Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- Seite 312 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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312 einigt sind, hat mall diese Maler doch nicht ausgenommen, obwohl z. B. Jacobys (Brüssel) „Unser täglich Brod" recht ergreifend, wenn auch für unfern Geschmack gar zu süßlich himmelnd durchgeführt ist. Alle allegorisirende Malerei, z. B. auch die gemalte biblische Parabel, hat etwas Unwahres, da die eigentliche Deutung im Gemälde nicht zur Darstellung kommt. Wir Juden haben zudem ein ganz besonders feines Gefühl für alles falsche Pathos; unzählige jüdische Anekdoten geißeln dieses uns dann doppelt widerliche Genre der falschen Sentimentalität und der theatralischen Gespreiztheit, wenn es voll Glaubensgenossen selbst afsektirt wird. Diese Klippe haben sowohl Simon Glücklich (München) mit „Vertieft", wie Mar Kahn (Parismit seinem Genrebild aus dem Bauernleben „Sauer verdientes Geld" glücklich umschifft. — Ein bedeutendes historisches Genrebild, das uns hier interessirt, hat F. A. Bridgman (Paris) in seiner Kollektivausstellung im Saal 31 allsgestellt. Auf dem prachtvollen Rahmen des Bildes lesen wir „Pharao Amenophis ertrinkt im rothen Meer". Hoch schäumen die Wogen empor, doch verblendet stürmt der Tyrann lllit seinen prachtvoll aufgezännteu Rossen immer weiter in die Flnth hinein, zu seiner Rechten ertrinken schon Kämpfer, doch noch Hetzen neben und hinter ihm die Treiber mit ihren Peitschen die Rosse vorwärts — und bald wird inmitten der aufschäumenden Wellen den Rasenden selber hier sein Schicksal ereilen. Der gewaltig schwere Borwurf, die lebendige Schilderung des aus dem Ereigniß am rothen Meer heransgegriffeneu, dramatisch wirksamsten Moments, der sich um Pharao als den ideellen Mittelpunkt der Komposition grnppirt, ist dem Künstler vorzüglich gelungen. „Die Kunst geht nach Brod", — solche großen Bilder sind aber schwer verkäuflich und so finden wir gerade viele jüdische Maler am hervorragendsten in der Porträ t Malerei thätig. Im Saal 6 hat Michael Adam (Berlin) ein interessantem Bildniß seiner Frau ausgestellt. Der kleine Blumenstrauß im Muff wirkt eigenartig, die Haltung des mit Psychologischer Beobachtung dnrchgeführten Porträts ist recht anmuthig, der jüdische Gesichtstypns unverkennbar. Wir Juden haben die von Mallgel an Selbstgefühl zeugende Neigung zur Selbstverspottung, leider oft auch am Unrechten Platz. Es ist daher ein wahrer Segen und eine Erhebung für den, der die Erniedrigung seines eigellen Stammes, die voll unseren Gegnern jetzt schon industriös genug betrieben wird, nicht gut vertragen kann — wie viel Pöbelhaftes wird nicht von Witzblättern gerade in sogenannten Jndenkarikatnren geleistet — daß die hierher gehörigen Bildnisse ill unserer Ausstellung eine gewisse Jdealisirnng zur Anschauung brillgell, die aber die Wahrheit des Charakters nicht beeinträchtigt. Sehr gut hat Manfred P rager (Berlin-! seinen Vater dargestellt; der alte Herr mit der durchfurchten Stirn, der die Hände in einander gelegt hat, ist nicht nur „ähnlich" illl gewöhnlichen Sinne des Wortes. Das voll W. Zirges (Berlin-virtuos gemalte weibliche Bildniß (Saal 26) hat trotz der „jüdischen Nase" sogar die Ehre gehabt, ill den illustrirten Katalog ausgenommen zu werden. Illl Saal 35 hat der von früheren Ausstellungen bereits rühmlichst bekannte Porträtmaler Moritz Co schell (Berlin) ein Bildniß des Tr. A. K. ausgestellt. Ein sehr durchgeistigtem, eindrucksvolles Kunstwerk hat Betty Wolfs (Berlin) lllit ihrem ill Saal 24 ausgestellten Bildniß des Herrn Professor Dr. A. Weber geschaffen. A. Pollak (Wien) giebt im Saal 42 eil: Bildniß seiner Mutter. Hervorragende Leistungen sind die im Saal 26 ausgestellten weiblichen Bildnisse von C. Nelson (Berlin), eines stellt einen jungen weiblichen Doktor dar. Nathanael Sichel, dessen technisch hervorragend gemalte Brustbilder sonst einen imitirten orientalischen Charakter trugen, kommt uns dieses Mal „blond" mit „Cornelia" im Saal 21. In der Sonderausstellung der „Freien Vereinigung der Graphiker" hat Hermann Struck (Berlin), der an dieser Stelle schon oft genannte talentvolle junge Künstler, unter seinen Originalradirungen den meisterhaften Kopf eines alten „polnischen Juden" und einen „Polnischen Rabbiner" ausgestellt. Da ist kein falscher Zug darin, sondern alles durch das Streben nach reiner Wahrheit geadelt. Fitterarische Mittheilungen. — Der Vortrag, den Professor Martin Philipp soll am 23. März vor der!3oeiöt6 llos ^uils über das Leben und Wirken seines Vaters gehalten, ist nunmehr im letzten Heft der „Uovno iws INnlles .luil's" vollständig abgedruckt und auch ill einem Separatabzug (Paris. A. Dnrlacher 1901) erschienen. Die überaus schwierige Doppelanfgabe,zunächst über seinen eigenen Vater objektiv und wahrheitsgetreu zu sprechen, sodann einem doch im Ganzen fremden Publikum die weitoerzweigte Lebensarbeit eines Mannes wie Ludwig Philippson klar zu machen, konnte nur ein Historiker voll der Bedentnng Martin Philippsons mit solcher Feinheit und Zuverlässigkeit lösen. Jeder, der diesen Vortrag aufmerksam liest, wno mit hohem Interesse den Darlegungen des ausgezeichneten Historikers folgen, der Philippsolls Stellung innerhalb des Gesalmntjudenthums, seine religiösen Anschauungen, seine Arbeiten ans dem Gebiete der Neligionsphilosophie llnd Neligionsgeschichte, der Bibelerklärnng, der Homiletik und Erzählungslitleratnr, ferner sein unermüdliches praktisches Wirken, die Begründung der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", des Instituts zur Förderung der israelitischen Litteratur, endlich sein wahrhaft großartiges Wirken für die Emanzipation der Juden in allen Ländern Europas, das noch immer nicht genügend gewürdigt ist, ill fachgemäßer Weise anseinandersetzt und vorn geschichtlichen Standpunkt ans ill durchaus unbefangener und würdiger Weise beleuchtet. --- III der Sammlung gemeinverständlicher Darstellungen, die die vorderasiatische Gesellschaft unter dem Titel „Der alte Orient" herausgiebt, ist soeben als Heft IV des zweiten Jahrgangs eine sehr lesenswerthe Schrift „Die Phönizier' von Dr. Wilhelm Freiherr von Landau (Leipzig, Hinrichs 1901) erschienen. Die Phönizier sind nach der zutreffenden Ansicht des Verfassers bisher eher zu gut als zu schlecht behandelt und ihre Bedeutung ist vielfach überschätzt worden. Das Bild, welches das über dem alten Orient neu ausgehende Licht uns enthüllt, ist ein wesentlich anderes, als es den illl Umlauf befindlichen Vorstellungen entspricht. Das Land, welches die Phönizier das ihrige nannten, konnte garnicht Sitz einer selbständigen Kultur seill und nicht ans eigener Krast die Meere beherrschen. Schon in vorphönizischer Zeit muß dasselbe eine wichtige Nolle gespielt haben. Die Schrift wird voll Allen, die sich für die Geschichte des Alterthums iuteressiren, gern gelesen werden. Die alte Deborah ist wieder anferstanden. Das Blatt, welches jahrzehntelang unter den deutschen Inden, die in Amerika leben, die Erinnerung all die deutsche Heimath und all die jüdische Gemeinschaft aufrecht erhielt, war mit dem Tode seines unvergeßlichen Begründers Dr. Jsaac M. Wise eingegangen. Aber schon nach welligen Monaten feierte es seine Wiederauferstehung. Unser geschätzter Mitarbeiter Professor Dr. Gotthard Deutsch hat es unternommen, die Deborah als selbständige Monatsschrift zur Förderung jüdischer Interessen ill Gemeinde, Schule und Haus im Verein mit mehreren jüdischen Schriftstellern wieder heranszugeben. Die bisher erschienenen sechs Hefte sind sehr interessant, geistvoll und anregend; das Interessanteste natürlich sind die Aufsätze voll Deutsch selbst, dessen Schreibart wir den Lesern dieses Blattes wohl nicht erst zu rühmen brauchen. Die neue Monatsschrift wird sich einen Kreis von Freunden zweifellos erwerben, und ihre Mission, den Zusammenhang zwischen deutschem und amerikanischem Jndenthum nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern immer fester zu knüpfen, ill vollem Maße erfüllen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.