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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-28 · Heft 26 (28.6.1901) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
Seite 310 (sequence 12)
Language
German
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310 „Recha, Theure," beschwor sie mit angsterfüllter Stimme der König, sprich nicht so, denn Du zerreißest mir das Herz!" „Und doch, mein geliebter König," fuhr die Kranke mit leisem Flüstern fort, „dennoch werde ich von Dir gehen müssen, der Du mein Alles bist." „Recha," schrie der König ans; sie aber hörte ihn nicht, sie hielt die Augen starr geöffnet, und ein kalter Schauer rüttelte ihre Glieder. Der König hüllte sie in seinen Mantel, und ihre Fieberfrost geschüttelten Hände in die seinen nehmend, starrte er fassungslos auf sie hin. „Recha! Mein Gott Recha!" Jetzt verloren ihre Züge de» starren Ausdruck wieder, und ein Blick ans ihren Augen traf sein schinerzverstörtes Gesicht. „Mein theurer König!" flüsterte sie, mit ihren kraftlosen Armen sein Haupt umschlingend, „wir waren so glücklich ... . ivie danke ich Dir, daß Du mich geliebt hast . . . ich muß scheiden, ich weiß es ... . meines Bleibens ist nicht mehr an dieser Erde .... z» viel des Glückes war mir zu Theil . .. nun ist's vorbei . . . ." „Nein, Recha. nein!" rief in wahnsinniger Augst der König. „Du darfst nicht sterben! Es wäre zu grausam! Nein, meine Recha, Du wirst leben, ich werde mein Reich wieder gewinnen und Dich zu meiner und zu des Landes Königin erheben." „Ja, Du wirst in Dein Reich einziehen, mein König .... aber ich werde nicht deine Königin sein .... dort oben aber werde ich Dich segnen .... lebe wohl, mein Boleslav . . . ich fühl's, es geht zu Ende .... und Ihr auch Ritter, Hab Dank für Eure Güte .... mein Boleslav, .... laß mich Dir noch einmal ins geliebte Antlitz schauen, mich noch einmal an Deiner Brust ruhen . . . ." Erschöpft hielt sie inne, der König hatte sie in seine Arme genommen und lauschte in tödtlicher Angst dem leisen Pochen ihres Herzens. Mit einer gewaltigen Anstrengung raffte sie ihren Oberkörper aus und versenkte ihren ersterbenden Blick in das geliebte Antlitz, dann preßte sie ihre fieberheiße» Lippen auf seine thränenüberströmten Wangen und seinen bleichen Mund. „Leb' wohl, mein Boleslav, ich hal/ Dich sehr geliebt. .. ich war so glücklich, .... das Scheiden wird mir leicht . . . . denn ich weiß, Du wirst einst glücklich werden .... ich sehe eine mächtige Krone aus Deinem Haupte .... sei glücklich ... gedenke Deiner Recha. der Du alles warst .... nein, vergiß mich .... und werde glücklich. . . ." „Dich vergessen, Recha!" entrang es sich mit schmerzlichem Stöhnen des Königs Brust. „Recha, verlaß mich nicht! Du kannst nicht von mir gehen!" „Mein König .. . fasse Muth .... mein Boleslav .... ich muß sterben.... ich weiß es.... ich sehe dort oben das verklärte Antlitz .... meiner Mutter.... Mutter! .... ich komme .Boleslav, mein König.... sie breitet die Arme ans nach ihrer Recha .... sie ruft mir.... ich komme, mein Boleslav .... ich sterbe .... Höre Israel! Der Ewige, dein Gott. .. ." Aber die brechende Stimme versagte, ein verklärtes Leuchten ging über ihre Züge, und Recha war todt. Wladiwoj war an der Entseelten hingesunken, und seine Lippen flüsterten heiße, inbrünstige Gebete. Der König aber regte sich nicht. Starr, entgeistert ruhten seine Blicke an der entseelten Hülle der theneren Tvdten. Jetzt hatte sich Wladiwoj erhoben, und auf den König zuschreitend, sprach er leise tröstend auf ihn ein. „Was soll Dein Trost?" fuhr der König auf, „und weshalb spendest Du mir ihn?" „Mein Gott!" „Was ist?" frug der König aufschauend, und seine Blicke von Nechas Antlitz losreißend, „weshalb blickst Du so verstört?" „O über dieses Unglück!" jammerte Wladiwoj. „Das Unglück, sagst Du," meinte mit wirrem Lächeln Boleslav, „das Unglück? Bin ich denn nicht ein mächtiger König, vor dem sich alle Menschen beugen, und ist dies hier nicht seine süße Recha?" „Kommt zu Euch, Herr König," beschwor ihn mit angsterfülltem Flehen der Ritter. „Wohl seid Ihr der König, aber besinnt Euch, — und diese hier, o Gott! Faßt Euch in Demnth und Christenglauben . . . sie ist todt.. ." „Todt, meine Recha!" schrie wie wahnsinnig der König auf. „Und wäre es wirklich, und das Unerhörte wäre geschehen . .. und ein Gott wäre grausam genug, mir meine Recha zu nehmen, mein einziges, geliebtes Mädchen? Und es fährt kein Blitzstrahl hernieder, um mich zu zermalme«? Und kein guter Geist des Himmels erbarmt sich meiner und meiner Qual? O, meine Recha. warum ließest Du mich zurück und giebst mich der Verzweiflung Preis?!" „Mein König, kommt," begann der Ritter wieder, nach einer Weile tiefen Schweigens, „kommt, wir müssen Sorge tragen die Entschlafene zu bestatten, kommt, daß wir ein Dorf erreichen, ehe es tagt." „O, daß doch für mich kein Tag mehr wäre, und daß es ewig Nacht bliebe! Daß ich die Sonne nicht mehr sähe, Und mich ihr Glanz nicht mehr träfe . . ." „Lästert nicht, mein König," bat Wladiwoj, „und wappnet Euch mit Muth und Frömmigkeit. Kommt," setzte er dann eindringlich hinzu, „kommt, daß wir der Theuren ein ehrlich Grab verschaffen. . ." „Ein Grab!" schrie der König wild auf und breitete seine Hände schützend über die Tobte. „In ein dumpfes Grab, meine süße Recha? Nein! Wladiwoj, laß ab! Sieh her, vermögest Du es, uud blutete Dir nicht das Herz, den holden Leib da in ein enges Grab zu betten, all den süßen Zauber des geliebten Mädchens zu verbergen und mit einer Hand voll Erde zu bedecken? Sieh Wladiwoj," fuhr er fort, „sieh, jetzt weinst Du selbst, und was Dein Mund verschweigt, das künden Deine Thränen! Nicht wahr, Du verlangst Unmögliches . . . ." Der König war wieder in sich zusammengesunken und starrte mit dumpfem Brüten in das Antlitz der Tobten. Wladiwoj wagte es nicht, den Unglücklichen zu stören und an die traurige Pflicht zu mahnen. Doch da fiel ein schräger Streifen erwachenden Lichtes aus die traurige Gruppe und beleuchtete mit seinem fahlen Scheine das schmerzliche Bild. Fern im Osten erhob sich die Sonne, und die Nebel der Nacht begannen dem leuchtenden Gestirn zu weichen. „Seht, die Sonne geht auf," mahnte jetzt Wladiwoj den Verzweifelten. „Der Tag darf uns hier nicht mehr finden." „Wir müssen fort," klagte der König, „fort und uns von der geliebten Leiche trennen — trennen, mein Gott, für immer! Nie mehr soll mich ein Strahl aus diesen süßen Augen treffen, nie mehr der Zauber ihrer holden Stimme mein Ohr berühren O Gott!" Ein heftiger Schauer schüttelte seine Glieder, und ein heißer Thränenstrom entquoll seinen brennenden Augen.

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