Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- Seite 300 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Einen Blick trostloser Verzweiflung warf Bvleslav hinab, dann aber taumelte er wie vom Blitze getroffen zurück. Das war Rebellion, das war Aufruhr, der da riesengroß sich anfthat vor seinein verstörten Auge; das war das empörte, zu allem Schändlichen gereizte Volk, das sich da in wilden, regellosen Massen durch die Straßen der Stadt hinwälzte. Ein Blick auf diese Rotte genügte, um in seinem Innern jeden Gedanken an Rettung zu verdrängen! Es war vergebens! Er wußte es. Die zügellose Rotte, die da in wildem Geheul den Wawelberg herauskam, und die zusammengestellt war aus dem niedrigsten Pöbelhaufen der Stadt, aus dem verwerflichsten Gesindel der Landstraße, und angestiftet durch die verrütherischen Verleumdungen und Lästerungen der abtrünnigen Großen, die kannte keine Schonung, und in ihrer kannibalischen Wildheit würde sie anch vor dem Furchtbarsten nicht zu rückschrecken, er wußte es, und vor seinen starren Blicken that sich weit und gähnend der Abgrund auf. Jetzt war die Menge bis an die Burg hingekvmmeu. Hier machte sie Halt, und aus heiseren Kehlen kamen laute und drohende Rufe. „Der König! Wo ist er?" „Bvleslav," schrien sie und schwangen die mit Aexten bewaffneten Hände mit drohender Gebärde gegen die Königsburg. „Mörder!" schrien Einige in wildem Nasen, „komm, zeige Dich, oder verkriechst Du Dich etwa bei Deiner Judendirne?" „Ha, ha. ha! Wir wollen Dich schon zu finden wissen," scholl es drohend von unten herauf. „Und hast Du den heiligen Bischof vom Altäre geholt, so werden wir Dich auch schon von Deinem Schlosse holen!" „Wir brauchen keinen solchen König," tobten sie, „wir wollen ihn nicht! Wir setzen ihn ab!" „Ja. ja, setzt ihn ab!" heulten Andere, „gleich! Und wir wählen einen anderen König!" „Ja, ja, einen der Edlen, oder gar den Wladislav Herrman»! Das ist ein frommer Jüngling!" „Nein! Weg mit den Piasten! Keinen Piasten mehr! Finch den Piasten!" „Fluch! Denn sie haben Fluch gebracht über unser schönes Pvlenland!" „Fluch, Fluch! Bvleslav sei der letzte der Piasten! Boleslav falle! Er falle!" „Er falle," schrie in wilder Raserei die entfesselte Meute, und in blindwüthigem Hasse drängte sie nach vorwärts. Da war Plötzlich die ehrsnrchtgebietende Gestalt des greisen Kanzlers mitten unter ihnen anfgetaucht, sein hoher Wuchs überragte die niedere Rotte, und scheu wichen Einige von ihnen vor der ehrwürdigen Erscheinung des ritterlichen Greises zurück. „Hört mich an," flehte er, indem er bittend seine Hände gegen den Pöbelhaufen hin erhob, „hört mich an, ich bitte Euch, um Christi willen! Was wollt Ihr vom König? Was hat er Euch, dem Volke, gethan? Weshalb zürnt Ihr ihm?..." Aber da entstand auch schon wieder wildes Geheul, und sie ließen ihn nicht zu Ende kommen. „Fort mit Dir! Das ist auch so ein Königsdiener! Fort! Schere Dich zum Teufel, Granbart, sonst geht's Dir au die Kehle!" „Was wollt Ihr vom König?.. ." sagte der Kanzler, der jetzt wieder den Lärm zu dnrchdringen versuchte. „Wir wollen sei» Blut!" scholl es rauh ans der Meute und traf mit Donnerschlag das Ohr der in Nechas Gemach Versammelten. „Sein Blut! Ja! Er sterbe! Gebt uns den König, dann lassen wir Euch in Frieden, aber eh' wir ihn nicht haben, eh' ziehen wir nicht ab!" „Laßt mich," sagte Boleslav zu den ihn Umringenden, „ich will zu ihnen gehen, lind dann hört Ihr ja, dann wird Friede sein im Polenlande. Ich will ..." „Da sei Gott vor, Herr König!" rief der Graf von Roden, »daß Ihr der zügellosen Bande Euer kostbar Leben überliefert, das wäre wahrlich ein zu theurer Friede!" „O, daß wir so Wenige sind," jammerte Ritter Wladiwoj, der mit dem Nodecer treu zu seinem Könige hielt in dieser schwersten Stunde seines Lebens. Recha aber hatte sich ihm entgegengestürzt, und mit thränenvollem Antlitz beschwor sie ihn, sich dem erbitterten Volke nicht zu nahen. Eng an einander geschmiegt standen sie da in der Mitte des nun schon ganz dunklen Gemaches und lauschten angstvoll harrend dem Brausen der Empörung. Da trat der Kanzler ein. Seine hohe Gestalt war gebeugt, und seine Füße schwankten. „Umsonst, es ist vorbei!" stieß er hervor, „vorbei! Sie sind zu allem entschlossen! Herr König, es bleibt nur ein Weg Euch zu retten, flieht!" „Spitichnev! Dn! Du rächst mir zur Flucht?" rief schmerzerfüllt der König, „und begreifst nicht, wie schmählich es wäre?" „Flieht, mein geliebter König! flieht, denn es ist keine Rettung! Die thierische Rotte dürstet nach Eurem königlichen Blut! Flieht mein König!" Der König war in sich zusainmengesunken und verharrte in dumpfem Schweigen. „Mein Gott! Fliehen, fliehen aus meinem Königreiche! Aus meinen Landen, aus Polen, das ich zu stolzer Höhe emporgehoben! Wie schändlich!" „Flieht!" drängten jetzt auch Wladiwoj und der Roderer „es könnte sonst zu spät werden." „Ich aber," sagte Wladiwoj, „ich geh mit Euch und sei es durch die Pforten der Hölle! Ich lebe und falle mit meinem Könige!" „Man wird mich erkennen!" „Dafür ist gesorgt," sagte der Jude, „ich habe bei dem drohenden Anblick vorhergesehen, daß Euch nur die Flucht retten kann, und da habe ich denn in Einverständuiß mit Ritter Wladiwoj schon vorgesorgt, und Euch andere Kleidung gebracht sowie einen Euer Antlitz verbergenden Bart." „Habt Dank, edler Mann," sprach der König. Der Jude aber kniete vor ihn: nieder und küßte den Saum seines Gewandes. „Geht, geht!" bat er dann. „Die Menge tobt hyänengleich um das Schloß, und die braven Knechte werden sie nicht lange mehr zurückhalten könne». „Und dann wehe uns!" rief Recha angsterfüllt. „Eilt!" drängten die Ritter, als sie den König noch immer unschlüssig sahen. „Eilt. Ich bitte Euch. Thut's uns zu Liebe!" Mit einen: dumpfen Wehlaut raffte sich der König auf ergriff die dargereichten Gewänder. Da ertönte Plötzlich wildeS Gekreisch im Burghöfe. Die Menge hatte die Thore aufgebrochen und ergoß sich jetzt, einem reißenden Strome gleich, in den Hof. Unten im Hofe tobte nnd raste die entfesselte Rotte, und oben in dem dunklen Gemache lagen die Getreuen auf ihren Knien und sandten aus schmerzerfülltem Herzen heiße, innige Gebete zu ihrem Gotte hinauf. Durch eine kleine Hinterpforte der Burg aber schlichen drei dunkle, verhüllte Gestalten in die Nacht hinaus. (Schluß folgt.) Druck und Verlas von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.