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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-28 · Heft 26 (28.6.1901) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 26 (28.6.1901)
Date
1901-06-28
Page
Seite 309 (sequence 11)
Language
German
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309 Gesagten ersehen, lieber Herr Redakteur, haben wir Juden in Oesterreich wieder einmal keine anderen Sorgen; und tvenn wir in diese immerhin bexeidenswerthe Lage versetzt werden, gehen wir ans die Suche »ach Rabbinern, parckon Prediger»«, aus. Natürlich müssen diese große Redner, wahrhastige Bossnets sein. Wenn Gevatter X. z. B. die liebliche H. heirathet, ist es Pflicht des Redners, die Tugenden und Vorzüge der den Lebensbund Schließenden nicht nur, sondern auch ihrer beiderseitigen Ahnen — »vir haben auch solche — in das ihnen gebührende Helle Licht zu setzen. Die Leichenreden wurden schon von den Römern lauclatioiios genannt, d. i. Lobpreisungen, der jüdische Redner wird nun wissen, was man von ihm verlangt und erwartet. Was freilich die Predigten aulangt, so ist man über deren Inhalt, Form und Tendenz nicht ganz im Klaren. Die Eine»» wünschen Philosophie, den Anderen gefallen die schönen Worte und verblüffenden Gegensätze, »vieder Andere ziehen liebliche Midraschim der Philosophie und Politik vor, der liebt Pfeffer, der Andere Zuckerwasser. Natürlich übt die ganze Zuhörerschaft Kritik, denn wenn Hiuz und Kunz über die neueste Oper, über die Mimischen Deckengemälde, über den modernsten Hosenschnitt, über das neueste Drama und über die heutige Hutmode urtheilen dürfen, wenn Jemand ii» Börsen- oder Knoppergeschäften, in Tuch oder Baumwolle, in Papieren oder Zucker macht, wenn Jemand über Krankheiten oder schwierige juristische Fälle zu entscheiden vermag, warum sollte er sein Ilrtheil nicht auch abgeben können über des Herrn Predigers Bart- und Kuttenschnitt, über seine Kappe oder sein Barett, und schließlich und endlich auch über seine Rede? Wie Sie also sehen, soll wieder einmal das arg gefährdete Jndenthnm gerettet werden, lieber den Boykott, über die uns fehlende Organisation, über unsere Schutzlosigkeit, über die Polnaaffäre, über die uns mangelnden sozialen und politischen Einrichtungen soll uns »vieder einmal ein Streit um Worte und Nichtigkeiten hinweghelfen, ein Streit, in welchem die verschiedenen Großen — »vir haben nur Größen — ihr Licht wahrlich nicht unter den Scheffel stellen werden. Das Ganze nennt man Interesse sür's Jndenthum. „Worte, Worte, Worte," sagte der selige Hamlet, „das ist unsere Krankheit." „Der Worte sind genug gewechselt, nun laßt uns auch die Thaten sehen," diesen Satz möchten »vir denen zuriifen, die da glauben, eine „schöne Rede" könne dem Jndenthnm Helsen. llwri. Nie Ksnigsbraui. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XXVI. n einer Stelle, wo der Wald eine kleine Lichtung bildet, > kain Wladiwoj ans dem Gehölze hervor. Er hatte sich einige Schritte von Recha entfernt, die ans einem Baumstumps und zu Fußen einer Eiche saß, um nach Boleslav auszuschauen, der gegangen war, ein schützend Obdach zu suchen für die leidende Recha. Jetzt gewahrte Wladiwoj den hastig Dahereilenden, aber betroffen über dessen Aussehen wich er zurück. Die fahlen Wangen waren mit Tvdtenblässe bedeckt, die Strähne der nassen Haare klebten ihm an der Stirn und der zerzauste Bart flatterte im Winde. Die Kleider waren zerrissen und mit Schmutz bedeckt, und an den Füßen sah man von den Dornen blutig geritzte Streifen. „Mein Gott! Wie seht Ihr aus!" ries Wladiwoj bestürzt, „doch koinuit schnell, ich bitte Euch, damit wir Recha in ein schützend Obdach und unter hilfreiche Menschen bringen, denn sie ist sehr leidend!" „Ach, Wladiwoj!" stieß der König hervor, „ich habe kein Nachtquartier gesunde»» für nilsere Kranke — weit und breit keine Hütte, und in jenen» Schlosse dort. . ." Er brach ab, und ein Schauer durchlief seine Glieder. Sie waren indessen bei Recha angelangt, die den Kopf an den Stamm der Eiche gelehnt hielt, und deren Füße mit dein Pilgermantel Wladiwojs bedeckt waren. Aber heiliger Gott! Welche Veränderung war in den Zügen des Mädchens vorgegangen. Wohl war sie schwach und hilflos gewesen, »oie die ganze Zeit schon her, da sie sich ans der Flucht befanden, und gar oft hatte sich BoleSlav gefragt, ob er nicht verbrecherisch gehandelt habe an dem Mädchen, daß er sie dem Vaterhause entrissen und mit sich genommen in eine kalte, unsrenudliche Umgebung, »vv die letzte Blume verkümmern »nnßte unter dein Gifthauche des Hasses und der Mißgunst. Dann aber gemahnte es ihn au die glücklichen Tage die sie miteinander verlebt in der Zeit ihrer glücklichen Vereinigung, n»d er gedachte der wahren, heißen Liebe, die sie ihn» entgegengebracht, und all der schweren Opfer, die ihr die Liebe auferlegt. Und war es denn nicht »vieder seiuctivegeu, daß sie sich grämte und abhärmte, und traf denn nicht auch der Beginn ihrer verderblich schreitenden Krankheit mit dem Tage zusammen, da das Unselige geschah, an den» Tage de? über ihn verhängten Baimfluches? Und seit dem Tage, da sie das Gräßliche ersahren, da war es vorbei mit ihrer Gesundheit. Sie wellte dahin, und einer stillen Dulderin gleich kam nie ein Wort der Klage über ihre Lippen. Und nun gar die schreckliche Flucht ans Krakau, jene mühseligen, qualvollen Wanderungen durch nnrvirthliche Steppen, im Sturm und feuchten Herbstnebel, ohne kräftigende Nahrung »vie ohne warmes Lager, um des Nachts die von weiten Märschen ermatteten Glieder auszustreckeu. Dies hatte denn auch die zarte Blume vollends geknickt und ihr langsames Dahinsiechen beschleunigt. O, warum hatte er eingewilligt, sie mitznnehmen aus die gefahrvolle Wanderung? Weshalb hatte er dies gethan?! „Boleslav," kam es jetzt fast unhörbar von den Lippen der Kranken. Sie hatte bei dem unruhig flackernden Scheine eines brennenden Kieuspanes sein Konnnen bemerkt und rief ihn zu sich heran. „Meine Recha," flüsterte Boleslav, indem er sich Zu ihren Füßen hinsetzte. „Wie hassenswerth bin ich, das; ich Dich, zartes Wesen, zu solch mühevoller Wanderung verleitet, kannst Du mir verzeihen?" „Dir verzeihen, »nein geliebter Boleslav," erwiderte Recha mit schmerzlichem Lächeln, „ich habe Dir nichts zn vergeben, denn Du hast »nich unaussprechlich glücklich gemacht.... aber ich fühle cs... . mein Boleslav. ich fühle es, ich werde nicht inehr lange in Deiner Nähe »veilen."

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