Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- Seite 318 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Wohl des liebenswürdigen Gastgebers und seiner Familie geleert wurde. — Die jüngst stattgehabten Wahlen zum Vorstand der Synagogengemeinde vollzogen sich aus Grund einer Verständigung zwischen den beiden Parteien; ein Theil der Mitglieder des bisherigen Vorstandes hatte eine Wiederwahl abgelehnt. — Hoffentlich interessirt sich der neue Vorstand und mit ihm die Repräsentantenversammlung recht lebhaft und wirksam für die baldige Errichtung einer jüdischen Volkssp e isea n st a lt in Köln, welcher Gedanke in meinem jüngsten Briefe nachdrücklich angeregt wurde. Es kann für unsere Gemeinde keine nothwendigere und dankenswertere Aufgabe geben als diese, und darf deren Losung nicht länger hinausgeschoben werden. Noch vor Beginn des Herbstes mühte sich ein Komitee bilden, um die vorbereitenden Schritte zur Beschaffung der erforderlichen Mittel zu thun, damit die Anstalt bei Beginn des Winters ihrer Bestimmung übergeben werden kann. Herr Rabbiner Dr. Frank hat sich schon bereit erklärt, sich an die Spitze des Komitees zu stellen, ebenso will ein bewährtes Mitglied des Synagogenvorstandes an der Ausführung dieses Planes Mitwirken. Andere werden folgen. Wenn sich, wie bestimmt zu hoffen ist, die richtigen, tatkräftigen Männer all die Spitze des Komitees stellen nnd zielbewuht Vorgehen, kann es gar nicht fehlen, daß in kurzer Zeit die erforderlichen Mittel zusammengebracht sein werden, die so notwendige jüdische Volksspeiseanstalt in Köln ins Leben zu rufen, zum Segen für viele hundert Unbemittelte oder wenig Bemittelte. Das Nichtvorhandensein einer solchen Speiseanstalt bildet eine Lücke in den Wohlfahrts-und Wohlthätigkeitseinrichtungen unserer Gemeinde, die nicht länger bestehen bleiben darf! Köln hat die unabweisbare Pflicht als deutsche Grobgemeinde, in diesem Punkte nicht länger hinter anderen, selbst kleineren Gemeinden zurückzustehen. Also auf, ans Werk! Ich hoffe, in meinem nächsten Briefe über den Erfolg dieses Aufrufes berichten zu können. Briefe aus England. Von Nev. Dr. I. Chotzner. (AI^l/'eine zwei vorhergehenden, in diesen Blättern erschienenen Briese enthielten einen kurzen Rückblick auf die erfreulichen Fortschritte, welche die Juden Englands während der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts in religiöser, sozialer und politischer Hinsicht gemacht haben. Darin wurde auch erwähnt, daß die gute, allgemein betrauerte Königin Viktoria sich stets sehr wohlwollend gegen ihre jüdischen Unterthanen gezeigt, und daß sie einen der Besten unter ihnen, nämlich den seligen Sir Moses Montefiore, mit ihrer königlichen Huld besonders ausgezeichnet habe. Nun hat auch jüngst ihr erlauchter Sohn nnd Thronfolger, König Eduard VII., ähnliche wohlwollende Gesinnungen den Juden Englands gegenüber ausgedrückt, als eine jüdische Deputation vor ihm erschien und ihm eine Adresse überreichte, die innige Glückwünsche zu seinem Regierungsantritte enthielt. Interessant dabei ist auch der Umstand, daß der Hauptsprecher der fraglichen Deputation Sir Josef Sebag-Montefiore war, der Neffe des seligen Sir- Moses ist und dessen bei Ramsgate gelegenen herrliche» Landsitz (Last Llikt' Lollis) geerbt hat. Es war also wiederum ein würdiger Repräsentant der berühmten Familie Montefiore, der dem neuen englischen König im Namen aller im ganzen britischen Reiche wohnenden Juden die ihm gebührende Huldigung entgegenbrachte. Die alt-ehrwürdige spanisch-portugiesische Gemeinde in London wird nächstens das 200 jährige Bestehen ihrer Synagoge in Bevis Marks feiern, deren Eröffnung den Anfang zu einem wichtigen Abschnitt in der modernen Geschichte der Juden Englands bildet. Fast alle Archive derselben sind aufbewahrt worden, und Dr. Easter ist eben damit beschäftigt, sie durch den Druck zu veröffentlichen. Dadurch wird wohl manche interessante jüdisch-geschichtliche Thatsache bekannt werden, wovon man bisher nur wenig Bestimmtes wußte. So erfahren wir z. B. daraus, daß dem in der jüdischen Gelehrtenwelt hochberühmten S. D. Luzzatto das Ehrenamt eines „Chacharn" von der Londoner portugiesischen Gemeinde offerirt wurde, womit ein ziemlich ansehnlicher Jahresgehalt verbunden war, und daß er diese Offerte dankend abgelehnt hat. Luzzatto führte als Grund seiner Ablehnung derselben den Umstand an, daß er nämlich zu alt wäre, eine neue Sprache, wie die englische, derart sich zu eigen zu machen, um darin Predigen zu können. Der wahre Grund scheint aber der gewesen zu sein, daß erbefürchtete, er werde in London weniger Muße und Gelegenheit haben, seine geliebten Studien auf jüdisch-littercirischem Gebiete fortzusetzen, als es bei ihm in Padua der Fall war. Er zog es daher vor, aus seinem Posten zu bleiben, der ihm wohl viel Ehre, aber keine genügende Existenz verschaffte, und dieser Entschluß hat wohl manches dazu beigetrageu, daß Luzzatto im Stande war, das jüdische Wissen bis an sein Lebensende mit neuem und höchst werthvollem Material zu bereichern. — Von einem der bedeutendsten englischen Schriftsteller der Gegenwart, Sir Walter Besaut mit Namen, der in dieser Woche hier gestorben, ist jüngst ein Buch erschienen, worin die zahlreiche Bevölkerung, die im Osten von London wohnt, genau und wahrheitsgetreu besprochen wird. Der Verfasser schildert darin auch gewisse Charakterzüge der in diesen Stadttheilen Londons wohnenden und meist von Rußland und Polen eingewanderten Juden, und da er dabei unparteiisch zu Werke geht, so kann seine Beschreibung derselben als maßgebend angesehen werden und dürfte daher auch mehr als blos von lokalem Interesse sein. „Der eingewanderte, im Osten von London lebende Jude," schreibt Walter Besaut unter anderem, „ist in der Regel außerordentlich fleißig, geduldig und mäßig, und zeigt sich zugleich auch höchst loyal der Regierung gegenüber. Das ist wohl der Hauptgrund, daß er meist in seinen verschiedenen Unternehmungen erfolgreich ist, vorausgesetzt, daß er sich vom Kartenspiel fern hält . . . Mag er noch so arm, verkümmert, halb verhungert und in Fetzen gekleidet vor Einem erscheinen, bemerkt man dennoch eine gewisse Jntellektualität irr seinem Wesen, die er durch das fortwährende Studium der Geschichte seines eigenen Volkes erlangt zu haben scheint, welche die älteste Litteratur der Welt repräsentirt. Da der Jude während vieler Jahrhunderte stets um seine Selbsterhaltung besorgt sein mußte, so hat er eine angeborene Fähigkeit bekommen, alle möglichen Folgen vorher im Geiste genau zu erwägen, und diese Fähigkeit ist inseinen verschiedenen Unternehmungen für ihn oft von großem Nutzen. Was Wunder also, daß der englische Jude, namentlich im Osten von London, viel erfolgreicher in seinem Thun und Schaffen ist, als seine nichtjüdischen Nachbarn, die, obschon sie unter gleichen Bedingungen leben, sich keineswegs gleicher Vortheile rühmen können." Diese kritischen Bemerkungen eines unparteiischen Sach kenners, wie Walter Besaut es in Wirklichkeit war, bestätigen demnach die Richtigkeit der von Vielen aufgestellten Behauptung, daß der Jude in England — wie auch in verschiedenen anderen Staaten — seine Erfolge meist seinem Fleiße und seiner angeborenen Intelligenz zu verdanken habe. — Das laufende Heft der „-le^visk tzum-tei-Iz' Ueview" enthält einrge recht interessante Beiträge; beachtenswerth ist ein unvoll-