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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-21 · Heft 25 (21.6.1901) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 25 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
Seite 298 (sequence 12)
Language
German
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298 uns zu sehen die Träger großer und bekannter Namen, die einst dort lebten und Einfluß ansiibten, und den Roman Julius Rodenbergs „Die Erandidiers" nennt Leixner in seiner Litteratnrgeschichte „eines der besten Erzeugnisse, welches die große Zeit 187M187I gezeitigt hat". Der jugendfrische Jubilar legt die Feder noch nicht aus der fleißigen Hand. Möchte ihm ein freundlicher Lebensabend beschicken sein, möchte ein gütiges Geschick ihm noch lange ungetrübt die Fähigkeit des frohen Schaffens erhalten! Eugene Manuel. Von O. Neuschotz de Jassy in Paris. H. er Dichter lebt vor allein Andern in der Seligkeit des Fanlilienlebens. Er sucht und findet sein Glück in patriarchalischer Abgeschlossenheit, in der grenzenlosen Liebe zum Nächsten und in der Lehre des guten Beispiels. Ein biblischer Spruch, den ihm seine Großmutter, als er noch Kind war, gelehrt, ist ihm zur Norm seines Lebens geworden. Gott, so sprach sie, urtheilt weise: Seine Straf erreicht den Bösen, Doch den Demüth'gen erhebt er. Diese Worte sind ihm tief ins Herz geprägt. Er kann sie nie und nimmermehr vergessen: Worte waren's für ein folgsam Kind gleich wie ein Amulet. Längst entschlafen ist das Auge, Doch ihr Geist weht über mir. — Dieses Gerechtigkeitsgefühl ist die Hanpttugend des Dichters. Sie wird in ihm nothivendigerweise jenes Gefühl der Liebe zinn Nächsten erzeugen, welche die Grundlage der jüdischen Ethik bildet und weit hinaus über die Sphäre der Soziologie des Judenthums reicht. Sie wird in ihm das Gefühl des Mitleids, der Barmherzigkeit großziehen, jener Barmherzigkeit, jener Seligkeit des Gebens wie sie sein altes hebräisches Volk verstand, Oiriritl'' saints, oi, üieu reeonnait 568 ölns! Man lese ..bl MOI'6 et pentälit''. Dieses in seiner Auffassung ebenso einfache als an dramatischer Wirkung reiche Gedicht, das ich, ehe ich noch Manuels Schriften kannte, im Saale der Jllinnce m-tistigne moncbüne von einer einfachen Arbeitersfrau vortragen hörte — Manuel ist trotz seiner klassischen Sprache einer der beliebtesten Volksdichter — hat meine Aufmerksamkeit ans die sittliche Weihe der Werke des Dichters gelenkt. Ich darf den Inhalt dieses Gedichtes den Lesern dieser Studie nicht vorenthalten. Eine arme Frau, ein Kind all der Brust, fleht allabendlich an einer dunklen Straßenecke die Vorübergehenden um Almosen an. Mehr denn einmal hat ihr der Dichter in die vor Frost zitternde Hand ein Geldstück gedrückt. Eines Abends gewahrt er sie in einiger Entfernung, wie sie schreckerfüllt einem Manne anszuweichen sucht, der ihr auf der Ferse folgt. Es ist ein Polizeiageut. Er holt sie ein, erfaßt sie, und mit brüsker Bewegung will erden Shawl entfernen, der das Kind bedeckt. Die Mntter will Widerstand leisten, das Kind fällt zu Boden . . . Das Kind? Nein! Einige künstlich zusammengerollte Fetzen! Der Dichter hat sich indessen der Szene genähert und sieht mit Schrecken, wie die Frau mit den edelstell Menschengefühlen spielt: <^68 sukruUs euäormis cxne rövnis si dsaux, X'^üüsiü Mls üesormois (jns langes et lambeaux. Enttäuscht und erbittert will er sich entfernen und die Elende ihrem Schicksale überlassen, als er die zitternde, gebrochene Stimme des armen Weibes vernimmt, die ihn anfleht mitzukommen und sich zu überzeugen, daß das „Andere", das Wirkliche, in der Armenstube darniederlegt. Gestern noch trug sie es an der Brust: Doch kalt ist's heul, das Kind so schwächlich anzusehn — Und wenn es hustet, möcht' vor Schmerz man fast vergehn. Es aus der Stube nehmen, war sein sichrer Tod. Drum hat sie heute zum ersten Male zu diesen: Unglückskniff gegriffen. Nicht Trug war's, nicht die Absicht zu hiutergeheu. Der Mutter Liebe war's und Sorgfalt. Lt In lemms rmx lmillons Nevant moi sangloiail. Lk.prü ecu eomms vons es <ju' eile raeontm't. Aber das Gedicht hätte einen vorzugsweise dramatischen Charakter, durchwehte es nicht jener echt sittliche Hauch, der durch alle seine Dichtungen geht und diesen das eigentliche Gepräge giebt. So wird die Paranthese, die der Dichter eröffnet, ehe er uns den „Kniff" der unglücklichen Mutter mittheilt, zum sittlichen Kern in der dramatischen Hülle. Wenn ich durch die Erzählung eine Seel'verschlösse, Den Armen macht' verdächtig, schlecht, insam das Elend, Wenn ich ein einzig Herz, das sich empört', erkalten. Und deinen Quell. Barmherzigkeit, versiegen macht', Ich würde schweigen. — Doch wozu ohn' End' verbergen Die düst'ren Nathschläg', die der Noch der Hunger giebt? Heilung will Untersuchung. Geschminktes Nebel hass' ich. Den Abgrund, den ich sehe, leichter noch erfaß' ich. Nicht minder herzzerreißend, nicht minder Werth des Mitleids Ist Wahrheit noch so schrecklich, die's Sonnenlicht enthüllt. — Ins Uebrigen, was thnt's, gehn wir auch in die Falle! Vor allsgestreckter Hand wär' Untersuchung Läst'rung. Damit der Arme Anspruch erheb' ans unser Mitleid. Genügt es seiner Scham, genügt es seiner Armuth. Und was mall auch entdecke, und was man auch errathe, Nichts darf die Gottesgab' beschränken, das Almosen. Gewiß, bei dieser warmen Befürwortung, bei diesem Eintreten sür das Almosengeben „wenn immer" konnte der Dichter in unserer Zeit der unglaublichsten Widersprüche in den sozialen Anschauungen nicht viele Freunde finden. Der sittlichen Tendenz des Nachsichtübens mit der Noth wird man die sittliche „Entrüstung" gegenüberstelleu, und der moderne Soziologe wird einen Schritt weiter gehen. Er wird in diesem Plaidoyer einerseits eine Ermuthiguug zur Bettelei, anderseits einen Angriff auf die Würde einer Klasse von Menschen erblicken, welche die Gesellschaft zwingt, ans der Bettelei ein Gewerbe zu machen und die Schuld der Spender über die der Empfänger setzen. Der Dichter läßt sich in seiner^Auffassung der Mildthätigkeit nicht beirren. Er setzt dem Soziologen die Aktualität, das Bestehende gegenüber, mit dein so lange zu rechnen sein wird, als der Zuknnftsstaat in neblichter Ferne schweben wird, und der vulgären Barmherzigkeit, vor deren Kleinlichkeit er sich in seinem Gedichte überhaupt fürchtet, vulZLÜl'6 Miö. I'rmaueillant ponr Mkuläll'6. 8'sn tei-rr-t-sUs uns ru'uw? lehrt er, wie man Almosen zu geben hat, wie dieses Almosenspenden sein altes Hebrüervolk verstanden hat. Und hier be-

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