Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Ar. 25. Dev GeutelilbkEwke. 'Beikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 16. Juni. Die Nummer 55 der Mittheilttligeu vom Deutsch-israelitischen Gemeindebuud hat wieder einen reichell Inhalt. Der erste Artikel verbreitet sich über die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee, der zweite über die Fürsorgeerziehung verwahrloster Kinder. Wir entnehmen daraus, daß für die Erhaltung der Anstalt in Neppien 10 000 Mark einmalige Eiurichtnngskosten und 9000 Mark jährliche Betriebskosten nothwendig sind. Davon sind bis jetzt sür die ersteren 9570, für die anderen 6920Mark gezeichnet. Die fehlenden Beträge sind hoffentlich inzwischen eingelanfen. Es folgt der Vortrag des Generalsekretärs Dr. Wilhelm Ncumann über die Entwickelung der jüdischen Wohlthätigkeitseinrichtungen, den wir bereits besprochen haben; hieran schließt sich ein Nekrolog auf den verstorbenen Vorsteher der Magdeburger Gemeinde, Wilhelm Singer, eine Mittheiluug über den Fortbildungskursus der Kantoren nud des Melodienwerkes des Oberkantors Friedmaun, für das bis jetzt 2850 Mark gezeichnet find. Der Druck dieses wichtigen Werkes geht seinem Abschluß entgegen. Es steht zu hoffen, daß der noch fehlende Rest der Drnckkosten von Seiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin getragen wird. Den Personalien entnehmen wir, daß an Stelle der Dahingeschiedenen als Delegirte eingetreten sind : Oberlehrer Dr. Schaeser, Repräsentantenvorsteher Lonis Sachs und Fabrikbesitzer Moritz Nosenow; in die Gemeindeunterstützungskommisfion ist Oberlehrer Dr. Samter gewählt worden; in die Kommission zur Fürsorgeerziehung sind noch eingetreten die Herren Rechtsanwalt Lilienthal, Privatdozent Dr.H. Strauß und Amtsgerichtsrath Dr. Kühne aus Berlin, Amtsgerichtsrath Levh aus Beuthen O.-S., Stadtrath Magnus aus Königsberg in Preußen und Herr Salomon ans Schivelbein in Pommern. Es folgt noch der Rechnungsabschluß, der ein ziemlich günstiger ist, sodann ein Verzeichniß der Gemeindeverbände und Bnndesgemeiuden, der Mitglieder, Beamten und Delegirten des Gemeiudebundes. Wir erfahren aus den Mittheilungen noch, daß augenblicklich drei Angelegenheiten der der Prüfung der betreffenden Kvmissiouen unterliegen, und zwar: 1. Die von Herrn Rechtsanwalt und Notar Machol aus Königstein im Taunus angefertigte Enquötearbeit über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden in den deutschen Bundesstaaten. 2. Die von den beiden Preisträgern Herren Rabbinern Dr. Norden- Mhsolowitz und PH. Goldberger gemeinsam verfaßte Schulbearbeitung der ethischen Sätze. 3. Die Antworten auf eine von Herrn Konsul A. M. Simon in Hannover angeregte Centralisirung der in Deutschland bestehenden Vereine zur Förderung des Handwerks und des Ackerbaus. Das Büreau des Gemeindebundes wird am 1. September d. I. nach Steglitzerstraße 85 I verlegt. 8. Berlin, 13. Juni. Heute Abend fand unter lebhafter Betheiligung der angeschlossenen Vereine wiederum eine Delegirtenversammlung des Verbandes für Wohlth ät igkei tsps lege im Nepräsentanteusaale statt. Der Vorsitzende, Jnstizrath Breslauer, erstattete, wie üblich, zunächst den Geschäftsbericht, welcher diesmal ein Jahresbericht ist. Hiernach sind nunmehr säst alle Vereine und Stiftungen in Berlin dem Verbände beigetreten, abgesehen von den Spezialstiftnngen. die sich hierzu nicht für berechtigt gehalten haben, weil sie nur sür Mitglieder der betreffenden Familien oder des Institutes errichtet worden sind. Es gehören nunmehr 66 Anstalten dem Verbände an. Die Centralstelle hat seit der Gründung des Verbandes im Mai 1896 51713 Anfragen erhalten und 56269 Berichte erstattet — Zahlen, die an sich schon ergeben, wie wirksam die Centralstelle sein muß. Unter den Frauenver einen, welche sich der Wöchnerinnenpflege widmen, ist ein Einverständniß dahin erzielt worden, daß jedem Verein ein bestimmter Bezirk Berlins zur Ausübung seiner Thätigkeit zugewiesen werden wird. Der Verband selbst hat sich als Mitglied der Ceutralstelle sür die Jugendfürsorge in Berlin angemeldet, welche bekanntlich interkonfessionell ist, und in deren Vorstand auch die jüdische Gemeinde durch ein Mitglied vertreten ist. — Alsdann sprach Herr Amtsgerichtsrath Dr. Köhne über „Neue Ausgaben der Armenpflege nach dem Gesetze über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger". In überaus klarer und gelneinverständlicher Form erörterte der Referent die einzelnen Bestimmungen des neuen Gesetzes und legte ausführlich dar. wie sich die freiwillige Armenpflege zu diesem Gesetz zu stellen hat. Wir können uns ans diese kurze Inhaltsangabe des Referates, das mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde, beschränken, da wir den interessanten Vortrag zum Abdruck bringen zu können in der erfreulichen Lage sind. Alls der regen Diskussion heben wir nur hervordaß Syndikus Dr. Minden auf Grund der zahlreich eingegangenen Anmeldungen voll sittlich verwahrlosten Mädchen der dringenden Nothwendigkeit Ausdruck gab, eine Anstalt für Mädchen zn errichten, da die Nepziner Anstalt, in der vor einigen Tagen übrigens der erste Zögling angemeldet ist, nur für Knaben eingerichtet und eitle Trennung der Geschlechter als zweckmäßig befunden worden ist. Der Vorsitzende des Verbandes empfahl den allgeschlossenen Vereinen, falls eine Fürsorgeerziehung für nothwendig gehalten wird, den Antrag zunächst all den Verband zu richten und diesem die Entscheidung zu überlassen, entweder selbst den Fall zu bearbeiten oder aber den Antrag an die Centralstelle weiterzugeben. u. Berlin, 13. Juni. Am 11. d. M. sprach Professor Dr. Philippson im „Verein jüdischer Stil deuten" über den Gedanken eines deutschen Judentages, den er selbst vor einiger Zeit angeregt hatte. Er führte ungefähr Folgendes ans: Eilte Gesanuntorganisation der deutschen Inden ist nothwendig, denn die bestehenden Organisationen können nur eine sehr beschränkte Wirksamkeit ansüben, da sie nicht die Gesammtheit der deutschen Inden repräsentiren, und ihnen nach Außen nud nach Innen die uöthige Autorität fehlt. Eine Organisation, wie Redner sie sich denkt, bedeutet keineswegs eine Absonderung der Juden, sondern es solleil nur die naturgemäß vorhandenen Souderntteressen der Juden gesondert vertreten werden, was ja bei anderen Interessengruppen längst geschieht, z. V. bei den Landwirthen, dem „Gustav-Adolf-Verein" w. Es sind auch gellügend Elemente vorhanden, um die Idee zu verwirklichen. Auch eine Minderheit kann durchdrungen, wie es in der Drehfns-Angelegenheit und bei der lex Heinze geschehen ist. Es ist zu bedauern, daß der Plan des Judentags an der Uuthätigkeit der Juden und der ihnen noch anhaftenden Ghettosurcht gescheitert ist. Die nächste öffentliche Veranstaltung des Vereins findet am 18. d. M.. Abends 8V2 Uhr im Vereinslokale Linienstraße 111 statt. Das Programm ist folgendes: 1. Referat des Herrn Dr. Zlocisti (V. I. St.): „Moderne jüdische Romane." 2. Vortrag des Herrn Dr. Michael Cohn: „Jüdische Bevölkerungsprobleme." 22 Berlin, 17. Juni. Gestern starb hier plötzlich an einem Schlaganfall der Geheime Sanitätsrath Dr. Paul Elsner, der zu deil bekanntesten Aerzten Berlins zählte, im 66. Lebensjahre. Dr. Elsner übte hier seit 1860 die Praxis aus. Er war im Centrum der Stadt allgesessen. Zumal in früheren Jahren bemühte er sich viel um gemeinnützige Einrichtungen. An leitender Stelle stand er 33 Jahre in dem laudsmannschaftlichen Vereine der Schlesier. Lebhaften Antheil nahm er an den Bestrebungen, die Aerzte gesellig einander näher zu bringen. Ihn zeichnete feiner Witz und köstlicher Humor ans, voll denen er gern im Kreise der Fachgenossen Proben gab. Seine ärztliche Thätigkeit war ausgedehnt und umfangreich. Im deutsch-französischen Kriege erwarb Elsner das Eiserne Kreuz. Im vorigen Jahre wurde er durch den Titel Geheimer Sanitätsrath ausgezeichnet. Die Beerdigung filldet am Mittwoch in Weißensee statt. Ehre dem Andenken des vortrefflichen Mannes! — Memel, 14. Juni. Das jüdische Krankenhaus zu Memel versendet zum ersten Mal seit seinem Bestände in übersichtlicher Darden Verwaltungs-, Kranken- und Kassenbericht. Unsere Stadt bildet als Seehasen das naturgemäße Handelscentrmn sür weite Strecken eines von einer armen jüdischen Bevölkerung bewohnten Landstrichs.