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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-21 · Heft 25 (21.6.1901) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 25 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
Seite 296 (sequence 10)
Language
German
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296 kaum zu erwarten, das; die Form des religiösen Glaubens, d. i. ein rein ethischer und metaphhsischer Faktor, einen reellen Einfluß auf den Verlauf einer biologischen Erscheinung ausüben könnte. Wenn sich in dieser Beziehung dennoch irgend ein deutlicher Zusammenhang zeigt, dürfte die eigentliche Ursache eherinBegleitnmständen — der verschiedenen Beschäftigung, Wohlhabenheit, gesellschaftlichen Stellung, Rasse n. s. >v. — zu suchen sein. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß sich zwischen Konfession nnd Salubrität auch Beziehungen näherer Art konstatiren lassen. Am klarsten ist diese Beziehung dort, wo die religiösen Vorschriften zugleich diätetische nnd hygienische Verhaltungsmaßregeln enthalten, wie dies namentlich bei der jüdischen Religion der Fall ist. Dies erklärt auch, warum die Demographie den Natalitätsnnd Mortalitätsverhältnissen der Israeliten ein so spezielles Interesse znzuwenden Pflegt. Ferner ist auch zuzngeben, daß der ethische Inhalt der religiöseil Lehren sowohl aus das Urtheil als auf die Moral, die Erziehung, die Lebensführung des Individuums nnd seiner Familie entschieden maßgebend zu sein Pflegt. Damit wäre ein weiteres Bindeglied zwischen religiöser Ueberzengung und Physischem Wohlergehen gegeben. Dieser Zusammenhang ist aber kein ganz unvermittelter mehr und so für Causalitätsforschungen nicht immer geeignet, umsoweniger, als andere Ursachen einen unvermitteltereil und stärkeren Einfluß ansüben. Ein solcher Umstand ist oft, so auch in Pest, die nach Konfessionen bedeutend verschiedene Vertheilung der Berusszweige, ein Faktor, der die Mortalitätserscheinungen viel stärker beeinflussen mag, als die im praktischen Leben gar oft in den Hintergrund tretenden Lehren der Religion. So entfallen z. B. in Budapest (1891) auf je 1000 Einwohner bei den Katholiken 168, bei den Lutheranern 12-1, bei den Calvinern 148, bei den Israeliten aber blos 67 Tagelöhner; Dienstboten wurden gezählt auf je 1000 Katholiken 95, Lutheraner 98, Calviner 112, während auf 1000 Israeliten blos 17 kamen. Hingegen betrug die Zahl der Kauflente bei den Katholiken 20, bei den Lutheranern 36, bei den Calvinern 20, bei den Israeliten 131. Es sind also diese Unterschiede von genug großem Gewichte, um schon sür sich einigermaßen konstante Unterschiede in der Mortalität nnd in der Frequenz der verschiedenen Todesursachen und der Kindersterblichkeit erwarten zu lassen. Julius Uodenbrrg. Von Regina Ne iss er. er 5. September 1859 lebt unauslöschlich in meiner Erinnerung. An jenem Tage wurde in meiner Heimathstadt Lissa, Provinz Posen, das „Salomon- und Joseph Wollheim'sche Kranken- und Siechenhaus" feierlich eingeweiht. Die Brüder Wollheim, Neffen meines Großvaters väterlicherseits, waren als arme Knaben ausgewandert, und hatten sich in Triest und Alexandrien Wohlstaud und Stellung errungen. Salomon weilte nicht mehr unter den Lebenden; dem Andenken des Heimgegangenen Bruders errichtete Joseph Wollheim in der Vaterstadt durch die Stiftung eines Asyls sür Kranke und Leidende ein Denkmal. Joseph Wollheim nnd ein Sohn des Verewigten wohnten der Einweihung bei, und ein großer Kreis von Verwandten aus der Nähe und Ferne scharte sich um sie an jenem unvergeßlichen Festtage. Wenige Jahre später erschien ein Roman „Die Straßensängerin von London" von Julius Rodenberg, nnd gerade um dieselbe Zeit, als ich, ein vorwitziger Backfisch, der kein Buch auf dem Arbeitstische der Mutter liegen sehen konnte, ohne wenigstens einige Seiten zu lesen, hinter dem Rücken meiner Mutter den Roman, der die Nachtseiten des Lebens in London ebenso wahrheitsgetreu als ergreifend schilderte, buchstäblich verschlang, erfuhren wir, der jugendliche Schriftsteller habe sich mit der Nichte von Salomon und Joseph Wollheim, der Tochter ihrer Schwester Frau Johanna Schiff in Triest verlobt. Ein Jahr später weilte ich in Berlin, und ein schöngeistig angehauchter Vetter — auch ihn deckt schon mehrere Jahre die Erde — schenkte mir „Gedichte" von Julius Rodeuberg. Wie mich das erste Gedicht in dem Goldschnittbande, „Die reinen Frauen", damals entzückte, lebt ebenfalls unvergessen in meiner Erinnerung. Ich war damals und auch später, wenn ich in Berlin weilte, zu zaghaft, »sich dein liebenswürdigen Dichter und Schriftsteller, dessen Reiseschilderungen und Romane ich auch in der Folge gern las, als Verwandte seiner Frau vorzustellen, und erst der alternden Frau war es im Jahre 1899 anläßlich des fünsundzwanzigjährigsn Jubiläums der „Deutschen Rundschau" Vorbehalten, dem Schöpfer dieser bedeutendsten deutschen Revue mit Wünschen zu dem Festtage zu nahen. So fühle ich mich denn seit einem Menschenalter geistig mit Julius Nodenberg verbunden, und mit demselben Interesse, mit dem ich einst von der verbotenen Frucht „Die Straßensängerin von London" kostete, habe ich vor Kurzem seine Prächtigen „Jugenderinnerungeu" gelesen. Der feinsinnige, gemüthvolle Lyriker, der bedeutende und bewährte Schriftsteller, der Verfasser vieler anregenden, Poetischen lind edlen Schöpfungen, der liebenswürdige, warmherzige Mensch, auf den das Dichterwort zutrifft: „Und einen Freund kann Jeder haben, der selbst versteht ein Freund zu sein," der sich seine Freunde unter hervorragenden Menschen erworben hat, weil er versteht, Freundschaft zu bethätigen, und Liebe verdient durch seine ausgezeichneten Eigenschaften des Charakters und Gemüthes, Julius Rodenberg vollendet am 26. Juni in lebendiger Geistesfrische und fast jugendlicher Kraftfülle sein 70. Lebensjahr. Bei hervorragenden Persönlichkeiten fragt man unwillkürlich nach den Erfahrungen und Erlebnissen, die sie zu dem herangebildet, was siegeworden, nach ihrerHeimath, nach den Eindrücken, die sie in ihrer Kindheit und Jugend empfangen, nach den Eigenschaften des Geistes und Gemüthes, die sie von ihren Eltern ererbt haben. Julius Levy erblickte als der Sohn frommer jüdischer Eltern in dem kurhessischen Städtchen Rodenberg am 26. Jnui 1834 das Licht der Welt. Von tüchtigen Hauslehrern gut vorgebildet, und von seinen Eltern zum Kaufmannsstande bestimmt, schied der 13 jährige, Poetisch und musikalisch veranlagte Knabe aus der lieben Umgebung des Elternhauses und der Geschwister und bezog die höhere Bürgerschule zu Hannover, wo er zum ersten Male in Berührung mit der Außenwelt kam. Die erste berühmte Persönlichkeit, die dort in seinen Gesichtskreis trat, war der Komponist Heinrich Marschner, der in der Folge nicht nur seine Lieder nnd Gedichte in Musik setzte, sondern ihm auch ein vertrauter Freund wurde. In Hannover vertauschte Rodenberg mit Genehmigung

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