzerrichter los, welche nicht nach den Thaten und dem Charakter eines Menschen, sondern nach seiner Konfession oder seiner Rasse fragen, und die für jeden freien Gedanken, jede selbständige Regung der wahren und edlen Menschlichkeit sofort den Scheiterhaufen bereit halten. Mit dem Muihe, der ihn als Soldat und Offizier allezeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnet, schwimmt er gegen den Strom einer irregeleiteten Volksmenge, eines aufgehetzten Pöbels, wenn es gilt, der Wahrheit und dein Recht zum Siege zu oerhelfen. Dagobert von Gerhardt, der geniale Verfasser der „Hypochondrischen Plaudereien", der „Randglossen zum Buche des Lebens", der „CismoÜ-Sonate" u. s. w., ist nicht nur ein Talent, sondern auch ein Charakter. Mit einer überaus beweglichen Phantasie und gründlichen historischen und kulturgeschichtlichen Kenntnissen geht bei ihm tieses Gemüth, zartes Empfinden und vor allem ein überaus seltenes, voll jedem Voruriheil befreites Billigkeitsgefühl Hand in Hand. Seines Ehrentages, da er ins biblische Alter tritt, muß am 12. d. M. auch das deutsche Judenthum dankbar eingedenk sein; denn er hat gegen Stöckerei und Muckerei und Antisemitismus schon zu einer Zeit seine mächtige und einflußreiche Stimme erhoben, als es noch in gewissen Kreisen der Junker und Konservativen zum guten Ton gehörte, gegen Israel ein frisches, frommes und fröhliches Kesseltreiben zu veranstalten. Die allgemeine Aufmerksamkeit auf den schöngeistigen Major, der allezeit ein Liebling der Kaiser Wilhelm I., Friedrich I!1. war, und den auch Moltke wegen seines Wissens hoch achtete, wurde durch das Anfangs der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts erschienene Buch: „Hypochondrische Plaudereien" gelenkt. Es waren dies künstlerisch ausgeführte Genrebilder, Kablnetstücke des köstlichster! Humors und der Satire, in denen er die Auswüchse der Gesellschaft und der Parteien geißelte. Hier geht er auch den Judenhetzern scharf zu Leibe - wie man es nicht anders von einem Manne erwarten konnte, der als Lebensdevise und Strebeüsmotto durch die'Worte bezeichnet: „Gott, Freiheit, UlffterblichEeit! Aus den: Grund dieser Dreiheit Hab' ich meinen Glauben aufgebaut, in voller Achtung jeder anderen Richtung, jedes anderen Glaubens; . . . und gerade, weil ich mich unausgesetzt bestrebe, jedem anderen Menschen, sei es ein Rechtgläubiger oder Freigeist, ein Jude oder Heide, in echter Menschenliebe zu begegnen und in ihm meinen leiblichen Bruder zu sehen vor Gott, dem Vater, gerade deshalb schmerzt mich jeder Konfessionalisnius, jeder lieblos ausschließende Bekenntuißeifer, der eine Scheidewand durch die Familie der Menschheit zieht und sie in zwei feindliche Lager spaltet, in Glaubeilsgenossen und in Gegner. Ich hoffe aber, die Zeit ist nicht «lehr fern, da sich eine allgemeine große Kirche der Menschenliebe und Duldsamkeit bilden wird, zu deren Mitgliedschaft Jeder berufen ist, der sich bewußt einen Menschen nennt, und der begriffen hat, daß das „Homo Zum, bnman! niliil me nliennm pnto" nicht nur für ihn, sondern auch für jedes andere zweihändige Wesen bestimmend und bindend ist." Es war zur Zeit, da die erstell Trompetenstöße zum Vernichtungskampfe gegen die Juden ertönten, als Major voll Gerhardt, dem edlen Triebe seines stets für Ideale schwärmenden Herzens folgend und zugleich vom instinktiven Mißtrauen gegen gewisse ber—ühmte antisemitische Führer und Heerrufer geleitet, es wagte, an die Objektivität und Leidenschaftslosigkeit der Deutschen zu appelliren, diesen den Rath ertheilend, die Frage doch nicht niedrig-persönlich, sondern vornehm-fachlich zu behandeln, und die wilden Instinkte der Menge durch Hetzereien nicht wachzurufen. Die antisemitische Meute stürzte sich in wilder Wuth in der Presse auf diesen reinen, edlen Charakter, ohne daß er sich jedoch dadurch auch nur einen Augenblick in seinen philantropischen Bestrebungen einschüchtern ließ. Im zweitel: Theil seiner „Das Skizzenbuch meines Lebens" betitelten Memoiren hat er für jene Gesellen nur den Ausdruck geringschätzigen Mitleids. Er sagt dort u. a.: „Hei! wie suchte mich da der fanatische Radikalismus zu verdächtigen und als einen fortschrittlich angehauchten Abtrünnigen zu bezeichnen, denn damals deckte sich der Begriff Antisemitismus fast noch gänzlich mit Konservativismus, während er sich heute in viele Unterabtheilnngen gespalten hat, von denen die vorgeschrittenste schon eine bedenkliche Hinneigung zum wildesteil Jakobinerthum verräth. Weil ich mich sür die Kampsesweise irgend eines Hospredigers oder Schulrektors nicht zu begeistern vermochte, da sollte ich ein in der Wolle gefärbter Philosemit sein; ja, man hätte mir am liebsten vorgeworfen, daß ich im Solde Israels stände und vielleicht durch semitisches Geld bestochen wäre, wenn man nicht widerwillig die Integrität meines Charakters hätte anerkennen und nicht zu deutlich gefühlt hätte, daß man sich durch derartige Verdächtigungen nur lächerlich und verächtlich machen würde." In noch eingehenderer und wärmerer Weife schlug er in seinem 1876, also vor gerade einem Vierteljahrhundert erschienenen Werke „Randglosse!: zun: Buche des Lebens" de:: Antisemitismus aufs Hanpt. Die Ausführungen des Verfassers sind so interessant und bezeichnend, daß ich nicht umhin kann, dieselben hier — wem: auch nur auszugsweise — wiederzugeben. Noch nie waren diese Bemerkungen wie gerade jetzt — ein trauriges Zeichen der Zeit! „In der Gesetzgebung haben wir die Judenfrage gelost — theoretisch sind alle Staatsbürger gleich vor dem Gesetze, zu jedem öffentlichen Amt können Inden berufen werden—, aber scheinheilig und wortbrüchig haben wir die Judensrage ans den: öffentlichen ins Privatleben hinübergerettet, und hier wurzelt sie noch fest und tief im Vornrtheil der Menschen und treibt ihre widerlich-üppigen Gist- Rüthen. Oft sind es eifrig bekennende, buchstabenfeste Christen, die aus ihrer religiöse!: Stellung den Grund hernehmen, daß sie den Inden verächtlich oder feindlich den Rücken kehren. Ist dies Verhalten vereinbar mit den Geboten der Nächstenliebe und Toleranz, die gerade im Christenthun: mehr als in jeder Religion der Welt gepredigt

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