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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-21 · Heft 25 (21.6.1901) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 25 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
Seite 290 (sequence 4)
Language
German
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290 und sie gesteht es, das; sie in jener Stunde den Vorsatz gefaßt hat, alle ihre Kräfte in den Dienst der Abhilfe zu stellen. Der Plan, den Fräulein P. nun dein Israelitischen Hilfsverein zu Frankfurt a. M. vorlegte, um die Fnrsorgethätigkeit auf dem Gebiete der Sittlichkeit durchznführen, ist der folgende: Es bildet sich ein recht großes Damenkomitee, aus dem sich immer zwei Damen bereit erklären, gemeinsam ein Opfer zu übernehmen. Der Hilfsverein als solcher tritt mit den Behörden in Verbindung, damit ihm neue Ankömmlinge gemeldet werden. Für jede vom Hilfsverein bezeichnet« Familie oder weibliche Einzelperson werden aus dem Damenkomitee zwei Frauen zur Fürsorge bestellt. Diese verpflichten sich, alle Recherchen zu machen und das Resultat derselben zur gemeinsamen Besprechung in die Sitzung des Damenkomitees mitzubringen. Ans diesen Berathungen gehen nun die Vorschläge an den Vorstand des Hilfsvereins, der sie zu begutachten und eventuell die nöthigen Geldmittel zu bewilligen hat; die Exekution und die Ueberwachung derselben ist aber Sache des Frauenkomitees. Der Vorschlag ist im Grunde genommen ziemlich einfach. Er ist in allen Großgemeinden durchführbar; es wird sich nur fragen, ob sich überall Frauen finden werden, die diesen Dienst sozialer Fürsorge übernehmen werden. In der nichtjüdischeu Gesellschaft, in der katholischen sowohl wie in der protestantischen, sind es gerade die hochstehenden Damen aus den ersten Kreisen, die diesen Zweig der Liebesthätigkeit mit wahrhafter Ausopseruug ausüben. Es wäre sehr zu wünsche», das; unsere jüdischen Frauen, die ja manches angenommen haben, was nicht gerade sehr nachahmenswerth ist, auch einmal etwas von ihren nichtjüdischen Schwester» lernen wollten, was der Nachahmung in hohem Grade wertst und würdig ist und den Vorschriften unserer Religion in ihrem tiefsten Kern entspricht. Die Frauen, die dieser Fürsorge sich widmen wollen, werden viele Mühe und Zeit sich nehmen müssen, um ihre Schutzbefohlenen kennen zu lernen, von den guten wie von den schlechte»; Seiten, und wenn sie dann diese beiden Strömungen in der menschlichen Veranlagung gut beobachten, so wird es ihnen wohl gelingen, hier und da ein Lebensschifflein in ein mittleres Fahrwasser, vielleicht aber auch ganz zum Guten zu lenken. Da es aber Verhältnisse und Oertlichkeiten giebt, in die Frauen Anstand nehmen werden einzudringen, so macht die Verfasserin des erwähnten Referats den Vorschlag, von vornhein eine berufliche Hilfskraft.anzustellen. Die Wirksamkeit des Jrauenkomitees seinen erwachsenen Schutzbefohlenen gegenüber wird vorzugsweise darin bestehen, diese von; Bettel und anderem ähnlicher; Erwerb abzuhalteu und der redlichen Arbeit zuzuführen. Das; diese Aufgabe keine kleine ist, weis; Jeder, aber Jeder weis; auch, daß sie mit Energie durchgeführt werden kann. Natürlich konnte die Verfasserin in ihrem Referat nicht auf die Details der Fürsorge eingehen. Diese wird ja auch von Fall zu Fall eine andere sein müssen, da gerade das Eingehen und Jndividualisireu in dieser Sache das Wichtigste ist. Die Hauptsache bleibt aber immer die Fürsorge für die Heranwachsende Jugend. Die Vorschläge, die Fräulein P. nach dieser Richtung hin giebt, sind sehr beachtenswerth, aber sie reichen nicht vollständig aus. Es lag ja auch nur in ihrer Absicht, auf das große Arbeitsgebiet hinzuweisen, das sich auf diesem Felde eröffnet. Den Zweck aber, einen weiten Kreis edler Menschenfreunde auf ein Arbeitsgebiet hingewiesen zu haben, das bis jetzt noch so wenig gepflegt ist, hat die Verfasserin mit ihrem Referat erfüllt. Es ist eine schwere soziale Pflicht, die wir hier zu übernehmen haben und von der unsere Altvordereu auch kaum eine Ahnung gehabt haben. Dies darf uns aber nicht entmuthigeu, sondern muß uns vielmehr darin bestärken, de» rechten Weg und die rechten Grundsätze zu suchen, wie diesem bisher in Israel unerhörten Mißstande wenigstens nach Möglichkeit abgeholfen werden kann. Denn mit Recht sagt ein hervorragender Denker: Die Gefühle der Menschenliebe helfen nichts ohne Grundsätze, und Grundsätze nichts ohne Gefühle. Das Gefühl für die Armuth und das Unglück, in welcher Gestalt es auch vor uns treten möge, ist in Israel von jeher heimisch gewesen. Es muß nun aber fortan unsere Aufgabe sein, die Grundprinzipien moderner Fnrsorgethätigkeit mit unseren alten schönen Traditionen in einen harmonischen Einklang zu bringen. Are Woche. Berlin, 19. Juni. ie verschiedenen kleinen Gruppen der antisemitischen Partei zeigen in jedem Augenblick eine andere Konstellation. Man muß sehr aufpassen, um stets rm knit zu sein. Gegenwärtig ist eine Allianz zwischen den Christlichsozialen und Deutschsozialen, also zwischen Stöcker und Lieberrnann v. Sonnenberg, hergestellt. Aus der am 6. d. M. hier abgehaltenen, von 60 Vertretern aus Berlin und dem Reiche besuchten christlichsozialeu Parteikonferenz sprachen Stöcker und Liebermann v. Sonnenberg über das geplante gemeinsanle Vorgehen, worüber Uebereinstimmung erzielt wurde. Ohne an eine Verschmelzung der beiden Parteigruppen zu denken, wird man sich in einer Anzahl westlicher Wahlkreise (es wurde insbesondere Hagen genannt), wo es nach Lage der Verhältnisse angezeigt erscheine, gegenseitig unterstützen. In konservativ besetzten Wahlkreisen will man jedoch grundsätzlich nirgends Vorgehen. In einer späteren vertraulichen Konferenz wurden die näheren Einzelheiten besprochen. Wie das „Volk" berichtet, hatte Liebermann v. Sonnenberg a. a. ansgeführt, daß die grundsätzliche Stellung der Christlichsozialen und der Dentschsozialen gerade in sozialer Hinsicht immer übereinstimmender geworden, da seine Partei nichts mehr davon wissen wolle, eine „Nichts-als-Mittelstandspartei" zu sein. — Herr v. Liebermann hat sich also bekehrt; früher war er sogar stark antisozial. * Der „Hilfsverein der deutschen Juden" ist den Antisemiten stark in die Glieder gefahreil. Sie werfen die bescheidene Frage auf, „ob dies Treiben der Juden an den maßgebenden Stellen ruhig mit angesehen wird", und argumentiren sodann in folgender Weise: „Die Betheiligung cm dem Freiheitskampfe unserer niederdeutschen Volksgenossen in Südafrika wurde für deutsche Männer nicht nur möglichst verhindert, sondern sogar, wo thunlich, unter Strafe gestellt; daß aber in Deutschland wohnende Juden, selbst solche, die in amtlicher Stellung sind, jahraus, jahrein ihre ausländischen Stammesgenosseu gegen die Regierungen und Fürsten ihrer Wirthsländer verhetzen. wie z. B. gegen den Hohenzollernherrscher in Rumänien, wird bei uns, wie es scheint, geflissentlich übersehen, trotzdem es doch bekannt ist, daß jüdische Wühlereien z. B. in der Türkei schon arge Verstimmung he r v o rg er nf en haben."

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