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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-05 · Heft 27 (5.7.1901) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 316 (sequence 6)
Language
German
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Und das schier Unglaubliche dabei ist, daß wirklich sachliche Differenzpnnkte überhaupt nicht vorhanden sind. Daß der Antisemitismus auf unserer Universität herrscht wie nirgends, darüber kann irgend ein Zweifel nicht obwalten. Es kann sich also doch wohl nur um bestell Bekämpfung handeln. Und das wird auf zwei Arten zu erreichen gesucht. Die Einen schließen sich, empört.und in ihrem Ehrgefühl gekränkt, von den christlichen Kommilitonen vollständig ab und reagiren auf jede Unziemlichkeit der christlichen Kommilitonen mit dem Degen. Man wird gegen diese Art, den Antisemitismus zu bekämpfen, viele Einwände machen können. Es mag als zugestandeu gelten, daß derartige Korporationen einen tüchtigen, selbstbewußten, und zwar im guten Sinne selbstbewußten, Geist unter ihren Mitgliedern heranbilden; daß sie ihren Mitgliedern einen — den Studenten meist so nöthigen — tieferen Einblick in unseres Volkes Geschichte und Litteratur verschaffen und ähnliches. Das ist allerdings eine hoch zu veranschlagende Thätigkeit, die > auch geeignet ist, die Studenterl heranznbilden zu fähigen Vertretern der Interessen des Judenthums. Aber das ist lediglich eine Anweisung auf die Zukunft. Und unsere Zeit fordert scholl jetzt voll jedem Einzelnen positive Thätigkeit, zum mindesten Abwehrthätigkeit in dem Sinne des Centralvereins. Und diese vermisse ich bei dieserl exklilsiverr jüdischeil Vereillerr. Denn die Abwehr allzu gehässiger Angriffe mit dem Degen in der Hand kann ich als solche nicht anerkennen. Es ist gewiß gut gewesen, daß einige Vereine es als Parole ansgaben, den Gegner zu bekämpfen, wo man seiner habhaft werden konnte, wenn man damit nur zeigen wollte, daß es den Juden an dem Gran persönlichen Muthes nicht fehle, sich furchtlos auf die Mensur zu stellen. Aber ganz abgesehen davoll, daß man da nur Einzelne bekämpfte, die so ganz besonders taktlos waren, ihre Meinungen auf den Markt zu tragen, bekämpfte man eben nur Persollen, nicht die Sache. Daß das also schließlich zu keinem nelmenswerthen Resultat geführt hat, ist danach nicht besonders erstaunlich. Verbindungen, die allzu gut mit dem Degen nmzugeheu wußten, that man in den Verruf und lähmte damit ihre ganze Thätigkeit nach außen hin. Was konnten nun die Mitglieder dieser Verbindungen thnn? Den Einen oder Anderen der ihnen als Antisemiten bekannten Kommilitonen zur Forderung provoziren oder ähnliches. Gewiß keine schöne Betätigung! Für die Bekämpfung des Antisemitismus thaten sie nichts. Die erziehliche Jnnenarbeit vermag aber das nicht vollkommen anfzuwiegen. Die andere Gruppe versuchte die Bekämpfung des Antisemitismus auf eine andere Weise. Sie glaubte, daß zur Ausgleichung der Gegensätze nichts förderlicher sein könnte als die Kenntnis; des Gegners, die Aufklärung voll mißverstandenen Meinungen. Wir wissen, daß der Eine oder der Andere darum Antisemit geworden ist, weil irgend eine Jude ihm durch irgend eine Handlung mißfallen, und daß er nur allznschnell bereit war, den speziellen Fall zu verallgemeinern. Vielleicht läßt sich dies Mittet auch in der umgekehrten Richtung verwerten. Mall erzählt, daß verschiedene Verlandungen sehr bald davoll abgekommen sind, darill ein Heilmittel zu erblicken, durch den Verkehr mit christlichen Kommilitonen dem Antisemitismus die Wurzeln abzugraben. Man will also ans diesen Präzedenzfällen davor warnen, aufs neue nutzlose Thätigkeit nach dieser Richtung Hill zu entfalten. Aber mit Unrecht. Es besteht all unserer Universität die Finkenschaft. Die Einen sagen, sie wäre antisemitisch, die Anderen, sie wäre philosemitisch. Ihre Satzungen fassen beides zusammen; sie sagen: Politik und Religion hat mit der Finkenschast nichts zu thnn, und Jeder mag darüber denken, wie ihm gut scheint. Wir wollen bei unseren Zusammenkünften Wissenschaft und Kunst, Sport und Geselligkeit Pflegen. Nichts weiter. Alles, was mit Politischer und religiöser Partei znsammeuhängt, sei aus unseren Veranstaltungen verbannt. Daß man diesen idealen Zustand nicht immer und in jeder Hinsicht zu verwirklichen vermag, wen will das verwundern? Aber das kann ich mit vielen meiner jüdischen Kommilitonen sagen, daß sich innerhalb des nahezu neutralen Bodens ein Verhältnis; zwischen uns und unseren christlichen Kommilitonen entwickelt hat, das uns durchaus keinen Anlaß zu Klagen geben kanll. Wir verkennen dabei keineswegs, daß wir damit Abwehr des Antisemitismus im weitgehendstell Sinne des Wortes nicht pflegen. Aber wir glaubell, das; es nicht zu unterschätzen ist, weder für die Gegenwart noch besonders für die Zukunft, wenn die christlichen Kommilitonen ihre jüdischen kennen und verstehen lernen. Und mall kann mit großer Freude erkennen, daß diese nothwendigen Grundlagen für eine gedeihliche Arbeit innerhalb eines großen Rahmens immer breitere werden. Wenn man nun hört, die die Finkenschaft nach außen Hill repräsentirende Körperschaft enthalte nur zwei Inden, und Ulan stehe auch sonst auf dem Grundsatz, die Juden nur Prozentual all die Spitze der Aemter zu stellen, so wolle mail dabei daran denken, das; diese — wenn man private Besprechungen so nennen darf — Beschlüsse unter Mitwirkung der betheiligten Inden zustande gekommen sind, und daß da sehr wohl erwogene Meinungen die Juden veranlaßt haben, diesen Beschlüssen zuzustimmen, wenn nicht — was ja nach außen hin merkwürdig klingen mag — von ihnen selbst derartige Beschlüsse angeregt wurden. Ich erwarte, daß hier eine Polemik ansetzen wird. Es sei aber so viel bemerkt: nur der Eingeweihte wird sich eine Kritik erlauben dürfen, und dieser wird mit anderen Argumenten hervortreten müssen als mit denen, daß der Assimilisationsprvzeß uilter den Betheitigtell scholl sehr lveit fortgeschritten sein müßte, wenn man solchen Beschlüssen seine Zustimmung geben könne, oder daß es eine gewisse Art von Indolenz gäbe, die eigentlich die Inden der Finkenschaft abhalten müßte, sich überhaupt noch Juden zu nennen. Nach den Prinzipiell der Finkenschast kann es eine Stellungnahme zum Centralverein nicht geben. Der Einzelne ist eben vollfrei in seinerreligiösenBethätigung. Aberda derCentralverein nur im großen thnt, was jeder einzelne jüdische Finke im kleinen durchführt oder dnrchznführen sich redliche Muhe giebt, ist gerade für die jüdischen Kommilitonen der Finkenschaft, so weit deren Grundsätze auch die ihrigen sind, die Stellungnahme zum Centralverein gegeben. Brief aus Köln. Von Hermann Moses. ((A^er Feier des 25jährigen Amtsjnbilämns unseres Rabbiners folgte am 16. v. M. die zu Ehren unseres verdienten Kantor? Isidor Bl n men thal, der wenige Monate nach Herrn Dr. Frank sein Amt in unserer Gemeinde alltrat. Beide Männer haben, jeder an seiner Stelle, mit seltenem, sich stets gleich bleibendem Erfolge gewirkt und den Gottesdienst in unseren Synagogen höchst weihevoll gestaltet. Kantor Vtumeuthal zählt mit zu den bedeutendster! Kantoren Deutschlands, er ist aber auch der Schöpfer trefflicher Synagogengesällge, als Förderer alles Guten und Schönen in der Gemeinde

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