Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- Seite 292 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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2S2 selbst bekannten Gründen btvß die jüdische Stadtbevölkernng dieses Grenzrayons in Ruhe, während sie die des Platten Landes nach wie vor ans ihren Wohnsitzen verjagte. Der Senat inhibirte nnn durch einen Ukas dieses sonderbare Treiben des Herrn Tschinowniks und ordnete an, das; alle Inden, welche am 2l. Juni 1895, dem Pnblikationstage des Gesetzes, auf dem platten Lande gewohnt haben, auch ferner daselbst verbleiben dürfen. Endlich hat der Senat im Gegensatz zur bisherigen Praxis der Behörden die jüdischen Maschincnführer als Handwerker erklärt, die überall in Rußland wohnen dürfen. Es ist bezeichnend für den bösen Willen des russischen Beamtenthums, daß eine solche einfache Sache erst durch einen Ukas des Senats proklamirt werden mußte. 4- Die Judenverfolgungen in Rußland haben den Anlaß gegeben, die ans ihren Wohnsitzen Vertriebenen in amerikanischen Ackerbaukolonien anzusiedeln. Eine Anzahl dieser Kolonisten befindet sich im Bezirke Pittsgrove im Staate New-Jersey. Da die betreffende Kolonie jetzt nahezu 20 Jahre alt ist, so kann man wohl ännehmen, daß die nunmehr vorliegenden Erfahrungen für den Werth oder Unwerth dieses Experiments induktive Beweiskraft besitzen. „Alliance" — dies ist der gewählte Name der Kolonie — wurde im Jahre 1882 von der Israelitischen Hilfsgesellschaft von Newhork organisirt. Die Gesellschaft hatte zu dein Zwecke über 1000 Acker fruchtbaren Landes angekaust und forderte frisch eingewanderte russische Juden auf, unter den festgesetzten Bedingungen dort Kolonisten zu werden. Die Gesellschaft hatte Parzellen von je 15 Ackern (6 Hektar) für jede Familie bestimmt und ein einfaches Wohngebäude ans jeder Parzelle errichtet. Den Kolonisten wurde dann die Farm zum Preise von 150 Dollar (600 Mark) überlassen gegen die Verpflichtung, diesen Kaufpreis, der unverzinst als Hypothek eingetragen wurde, binnen 06 Jahren abzntragen, so daß jährlich noch nicht einmal 20 Mark Grundrente zu bezahlen waren. Dieses System scheint sich sehr gut bewährt zu haben, denn die etwa 250 Köpfe zählende Kolonie prosperirt, wie aus dein jüngsten Berichte des statistischen Bureaus von New-Jersey zu ersehen ist, unverkennbar. Die Kolonisten von Alliance sind Gärtner, Geflügel- und Viehzüchter. Ihre Produkte finden in Newhork einen bequemen Mark, wo namentlich Weintrauben gut bezahlt werden. Eine Fabrikindustrie existirt nicht in Alliance, wohl aber in der später gegründeten Kolonie Movsliue. Diese basirt auf ähnlichen Grundlagen wie Alliance. Es besteht dort aber auch eine Fabrik, in der 5-5 Arbeiter und Arbeiterinnen mit der Herstellung von Kleidern und Mänteln ihr Brod gewinnen. Verein jüdischer Ueligionsiehrer Westpreutzens. Fünfte Jahresversammlung am 26. und 27. Mai in Danzig. Erster Verhandlungstag. -n der im Gemeindebüreau tagenden Versammlung haben theilgenommeu die Herren: Geisenberg-Marienwerder, Vorsitzender, Augreß-Christburg, Galliuer-Dt. Eylau, Iakubowski-Neuenburg, Jaffe-Dirschau, Kalischer-Danzig, Dr. Kellermaun-Konitz, Kroll-Dirschau, Dr. Loevy-Graudenz, Mannhenu-Grandenz, Mendelsohn-Mewe, Piski- Elbing, Nainowitz-Strasburg, Napp-Pr. Friedland, Dr. Nosenberg- Thorn, Nynarzewski-Pr. Stargard, Schapira-Briesen. Schreiber-Danzig, Süßkind-Schoeneck, Wagenheim-Carthaus. Weißrock-Lessen, Weißrock- Marienburg; ferner als Gäste : Herr Rabbiner Dr. Freudenthal-Danzig und vom Vorstande der Danziger Synagogengemeinde Herr Rechtsanwalt Steinhardt. I. Der Vorsitzende Herr Ge i senb erg-Marienwerder begrüßte Rachmittags 3 Uhr die Versammlung mit herzlichen Worten. Hierauf hieß Herr Rechtsanwalt Steinhardt namens des Vorstandes der Synagogengemeinde zu Danzig die Teilnehmer herzlich willkommen. Der Vorsitzende gedachte nun eines im letzten Jahre verstorbenen Mitgliedes, Rabbiner Dr. Rosen st ein in Graudenz, der sich stets mit Interesse an unseren Vereinsbestrebungen betheiligt hat. Die Versammlung erhob sich zu Ehren des Verewigten von den Plätzen. II. Danach erstattete der Schriftführer Mannheim-Graudeuz den Jahresbericht. Im vergangenen Jahre sind fünf Mitglieder ausgeschieden, vier durch Wegzug aus unserer Provinz und eines durch den Tod. Dagegen haben wir 11 Mitglieder gewonnen, so daß sich unsere Mitgliederzahl jetzt auf 37 beläust. Die Vereinsangelegenheiten wurden in zwei Vorstandssitzungen. am 25. Dezember v. I. zu Pr. Stargard und am 21. April d. I. in Graudenz erledigt. Der Bericht ging nun auf die Thätigkeit des Verbandes näher ein. III. Die Versammlung trat darauf in eine Besprechung der neu begründeten Verbandspensionskasse ein und kam dabei zu folgender, mit großer Majorität gefaßten Resolution: „Die Verbandskasse erscheint uns in ihrer jetzigen Verfassung für die Gesammtheit der jüdischen Lehrerschaft werthlos, weil sie 1. nur einige wenige Lehrer anfzunehmen im Stande ist, 2. die Kollegen in Bezirken mit eigenen Hilfskassen von der Ausnahme in die Kasse ganz ausschließt und 3. in ihrer Organisation jede Verbindung mit dem übrigen Versorgungskassenwesen der jüdischeil Lehrerschaft fehlen läßt, und dadurch die Gefahr einer Kollision mit den Interessen der alten Kassen zu befürchten ist. Der Verein bedauert ferner, daß die meisten Verbandsvereine dic Abänderungsvorschläge des ostpreußischen Vereins in durchaus ungenügender Weise geprüft haben und steht auch jetzt noch auf dem Standpunkt, das es dringend nothwendig ist, eine gründliche Reorganisation der Kassenstatuten herbeizuführen." I V. Der Kassenbericht des Rendanten Rynarzewski - Pr.Stargard ergab einen Bestand von 49.61 Mark. Die Einnahmen betrüge,: 118,07 Mark, die Ausgaben 68,46 Mark. Den: Rendanten wurde Decharge ertheilt. Abends 6 Uhr brach man die Verhandlungen ab, um einen ge» meinsamen Ausflug nach Zinglers Höhe zu unternehmen. Zweiter Verhandlungstag. V. Am 27. Mai, Vormittags 9 Uhr, wurden die Berathuugen wieder ausgenommen. Nachdem Rabb. Dr. Frendenthal-Dauzig die Versamm lttng begrüßt hatte, sprach der Vorsitzende über die schlechten Am stellungs- und Versorgnngsverhältnisse der Kollegen in unserer Pro vinz und legte der Versammlung die Frage vor. ob wir eine dies bezügliche Petition all den Oberpräsidenten Staatslninister v. Goßle* richten, oder zunächst mit entsprechenden Anträgen an den West preußischen Gemeindeverband herantreten sollen. Die Versammlung entschied sich für den letzteren Weg und beschloß, folgenden Antrag dem Verbände Westprenßischer Synagogengemeindeu zu unterbreiten „Der Gemeindeverband wolle 1. seinen Einfluß auf die Einzelgemeinde:, dahin ausüben, daß diese ihre Religionslehrer nach einem drei- oder fünfjährigen Provisorium lebenslänglich anstellen; 2. die Einsetzung eitler gemischten Kommission, bestehend ans Vertretern der Gemeinde: und der Lehrerschaft, behufs Regelung der Anstellungs- und Ver sorgnugsverhältnisse, beschließen." Der Vorsitzende wurde damit betraut, diesen Antrag auf dem cm: folgenden Tage (den 28. Mai) in Danzig stattfindenden Eemeilidetag zu vertreten, bezw. zu begründen. In Ausführung dieses Beschlusses wurde der Antrag von unfern Vorsitzenden sofort beim Verbandstage, zu Händel, des Verbands Vorsitzenden Herrn Gustav Davidsohu-Danzig. eingereicht, dort aber nicht zur Berathnng gebracht, vielmehr wegen seiner einschneidender: Bedeutung dem Verbandsausschusse zur Vorberathung überwiesen. VI. Hieraus erhielt Herr Ma nn h e i m-Graudenz das Wort zn seinem Vortrage: „Die Thätigkeit des Lehrers sür kulturelle Bestrebungen