Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- Seite 308 (sequence 10)
- Language
- German
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308 mundschaftsgericht, möglichst mit Angabe vielen Materials zur Begründung, möglichst auch mit einer Aeußerung. ob es nöthig ist, eine sofortige Unterbringung des Kindes zu veranlassen. Alles Uebrige bleibt dem Gerichte zunächst und später der Gemeindebehörde überlassen. Dann aber ist erforderlich, Familien jüdischen Glaubens ausfindig zu machen, denen man mit gutem Gewissen ein Kind zur Fürsorgeerziehung anvertranen kann. Eine Liste solcher Familien würde sicherlich der Waisenverwaltung von Interesse sein. Es ist nicht erforderlich, das; solche Familien gerade in Berlin wohnen, anderseits kommen aber natürlich auch Berliner Familien in Betracht. Ferner würden sich Personen aus Ihrer Mitte bereit zu erklären haben, als Fürsorger solcher Kinder sich anstellen zu lassen. Endlich sind jüdische Anstalten zur Unterbringung der Kinder nothwendig, wie eine solche ja bereits in Repzin errichtet worden ist. Es können zwar jüdische Kinder auch in christliche Anstalten gebracht werden. Da aber die Konfession nach Möglichkeit berücksichtigt werden soll, da auch die June- Haltung der Speisegesetze vielen Familien Gewissenssache ist, lässt sich die Errichtung jüdischer Erziehungsanstalten nicht umgehen. Der Stadtkreis Berlin wird kaum in der Lage sein, den einzelnen Konfessionen besondere Anstalten zur Verfügung zu stellen; er selbst wird wohl nur seine interkonfessionellen Anstalten benutzen, hauptsächlich zur Unterbringung evangelischer Kinder, und wird bestrebt sei», katholische und jüdische Kinder in Anstalten der Religionsgemeinschaften oder der privaten Wohlthütigkeit unterzubringeu. Die Kosten der Fürsorgeerziehung hat dann die Stadt den zuletzt gedachten Anstalten zu ersetzen; doch kann es sich hierbei nur um die Kosten der Verpflegung und Erziehung des Zöglings, nicht um die Kosten der Gründung und ersten Einrichtung der Erziehungsanstalt Handel». In diesen vier Rubriken: Anzeige verwahrloster Kinder, Bezeichnung geeigneter Pftegefamilien, Gründung von Erziehungsanstalten, Thätigkeit als Fürsorger hat sich alle diejenige freiwillige Liebesthätigkeit zu bewegen, welche erforderlich ist, eine segensreiche Wirkung des Fürsvrgeerziehnngsgesetzes zu gewährleisten. Brief aus Oesterreich. Mitte Juni 1901. /^8^ie Berathnng über den Bau von Eisenbahnen und Wasserstraßen, welche in den» nun abgelanfenen Sitzungsabschnitte unser Parlament beschäftigte, hat es bewirkt, daß den Ausschreitungen gewisser Elemente, insbesondere gegen die Juden, ein Niegel vorgeschoben wurde, und so können denn auch wir vom Hause Juda sagen, es war eine ruhige Session. Lueger und Wolf sagten sich ihre Wahrheiten, man kann sie auch Komplimente nennen; so z. B. nannte Wolf Lueger den größten Gaukler von Wien, Lueger aber und Genossen zierten den grimmen Wolf mit dem Epitheton „Kassettenbube" — wieder solch ein geheimnißvolles Wort, das erst erklärt werden muß. Man munkelt nämlich in eingeweihten Kreisen, Verehrer des Eato Wols hätten diesem eine Kassette mit dem üblichen Inhalt als Zeichen ihrer Hochschätzuug überreicht; Cato Wolf aber hätte die Kassette und den Inhalt nicht für sich, sondern nur für daS von ihm heransgegebene, etwas nothleidende Blatt, die „Ostdeutsche Rundschau", angenommen. Wie die Lästerer unserer Zeit daraus ersehe», ist die Unbestechlichkeit eines Epaminoildas auch heute noch nicht ganz ansgestorben; freilich hat der antike Held bei ähnlichen Versuchungen, die an ihn herantraten, den Verführern gegenüber etwas anders gehandelt als der moderne. Daß die Griechen mit ihrem Schönheitssinn uns heute nicht imponiren, zeigt auch der Abgeordnete Schneider, Mechanikus, Hantirer mit Stampiglien und Talmudsorscher. Von allen Werken der deutschen Litteratur liebt er insonderheit „Gvtz von Berlichiugen", den Mann mit der eisernen Hand. Er hat sich in jenes Citat dieses unsterblichen Werkes verliebt, das der höfliche Franzmann mit „Imwer" übersetzt. Er führt es bei passenden Gelegenheiten oder auch nicht Passenden im Munde nnd läßt es kräftiglich im Parlamente ertöne»; gegen solche Argumente kommt selbst unser Ministerpräsident nicht ans. Es kommt nichts über die Bildung, und die besitzen ja doch nur Schneider und Bielohlawek, die Ritter der kleinen Leute von Wien und Umgebung. Bildungsprotzen sind sie freilich nicht, daß sie aber die deutsche Litteratur kennen, Einblick in unfern Talmud gewonnen haben, das haben sie schon öfter bewiesen. Wie wäre es, wenn Schneider, welcher mit seinen Talmudkenntnissen so trefflich zu prunken versteht, sich um einen Nabbinerposten bewerben möchte, es sollen jetzt einige frei sein; dann könnte er wohl in „Schächtungs"fragen sein nicht zu unterschätzendes Votum abgeben; oder vielleicht könnte er der vom Knltnsvvrstande in Wien neugewählten „historischen Kommission" seine Kenntnisse über jüdische Alterthümer znr Verfügung stellen. Auf alle Fälle sollte sich der vielgewandte Mechanikns die Aussicht aus derartige Ruheposten nicht entgehen lassen. Schneider ist auch Menschenfreund. Beweis dafür, daß er sich mu das Schicksal Hülsners kümmert wie Nie»,and in Oesterreich. Ist Hülsner schon gehenkt oder nicht? Wird er überhaupt gehenkt oder nicht? Ist es wahr, daß Hülsner — nebbich — krank ist? Das sind die Interpellationen, die er an den vielgeplagten Ministerpräsidenten und seinen Kollegen, den Herrn Justizminister, richtete. Diese Fragen rauben ihm den Verstand am Tage und den Schlaf in der Nacht. Und wenn er vor lauter Sorgen nicht zur Ruhe kommen kann, dann trinkt er sich ein „Rapuschchen" an, um mit dein Dichter des „Götz" zu sprechen. Und solch ein Menschenfreund wird noch immer nicht gehörig gewürdigt; achtlos geht die Welt an ihm vorüber. — Schneider und Lueger sorgen aber auch für den „kleinen Mann", soweit er ihr Wähler ist, und wenden zu dessen Heilung die Doktor Eisenbartkur an, indem sie den „kleinsten Mann", den Hansirer, todtschlagen. Wie sollen auch die Wiener „Greisler" bestehen, wenn es neben ihnen eine Schaar von Lebensmittelhausirern giebt! Darum weg mit den Aermsten und dann ist den Armen geholfen. Und da sage man noch, Schneider und Bielohlawek kennen die Darwin'sche Theorie nicht. Diese Männer haben den Kampf ums Dasein sehr gründlich studirt; sie selbst haben sich ein behagliches Dasein eingerichtet und gelernt, wie man eine verhaßte Konkurrenz vernichtet. Man macht Gesetze, man bestraft, sperrt ein, und so ist den lieben Wühlern geholfen. Bielohlawek aber hat Aussicht, wieder einmal seinen Einzug ins Parlament, seine glorreiche „Urstend" zu feiern, und die Völker dieses vielgeprüften Landes können nun ruhig schlafen, denn wahres Verdienst findet seinen Lohn nicht nur im unbekannten Jenseits, sondern auch in diesem Jammerthale. — Wie Sie ans dem bis nun