Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 26. Berlin, 28. Juni 1901. Der Gerneindebote. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 23. Juni. Die heutige Nepräsent ante nversammlung, iu der bei unerheblichen Vorlagen bisweilen gar zu reichlich die Reden flössen, bot einen ruhigen Verlauf. Zum geschäftlichen Theil ist zunächst ein Schreiber: des Provinzialschulkolleginms eingegangen, wonach auf ein diesbezügliches Schreiben des Gemeinde- Vorstandes von der Abiturientenprüsnng am 23. September — dem diesjährigen Versöhnungstage — irr denjenigen Schulen Abstand genommen werden wird, in denen jüdische Kandidaten zur Prüfung stehen, ferner ein Schreiben des Leiters der iu Moabit belegenen privaten Religionsschnle, in welchem dieser die ihm iu der vorletzten Nepräsentantenversarnmlung gemachten Vorwürfe betreffs seiner unwürdigen Agitation für die Schule zurückweist. Ein Antrag Lewin, die Berathnng des Krankenhallsstatuts vorauszunehmen, wurde trotz des lebhaften Widerspruchs des Referenten der Vorlage, Iustizrath Dr. Simon, abgelehnt, dagegen gelangte mit 8 gegen 7 Stimmen der Antrag Blumenthal zur Annahme, diesen Punkt von der heutigen Tagesordnung abzusetzen. Die Vertheidiger dieses Antrages waren übereinstimmend der Ansicht, das; die Berathnng des Statutes auch heute nicht zu Ende geführt werden könne und sich eine bruchstückweise Berathnng nicht empfehle. Alsdann tritt die Versammlung in die Tagesordnung ein. Es werden zur Allschaffung eines vierten Leichenwagens 965 Mark debattelos bewilligt. Erst nach längerer Debatte wurde die Ausgabe voll 350 Markznr Herstellung und Versendung eines Berichts des zweiten Waisenhauses in Pankow genehmigt. Der Antrag Baginskh ans Anstellung eines Schularztes sür die jüdischer: Gemeindeschulen hat dem Ausschuß III zur Vorberathnng Vorgelegen- Der Ansschuß beschloß, den Gemeindevorstand anfznfordern, eine gutachtliche Aeußerung des Schul- und TalmudvTorah-Vorstandes über den Antrag Vaginski herbeizuführen, ferner der Kommission sür die Anstellung höherer Gemeindebeamten zur Erwägung anheiinzustellen, ob sich die Anstellung eitles Phhsikus sür die Gemeilldeanstalten empfiehlt. In der Diskussion erklärten sich alle Redner für die Annahme des ersten Alltrages, während die Ablehnung des zweiten übereinstimmend befürwortet wurde. Die Abstimmung war demgemäß. Eine sehr lange Debatte erforderte die Bewilligung eitles abermaligen Beitrages zur Drucklegung eines kaut oralen Werkes. Es handelt sich hierbei, wie unsere Leser sich wohl erinnern werden, um das Werk des > Kantors Fried mann, zu dem der hiesige Gemeindevorstand bereits im September vorigen Jahres 500 Mark bewilligt hatte. Die Kosten des Werkes sind ans 4000 Mark veranschlagt worden, der Gemeindebnnd hat zunächst 800 Mark, späterhin noch 400 Mark beigetragen, von auswärtigen Gemeinden ist an Beiträgen so viel eingekommen. das; noch ein Restbetrag von 727 Mark zu decken bleibt. Auf erneutes Ansuchen will nun der hiesige Gemeindevorstand noch 400 Mark bewilligen Im Namen des letzteren bittet auch Herr Martin Simon über diesen Betrag nicht hinauszugeheu, da 900 Mark Zuschuß sür die Berliner Gemeinde völlig ausreichend seien. Sämmtliche Redner außer dem Referenten, welcher den Antrag des Ausschusses auf Bewilligung von 400 Mark vertritt, befürworten den inzwischen eillgegangsnen Antrag Minden, die fehlende Summe vom 727 Mark zu bewilligen, der auch angenoimnel^wird. — Alsdann folgt die Abrechnung betreffend die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festtagen des Jahres 1900. Die Gesammteinnahmen haben 36851 Mark betragen, die Gesammtausgaben 63647 Mark. Gegenüber der etatmäßigen Summe, welche auf 40000 Mark vorgesehen war, ist somit eine rechnungsmäßige Miuderausgabe voll ca. 13 204 M. eingetreten. Die Rechnung wird dechargirt, ebenso die Rechnung für das Hospital, welches einen Mi Überverbrauch von 13124.55 M. auszuweisen hat. — In die Fürsorgekommission wird Herr Spediteur Silberstein gewählt. — Es folgen dann noch drei Anträge, deren Dringlichkeit zu Beginn der Sitzung allgenommell worden war. Ein Antrag Simon an den Gemeindevorstand, sich mit den zuständigen staatlichen und städtischen Behörden in Verbindung zu setzen, ob und inwieweit es möglich ist, einem jüdischen Schnlinspektor gewisse Befugnisse zu übertragen, wird abgelehnt, da der Schulvorstand einen gleichlautenden Antrag bereits an den Gemeindevorstand, der sich wahrscheinlich scholl am nächsten Mittwoch über diesen Alltrag schlüssig machen wird, gerichtet hat. Dem Krankenhause in Memel werden debattelos 300 Mark jährlich sür die Dal,er der Etatsperiode als Zuschuß bewilligt. An Stelle des verstorbenen Herrn Leopold Hammerstein wird Herr Moritz Wolfsohn in den Vorstand der Synagoge Lindenstraße. gewählt, und endlich wird, wie in der vorigen Etatsperiode, die Verwendung der Zinsen des Engen Ries'schen Legates zur Entsendung von Zöglingen des Neichenheimschen Waisenhauses ill die Ferienkolonien genehmigt. Damit schließt die öffentliche Sitzung, welche wohl die letzte vor Beginn der zweimonatlichen Ferien sein dürfte. Es folgte eine geheime Sitzung, der die Nenanstellnng eines Lehrers. Gehaltserhöhungen und Unterstützungen zur Verathullg Vorlagen. 8. Berlin, 23. Juni. Der rührige „Cen tral - Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatte zu heute Mittag illl Saale der Schlaraffia-Berolina eine Versammlung aller Deutschen jüdischen Glaubens einberufen, welche an einer deutschen Hochschule studiren oder stndirt haben. Die Versammlung, welche von etwa 500 Personen besucht war. hatte wesentlich den Zweck, die gebildete jüdische Jugend sür die Ziele des Centralvereins zu begeistern und sie zu veranlassen, in große;: Fragen des Jndenthnms sich einmnthig auf dem neutralen Boden des Centralvereins znsammenzufinden und in den entscheidenden Augenblicken sich aller sonstigen Meinungsverschiedenheiten zu entschlagen. Der Vorsitzende. Rechtsanwalt Dr. Horwitz, führte sein Thema: „Stndententhum und Antisemitismus" nach dieser Richtung hin durch und beton te in seinen klaren und sachlichen Ausführungen, die mit lebhaftem Beisall ausgenommen wurden, die Nothwendigkeit. in der jüdischen akademischen Jugend einen Nachwuchs zu erziehen, damit dieser, wenn einst die ältere Generation der Vereinsmitglieder nicht mehr auf den: Kampfplatz stände, das Ziel des Vereins fortführe und zur glücklichen Vollendung bringe. In der sich anschließenden Diskussion kam es zu ziemlich heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der Finkenschast, den zionistischen und antizionistischen Studenten. Da wiederholte Schlnßanträge von der Mehrheit der Amvesenden konsequent abgelehnt wurden, zog sich die Debatte, die sich weit weniger mit den: Thema der Tagesordnung als mit Vorgängen innerhalb des Kreises der jüdische:: Studirenden befaßte und zeitweise einen stürmischen Charakter arnwhm. bis Nachmittags 4 Uhr hin. Von allen Rednern wurde den Bestrebungen des Centralvereins Anerkennung und Dank gezollt und es ersolgten auch an: Schluß der Versammlung eine Anzahl Beitrittserklärungen. 22 Bepliir, 20. Juni. Am 20. d. M. fand in Cassels Hotel die ordentliche Generalversammlung des Jüdischen SIndien - befördernngs-Vereins statt. Der Vorsitzende. Geheimrath Tr. Blnmenthal, leitete dieselbe mit warmen Gedenkworten sür den verstorbenen Dr. M. Kirsten: ein, der seit der Begründung des Vereins im Jahre 1846 (als Chebrat Bach::r:m> sich demselben mit voller Hingabe und seltenen: Eifer gewidmet hat. Sodann verlas Herr Dr. med. Feilchenfeld in Abwesenheit des Schatzmeisters den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen 2175 Mark. An Schulgeld wurde bisher bezahlt 589 Mark, der Saldovortrag beträgt 1988 Mark, das Vereinsvermögen 12050 Mark. Der Verein zählt gegenwärtig ca. 100 Mitglieder- Nachdem hierauf die Vorlage geprüft und Decharge ertheilt wurde, erfolgte nach kurzer Debatte die Beschlußfassung über die Vereiusbibliothek. Es wurde einstimmig beschlossen, diese der neubegründeten Gemeindebibliothek mit der Bestimmung zu überlassen, daß sie innerhalb dieser als Bibliothek des Jüdischen Stndienbesördernngsvereins weiter bestehe. Sodann erstattete Herr Lehrer Hauff als Unterrichts- Vorsteher de:: Bericht über die vorn Verein ausgebildeten Schüler.