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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-21 · Heft 25 (21.6.1901) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 25 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
Seite 294 (sequence 8)
Language
German
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294 kommt? Kann man darüber staunen, wenn sie sagen: Kämpfen wir und bieten wir alle unsere Kräfte auf, daß dieses Standbild zum Siegesdenkmal werde! Ob hier, ob dort, aber jedenfalls irgendwo verkünde es die Unsterblichkeit der Idee! Vor einigen Tagen hat ein nach Deutschland verschlagener ungarischer Jude für ein Heine-Monument ein kleines Vermögen vermacht und die Verfügung getroffen: man möge dessen Standbild in Erlangen anfstellen; sollte es aber dort nicht gestattet werden, dann möge man ihm in Budapest ein bescheidenes Plätzchen anweisen. Der Erblasser ist kein Landesverräther, wie er es im ersten Augenblick zu sein scheint. Er muß der Ansicht gewesen sein, Heinrich Heine habe vor allem von Deutschland Ehre und Ruhm zu fordern; wird er aber dort abgewiesen — wer weiß, zum wievielten Mal? — dann könne er in Ehren in jenes freie Land ziehen, zu jener freien Nation, von der er in traurigen Tagen sagte: „Wenn ich den Namen Ungar hör', wird mir das deutsche Wams zu enge... Es gereicht uns zur besonder» Ehre, daß wir ein Goethezimmer haben, aber darauf dürften wir stolz sein, wenn das erste und einzige Heine-Monument hier bei uns stände und der Welt verkünden würde, daß unser Land die Zufluchtsstätte der verfolgten Idee ist, daß ihm hier endlich nach langem Hernmirren Gastfreundschaft gewährt wird, bis er im Siegesznge heimkehren kann, wenn auch dort der Gedanke frei geworden ist. — Es ist vorauszusehen, daß das Monument zu uns erst durch einen Regen von Schmutz und Schlamm kommen dürste. Hier ist ja, abgesehen von allem anderen, unsere „begeisterte" Jugend, die es sich gewiß nicht nehmen lassen würde, einen Doruenkranz auf den Sockel des Standbildes zu legen. „Nieder mit den Juden!" würde weit und breit gerufen werden. Daß der Unsterbliche sich der Gunst unserer Königin erfreut hatte, wäre Nebensache, sowie auch das Vielen als Nebensache erscheinen würde, daß Heine mit uns in unseren schlimmen Tagen gefühlt hat. Ach ja, dieser Vers — wenn er überhaupt bekannt ist — war ja eigentlich dem hochwürdigen Abbe Liszt nur deshalb ein Dorn im Auge, weil er kein Jude war u. s. w. Kurz, es obliegt keinem Zweifel, daß von den Karparthen bis zur Adria eine „Grandhetze" losginge, wenn jener Ahasveros zu uns kommen wollte. Sie mag nur losgehen! Wir fürchten nicht das Licht und auch nicht den Kampf gegen die Finsterniß. Wir freuen uns vielmehr, wenn der Krieg auf mehreren Schlachtfeldern offen geführt wird. Er ist dann rascher zu Ende. Und das wäre ein Segen, denn so, mit dieser vorsichtigen Streifzügetaktik, wird er ein wenig zu langweilig. Me Kindersterblichkeit bei den Juden. Von De. med. Moses in Liegnitz. II. ach A. Lego y e t kamen in der Stadt Algier im Jahre 1840 je ein Todesfall auf 22,5 Europäer und auf je ÜS,8 Juden, welch ungeheurer Unterschied zu Gunsten der letzteren lediglich der geringeren Kindersterblichkeit derselben zuzuschreiben sei. Dieser Autor meint: „Man wird wohl chwerlich fehl gehen, wenn man diesen Unterschied gleichfalls it den verschiedenartigen sozialen Lebensverhältnissen, fehlerhaften Gewohnheiten in der Pflege und Ernährung der Kinder bei Nichtjuden in Verbindung bringt. Hierauf weist schon der Umstand hin, daß, ganz abgesehen von dem Zurücktreten des Rassenelementes infolge der vielfachen Vermischungen, bei den Juden ein sehr erheblicher Unterschied besteht in der Sterblichkeit ihrer ehelichen und unehelichen Kinder" (eine eigenthümliche Thatsache, auf die wir nachher noch zurückkommen werden). — Auch Westergard spricht sich in seinem hervorragenden Werke über die Lehre von der Mortalität über die Ausnahmestellung der Juden in Bezug auf ihre Sterblichkeit resp. Kindersterblichkeit ausführlich aus. Da sagt er unter anderem: „Es ist viel über die eigenthümliche Lebenskraft der Juden geschrieben worden, und man behauptet, daß sie diejenige Raffe seien, welche sich am besten in fremden Verhältnissen eiuleben, ungesunde Klimata ertragen, der Pest und anderen Seuchen entgehen können und trotz der Verfolgungen und Unterdrückungen noch immer besser als die Unterdrücker gedeihen und sich zu vermehren im Stande seien." Es ist hierin viel übertrieben. Wohl ist es wahr, daß die Juden, von den besonderen Verhältnissen begünstigt, unter welchen sie bis in dieses Jahrhundert hinein gelebt haben, mit einer merkwürdigen Zähigkeit allen Einwirkungen widerstanden und mit den Christen sich zu assimiliren vermieden haben. Zahlreich, wie die Juden schon zur Zeit Christi waren, müßten sie sich aber außerordentlich stark vermehrt haben, wenn ihre Lebensfähigkeit nur etwas größer als die der anderen Rassen wäre. Dies ist kaum der Fall. Es leben gewiß jetzt verhältnißmäßig nicht mehr Juden als zu Anfang unserer Zeitrechnung. Das Eegentheil müßte erst bewiesen werden. Man hat ein. gewendet, daß die Juden sich langsamer fortpflanzten als die Christen, und es ist.wohl möglich, daß dies jetzt der Fall ist Aber einen Beweis dafür, daß dies auch ehemals der Fall war kann man nicht erbringen, weshalb man auch nicht behaupten kann, daß die Juden in früheren Jahrhunderten eine größere Lebenskraft als die anderen Rassen besessen haben. Noch Heu tigen Tages rekrutirt sich ein großer Theil der Juden in Deutsch land und Frankreich aus den östlichen Staaten Europas, wo seit langer Zeit eine Art voll Freistätte für sie gewesen, und es ist nicht unmöglich, daß sie sich stets nur da vermehrt haben, >vo sie geduldet oder jedenfalls verhältnißinäßig wenig miß handelt worden sind. Fehlt also der Beweis, daß die Juden besser als Andere Armuth und Unterdrückung ertragen können, so darf man es doch als unbestritten ansehen, daß sie sich heutigen Tags durch eine größere Lebensfähigkeit, als die gewöhn liche christliche Bevölkerung aufweisen kann, auszeichnen. Das zeigt sich namentlich i» der geringeren Kindersterblichkeit, wo es hauptsächlich auch die guten ökonomischen Verhältnisse und die rilhige, stille Lebensart sind, welche die größere Gesundheii bei ihnen verursachen. — Ueberaus interessante Unter suchungen hat auch Neumann (Tübingen) in den 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts über die Sterblichkeit ehelicher und unehelicher Kinder in der jüdischen Bevölkerung Badens angestellt. Dort starben in den Jahren 1864- 1870 von allen Geborenen: eli. kath. jüd. Vvr Ablaus des I. Halbjahres 19,54 pCt. 22,99 pCt. 15,00 pCt. ., „ 2. Halbjahres 6,14 „ 5,84 „ 4,17 „ „ „ ,. 1. Lebensjahres 25,68 „ 28,83 „ 19,18 „ Und während in der sog. Periode 1871—75 die Verhältnisse für die christliche Bevölkerung dieselben blieben, sank die Kindersterblichkeitsziffer bei den Juden »och um weitere 2 Prozent,

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