Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- Seite 299 (sequence 13)
- Language
- German
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2SS L0N.IHON rühren wir eines der schönsten, eindrucksvollsten Gedichte, die Manuel geschrieben: „1a plaee än pauvre". Den alten Brauch lieb' ich, der den Hebräern heilig, ' Und der des Neichen Glück erscheinen läßt verzeihlich. Des Abends, wenn zu Tische die Familie geht, Mit lauter Stimm' der Ahne sagt sein Tischgebet, Ist für den Armen stets ein Plätzchen eingeräumt. Bald ist es ein stiller, ernster Gelehrter, dessen vom Wissen flammendes, vom Hunger hohles Auge scheu um sich blickt, bald ein Bettler, bald eine Waise, bald ein vagirender Student. Allabendlich empfängt mit Güte man den Gast, So unbekannt er sei. er findet Speis' und Rast. Man traf ihn unterwegs, im Tempel, mühelos. Man spricht ihn an, hört ihn, nimmt Theil an seinem Loos. Man sagt: Gebenedeiet, der euch zu uns gesellt! Der Tisch ist euer! Eßt, trinkt, nehmt so euch gefällt. Und wenn der gesättigte arme Mann sich entfernt, hat die Hausfrau noch etwas mitzugeben, sei es Speise, ein Geldstück oder ein warmes Kleidungsstück. Wo findet man noch diesen zarten, bei den alten Juden so scharf ausgeprägten Mildthätigkeitssinn? Schmerzvoll ruft der Dichter aus: O kennten diesen alten Brauch doch wir auch heut! Der arme Mann empfände nicht so viele Bitterkeit, Und eine heil'ge Stätte wär' der üpp'ge Herd; Denn jeder Platz des Armen ist Gottes auf der Erd'! Dieser Schlußvers kennzeichnet den Dichter. Ein edles Herz, einen milden Sinn, er hatte beides, Eugene Manuel war eben das, was der Dichter soll: der Erzieher seiner Nation. Und deshalb verdient er es, nicht nur der preisgekrönte Dichter der Franzosen zu bleiben, sondern er sollte auch einer der liebsten und gelesensten Dichter der Judenheit sein, von derer so viel des Schönen und Guten gelernt, um uns so viel des Schönen und Guten zu lehren. Denn seine Gedichte entstammen dem reinsten Urquell der Weisheit und der Tugend, und er konnte mit stolzem Selbstbewußtseiu von sich sagen: tl-avtU's vois um 80UI'< 6 Mit; Lite est UuinlUv et fall peu Ue biuit, Uküs eile est pure: ou ) peut volle. Gedichte wie „a un ent'anM, mere et 1'6litant"> „1 or^ue äe barbai'ie", „1e verset", „le levite", „les troll penple^" u. s. w. zunächst und vor allen aber das herrliche Gedicht „in plaee 6u pauvre", von dein wir Raummangels halber leider nur drei Strophen mittheilen konnten, sollteil in keinem jüdischen Lesebuche, ich darf wohl sagen, in keiner guten Chrestomathie überhaupt fehlen. Manuel war ein Priester seines Volkes am Altäre patriarchalischer Tugenden, wie er ein Priester der Tagendem der Menschheit überhaupt war. Erkannte nicht den alles, das Heiligste selbst vernichtenden Haß, er kannte nur die alles versöhnende Liebe. Er wollte das Gute, das Sanfte, das Sittlich-Edle, weil er davon durchdrungen war. Und deshalb empfinden wir beim Lesen seinerwundervollen Dichtungen jene Art Suggestion, als wären diese Eigenschaften so leicht anzueignen; ja, wir haben das Gefühl, als wären wir durch einen Läuterungsprozeß gegangen, als wären wir bereits besser, edler. — Ich kenne keinen Dichter, der geeigneter wäre, die ersten Schritte der Jugend zu leiten, und keinen, der auf den gereiften Menschen erbaulicher und anregender wirken kann als Eugene Manuel, dessen Name in der Welt der Dichtung deshalb fortleben wird. Die Königs braut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XXV. ange Verzweiflung hatte sich der Getreuen König Bvleslavs bemächtigt, als ihnen die Kunde von des Königs That wurde. Jetzt wußten sie. war ihre Sache verloren. Und in ihren Herzen erlosch auch der leiseste Funken entfernter Hoffnung, um einernamenlosen Entmuthigung Platz zu machen. Und was das Schlimmste war und ihren Muth völlig darniedersinken ließ, das war, daß der König selbst, der doch bis dahin stets seinen stolzen Muth bewahrt und siegreiches Hoffen bekundet hatte, daß er selbst jetzt allen Glauben an eine günstige Wendung des Geschickes zn verlieren schien, denn nie mehr kam ein Wort von seinen Lippen, das auf die Hilfe, die er bis null vergebens erhofft, Bezug hatte. — In sich gekehrt, verbrachte er seine Tage in seinen Gemächern oder am Krankenlager- Rechas, das diese zuweilen verließ, aber nur, um sich matt und kraftlos zn einem Lehnstuhle hinzubegeben, der in der Nähe des Fensters stand, und da athmete sie in vollen Zügen die klare, sonnige Herbstluft ein, die durch das weitgeöffnete Fenster hereinzog. horchte dem Fallen der vom Herbst-! winde herabgewehteu Blätter und blickte trüben Blickes hinaus über die Stadt hinweg in weite, unsichtbare Ferne. Dann nahm ihr Auge oft einen schwärmerischen Ausdruck all, und über ihr Gesicht fuhr ein Strahl weltentrückten Friedens! Friede! O mein Gott! Würde sie noch Frieden finden auf der Erde? Und suchte sie ihn denn, diesen Frieden, und verlangte es sie danach? Ach! Sie wußte es nur zu gut, daß es damit aus und vorbei war! Und sie wußte es auch, daß eill anderer, erlösender Friede ihrer harre und aller Pein und allem Erdenschmerze ein Ende machen würde! Aber großer Gott! Boleslav! Ihr geliebter Boleslav! Was würde sein Loos sein? Und durfte, konnte sie hoffen, daß ihm, dem Vielgeprüften, noch Friede werde hinieden? O, mein Gott! Wie wollte sie für ihn flehen und die Gnade des Himmels beschwören auf das geliebte Haupt! Und sie richtete ihr Antlitz der niedergehenden Sonne zu, die sie mit ihrem röthlich goldenen Scheine übergoß, und verharrte in srommemSchauer — da plötzlich zuckte sie, wie von einer Schlange getroffen, zusammen, und einen Angstruf ausstoßend, taumelte sie zurück. Im selben Augenblicke wurde aber die Thüre ausgerissen und an der Schwelle erschien mit bleichen Mienen und verstörtem Blicke der König. Ihm folgte der jüdische Arzt, der jetzt seit Nechas Ohnruachtsanfall täglich auf das Schloß kam. „Großer Gott!" rief Recha, indem sie mit der Rechten durch das Feilster wies, „was bedeutet das, und was wollen alle diese Menschen? Seht!" Zu Tode erschrocken war der Arzt vom Fenster hinweg getreten, und jetzt wollte er den König verhindern, ans die Straße zu sehen. „Kommt." Aber da erbrauste es schon von unten herauf wie entfernter Donner, und tosend und brandend schwoll der Sturm an und fluthete und wälzte sich mit wildem Gebrause dem Schlosse zu.