Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-21 · Heft 25 (21.6.1901) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 25 (21.6.1901)
Date
1901-06-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228445--57655-3294048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

65. Jahrgang. Nr. 25. Berlin, 21. Juni 1901. eitung des Zudenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson-Vorm. Verlags-Expedition: Gerlin, Jernsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthuuiö", Berlin 8W, Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. ÄllHüH. Leitartikel: Soziale Schäden. — Die Woche. — Verein jüdischer Neligionslehrer Westpreußens. — Brief anS Budapest. Von Bola Toth. — Die Kindersterblichkeit bei den Juden. Von Dr. med. Moses in Liegnitz. — Julius Rodenberg. Von Regina Neisser. — Eugene Manuel. II. Von O. Neuschotz de Jassy in Paris. — Feuilleton; Die Königsbraut. XXV. Historische Erzählung von Carola Buchheim. Der Gemeirr-ebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Memel, Königsberg i. Pr., Gnesen, Königsdorff-Jastrzemb, Hamburg, Bochum, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. — Sprechsaal. Kostale Schaden. Berlin, 18. Juni. (Z^^ie Anwendung des Fürsorge-Erziehungsgesetzes auf jüdische Verhältnisse hat die allgemeine Aufmerksamkeit von neuem auf einen Mißstand gelenkt, der scharr seit einiger Zeit die Sorge vieler Menschenfreunde bildet. Von allen Seiten wird ja über die zunehmende Jmmoralitüt geklagt, und wir Inden haben um so mehr Grund zu dieser Klage, je größer und tiefer die Sittlichkeit gewesen ist, die bisher irr inseren Kreisen herrschte. Es ist leicht zu sagen, wie es von orthodoxer Seite gechieht, daß der Mangel an Frömmigkeit die Hauptnrsache sei, welche die immer zunehmende Unsittlichkeit veranlasse. Mit Recht wird dagegen eirigeweridet, daß gerade in jenen Ländern, in welchen die strengste Orthodoxie herrscht, sehr augenfällige Erscheinungen dagegen sprechen, daß die abnehmende Frömmigkeit die zunehmende Jrnnroralität bedinge. Der Israelitische Hilfsverein irr Frankfurt a. M., der schon manches Ersprießliche geleistet, hat sich nun in letzter Zeit mit dieser Frage beschäftigt, und es liegt uns ein vortreffliches lieferst vor, das die bekannte Schriftstellerin Fräulein Bertha Pappenheim verfaßt hat. Wir folgen den Ausführungen der geistvollen Dame, indem wir den Lebenslauf eines solche» Geschöpfes, über das die satte ungeprüfte Wohlanständigkeit den stab bricht, betrachten. Es sei uns aber dabei erlassen, das Milieu zu schildern, in dem das Kind zur Welt kam. Körperlich ungepflegt nehmen die Sinne nur Wahrnehmungen auf, die der gesunden Entwickelung des Kindes nach jeder Dichtung hin hinderlich sind. Die Schlafräume sind überfüllt, und das Ringen zur Existenz und um die Existenz spielt mH als einziger Lebensinhalt vor dem Kinde ab. Wie es um ilnterricht und Ausbildung, um Erziehung und Beaufsichtigung bestellt ist, kann sich Jeder denken; es geschieht nichts, aber auch absolut nichts, um den Anforderungen zu genügen, die das Leben späterhin unweigerlich stellt. Was der Staat in Deutschland bietet, ist der Schulzwang bis znm 14. Lebensjahre. Daß in diese»: Alter ein Mädchen geistig reis zur Selbstbestimmung und erwerbsfähig sein kann, wird Niemand ernstlich behaupten, und doch ist mit dein zurückgelegten 14. Lebensjahre gesetzlich das Schutzalter für Mädchen überschritten, und in tausenden von Fällen tritt im selben Augenblick auch die Nothwendigkeit des Broderwerbes an das Mädchen heran. Aber selbst wenn man auch die günstigeren Fälle nimmt, in denen den Mädchen eine Lehrzeit zugestanden wird als Näherin, Schneiderin, Ladenmädchen n. s. w., auf allen Erwerbsgebieten, von der Fabrikarbeiterin bis zur Lehrerin, ist die Arbeit bei gleicher Leistung noch immer viel schlechter bezahlt als die des Mannes. Es giebt Lohnsätze und Gehälter, die geradezu empörend sind. Wenn nun ein nach jeder Richtung schwaches, mangelhaft erzogenes, ungenügend vorgebildetes Mädchen bemerkt und erfährt, daß es ein Gewerbe giebt, das ihr mühelos ein sorgloses und bequemes Dasein unter verlockenden Aeußerlichkeiten bietet, da ist es nur zu begreiflich, wenn es auf Abwege geräth, und es ist dabei gleichgiltig, ob dieses Mädchen in Whitechapel, in einem galizischen Dorfe oder in einem Berliner Hinterhause zur Welt gekommen ist. Für die galizischen Mädchen liegen ja die Verhältnisse noch viel schlechter, da es dort keinen Schulzwang giebt, nnd der Unterricht, soweit derselbe überhaupt ertheilt wird, ganz planlos ist. Dazu kommt noch, daß die Mädchen im Kindesalter oft schon verlobt werden. Empfinden sie dann heranwachsend eine»: Widerwillen gegen den ihnen bestimmten Mann, so nehme» sie entweder die Zuflucht zur Taufe, wie wir das in letzter Zeit so oft gehört haben, oder sie laufen in die weite Welt, um endlich ans illegalem Wege demselben Schicksal zu verfallen, dem sie unter legaler Form zn entrinnen hofften. Von dieser durchaus zutreffenden sozialen Begründung jener traurigen Erscheinungen kommt nun die Verfasserin jenes Referats zu praktischen Vorschlägen. Es ist von Interesse, daß sie diese durch ein Gespräch einleitet, das sie vor einigen Jahren mit einer Diakonissin, der Oberin eines Borasyls, hatte. Mit heimlicher Genugthuung über die Antwort, die sie voraussichtlich erhalten würde, fragte sie die Schwester, ob sie auch oft jüdische Mädchen unter ihren Schutzbefohlenen habe. Die Antwort lautete: „Nein, sehr selten. Die jüdischen Gemeinden sorgen meist selbst für ihre Leute. Früher kam es garnicht vor, jetzt häufiger, daß jüdische Mädchen zu den Gefallenen zählen. Wenn wir aber ein jüdisches Mädchen bekommen, ist es schlimmer als die Anderen, dann ist es direkt wie vom Teufel besessen." Diese Worte haben die Fragerin furchtbar erschüttert,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.