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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-28 · Heft 26 (28.6.1901) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
Seite 311 (sequence 13)
Language
German
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311 „Geh," setzte er fort. „Ich gebe Dir das, was mir das Theuerste war auf Erden. Geh und übergieb den süßen Leib der Erde.... geh, mich aber laß allein des Weges ziehen ... ." „O, mein König, weshalb wollt Ihr mich, Eueren treuesten Diener, aus Euerer Nähe bannen? Hab ich Euch nicht allzeit treu gedient, und war ich Euch nicht stets ein ergebener Freund?" „Ja, weiß Gott! Das warst Du, und der Treuesten einer! Aber wenn Du mir wirklich noch treu ergeben bist, so achte meinen Willen, und lasse mich allein. Mein Weg führt zum Tode .... nein, nein, Wladiwoj," fuhr er auf des Ritters bestürzten Ausruf fort. „Ich werde mich nicht tödten, das ist dem wahren Christen nicht erlaubt. Aber ich weißes, der Tod wird mir in den Weg treten und mich von all dein schweren Leid erlösen! Geh, mein Wladiwoj, und weine nicht . .. sieh, es muß sein; bewahre Deinem König ein treues Angedenken. Geh heim und grüß mein schönes Polenland von seinem unglücklichen, geächteten König! Geh, und die Theure, die mein Alles war, bring ans jenes Schloß hin, das sich Deinen Blicken zeigt. Dort wohnt der deutsche Conrad und seine Gattin Bertha, des Szoltan von Swielicze Witwe, dort geh hin und sag ihr, Bertha, das wäre das Vermächtniß eines Königs, und sie, der ich zugethan war in Freundschaft, eh' ich dieses Engelsbild gesehen, sie möge es erfüllen als heilige Pflicht und meiner Recha ein ehrlich Begräbniß in einer Judenstadt verschaffen. Sag' ihr, Bertha, sie möge glücklich sein, und nun geh'!" Wladiwoj war einige Schritte in den Wald hineingegangenl er wollte nicht Zeuge sein des Fürchterlichen, das sich da zutrng, er wollte den heiligen Schmerz des unglücklichen Königs nicht entweihen durch seine Gegenwart. Aber durch die Neste der Bäume hindurch hörte er den verzweifelten Aufschrei einer gemarterten Seele — dann schritt er hin und sah sich allein im Angesichte der Leiche. Der Salon 19V1. Von M. Friedeberg. II. (7^»m Saal 35 hat Adolf Hirtzny Hirschl (Rom) ein ergreifendes Gemälde ausgestellt „Die Seelen am (-5^ Acheron". Wie monumental das große, schöne Bild auch wirkt, so zeigt es uns doch die Verschiedenheit hellenischer und jüdischer Auffassung des erhabensten Problems des menschlichen Daseins, des Todes. Wir sehen hier am Ufer des Styx zahllose Seelen, Greise, Männer und Jünglinge, Frauen, Jungfrauen und Kinder, den Führer, der sie in das Reich der Abgeschiedenen geleitet, Hermes, vergeblich um Rückkehr anflehen. Nur Wenige schauen sehnsüchtig nach Charon, den, Fährmann, der bereits vom andern Ufer abstößt, um sie in das Reich der Schatten herüberzuholen, die Meisten strecken flehend ihre Arme zu Hermes empor. Einige drohen fürchterlich. Andere sind ganz der Verzweiflung hingegeben. Gänzlich fehlt da die Demuth, mit der ein echter Israelit auch im tiefsten Seelenfchmerz spricht „körnet, Dajon emmes!" . . . Was hat man uns nicht alles schon zum Vorwurfe gemacht. So hat man auch geglaubt, uns die „tiefe Melancholie" unserer Friedhöfe ausmutzen zu sollen und den „spärlichen Zierat, welchen das jüdische Ritual dem Tobten gestattet." Wir Juden sind eben ein ernstes, tändelndem Sinnentrug, der die wahre Seite verhüllen soll, zumeist abgeneigtes Volk. Für mich giebt es nichts Weihevolleres, vom wahren Gottesfrieden Beseelteres, als solch einen alten jüdischen Friedhof, wie ihn hier im Saal 49 Franz Hoffmann-Fallersleben (Berlin) in seinem „Judenkirchhof" (Westfalen) ausgestellt hat. Am steinigen Abhang, unmittelbar am Gebirgspfad, ragen die alten, hohen Gedenksteine ohne Umzäunung frei empor. Einzelne sind zierlich mit Säulenknänfen ausgehanen, im klebrigen aber sind die segnend zusammengefügten Hände der Priester, die Gießkanne der Leviten und die hebräischen Inschriften der einzige Schmuck dieses alten Friedhofs. An die moderne Rohheit der Gräberschändung und der Zertrümmerung von Leichensteinen müssen unsere Alten jedenfalls nicht gedacht haben, denn dieses Beth Olam (Haus der Ewigkeit) ist ganz ohne Einfriedigung. — „Die Juden haben eine» schönen Ausdruck für einen Friedhof; sie nennen ihn den „guten Ort" — und er war es wohl Jahrhunderte lang für sie, der Ort, aus welchem sie nicht mehr vertrieben werden konnten," sagt ein gefeierter moderner Schriftsteller, aber er setzt merkwürdigerweise hinzu: „Ein jüdischer Friedhof, wenn er nicht etwa jene Art schauerlicher Romantik wie der Prager hat, bietet wenig Anziehendes. Es ist nur die düstere Seite des Todes, die er zeigt." Die Juden in Westfalen haben Gemeinden, die über 400 Jahre alt sind. Diese Gräber an der Landstraße, sauber in Reihen angelegt, umgeben von gewaltigen Felswänden, haben nichts Düsteres an sich, in edler Hoheit schauen sie herab auf die Bergstraße da unten. Die Landschaftsmalerei wird übrigens von jüdischen Künstlern jetzt im Allgemeinen wenig gepflegt. Einige unserer Besten auf diesem Gebiete, U rh, Boden st ein und Benno Becker, haben dieses Mal in der großen Berliner Kunstausstellung überhaupt nicht ansgestellt. Der jüdische Geist empfindet im Allgemeinen auch zu tief, um sich an einer bloßen „schönen Gegend" genügen zu lassen, bei deren Wiedergabe sich der Künstler hinsichtlich einer tieferen Empfindung nicht in Kosten zu setzen nöthig hat, weil ihm die Natur selber alles liefert, was er braucht, um einen schönen Eindruck hervorznbringen. Hervorragendes finden wir dieses Mal schon eher in der Genremalerei, namentlich aus der Gemüthssphäre des Familienlebens. Im Saal 6 fesselt durch uns wohlvertrauten feinen Hnmor das Bild „Alte Melodien" von S. Blnmenthal (Berlin). Da ist nichts Extravagantes, nichts Gemachtes, — der alte Mann, der sich im Reich der Töne die Jugend wieder in die Erinnerung znrückzaubert, rührt uns und rust jenen Eindruck hervor, den man als ein Lächeln unter Thronen bezeichnet. Außerordentlich stimmungsvoll ist auch das in demselben Saale befindliche Genrebild von Alfred Schwarz (Berlin) „Schlummerlied". Das Kind in der Wiege im ersten Halbschlaf beim Schein der verglimmenden Kerze ist, namentlich bezüglich des Beleuchtungseffekts, virtuos gemalt. Echten Humor verkörpert auch das Genrebild „Heimkehr" von Goldmann im Saal 48. Der Großvater, der fast hilflos sein Enkelbaby ans dem Arme hält, während die Mutter daneben schläft, ist köstlich. Doch warum wählen jüdische Genremaler so selten Stoffe aus ihrem eigenen sozialen Genre? Oder berührt es etwa nicht eigenthümlich, wenn wir im Saal 27 ein „Vater unser" vonJsaacPerlmutter(Budapest)finden. In dem sogenannten „Christlichen Saal" (Saal 10), in dem in dieser Ausstellung hauptsächlich religiöse Bilder, übrigens zum ersten Male, ver-

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