Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 straße 118 berufene Versammlung zur Begründung eines Vereins zum Betriebe der jüdischen Arbeiterkolouie in Weißense,e bei Berlin war von ca. 30 Teilnehmern aus Berlin und von änslpärts besucht. Professor Philippson entwarf nach eitler kurzen Begrüßung der Erschienenen ein Bild von dem aus dem Gebiete des Fremdenu,»tei> stühnngswesens herrschenden Mißständen, die ziir Einsetzuilg der Kommission und zur Begründung der Arbeiterkolonie geführt haben. Die Bedürfuißsrage wird durch Anführung der namentlich bei der Armenkommission der Berliner Gemeinde, dem Berliner Bureau für Arbeitsnachweis und bei der Fürsorgekvmmissiou für entlassene Strafgefangene täglich vorliegender Fälle dargethan, in denen es unmöglich ist, arbeitsfähige und arbeitswillige Bittsteller anders als durch Gewährung eines Almosens und durch Weitersenden zu unterstützen. Er giebt eine knappe Schilderung der zweckmäßigen Einrichtung der Bauten, deren Pläne vorher den Interessenten durch Herrn Maurermeister Adler vorgeführt werden. Die Bedeutung der Arbeiterkolonie gegenüber den so zahlreichen jüdischen Wohlthätigkeitsiustituten besteht darin, daß sie nicht für die Linderung einer Einzelform der Nothlage bestimmt ist, sondern vorbeugend wirkt. Den wohlthätigen Charakter haben die Staatsbehörden durch jede mögliche Förderung des Unternehmens, insbesondere durch Anerkennung der Arbeiterkolonie als milde Stiftung gewürdigt. Die Begründung eines besondern Vereinszum Betriebe der Arbeiterkolouie sei dadurch geboten, daß der D. I. G. B. für sich nicht über die Mittel des auf ca. 10 000 Mark jährlich berechneten Instituts verfügt, anderseits sichern ihm die zur Annahme vorgeschlagenen Statuten denjenigen Einfluß, den es der den Staatsbehörden und der gegenüberliegenden Körperschaft besitzen muß. Er spricht zum Schluß die Hoffnung aus. daß im erhofften Falle des Gelingens das Berliner Beispiel Nachahmung finden wird. Herr Nosenstiel bespricht die Erfolge, die von christlicher Seite auf dem Gebiete der Arbeiterkolonie im 52 Anstalten erzielt worden sind und schildert namentlich den Betrieb der Berliner Arbeiterkolouie in der Reinickendorserstraße. Er legt eine Anzahl Fabrikate vor, deren Herstellung auch von ungeschälten Arbeitern in wenigen Stunden erlernt worden ist. Sodann bespricht er den Zweck des mit der Arbeiterkolouie verbundenen Asyls, das durch Einwirkung im Sinne einer zweckmäßigen Dirigirung der Emigranten segensreich wirken solle. Außerdem sprachen noch die Herren Hallgarten. Tuch, Dr. Eschelbacher, Sachs, Adler und Dr. P. Nathan meist zustinnnend zur Sache. Die voll so vielen Sachverständigen dnrchberathenen Statuten empfiehlt letzterer zur en bloe-Annahrne mit der Maßgabe, daß ein neuer § 18 hinzngesügt werde, der zur Vornahme etwaiger kleiner sich als nothwendig herausstellender Statutenänderungen eine Kommission vorsieht. Nachdem der Vorsitzende die als Vertreter von Korporationen anwesenden Herren darüber beruhigt hat, daß sie durch ihre Zustimmung ihre Korporation nicht verbinden, gelangen die Statuten zur einstimmigen Annahme. Damit ist der Verein zum Betrieb der Arbeiterkolonie und Asyl in Weißensee begründet. Eine vom Vorsitzenden verlesene Liste von 12 Vorstandsmitgliedern, die gemäß §3 der Statuten auch Mitgliederdes Ausschusses des D.J. G. B. umfaßt und folgende Namen enthält: Professor Dr. Philippson, Neutier Eng. Nosenstiel, Marcus Adler, Dr. Paul Nathan, Rechtsanwalt Dr. Landau, Fabrikant Moritz Rosenow, Theodor Lustig, Louis Sachs, Rechtsanwalt Lilienthal, Jlia Ber, Charles Hallgarten aus Frankfurt a. M., Martin Simon, Siegnnmd Bergel, wird gleichfalls einstimmig angenommen. — Am 10. d. M., fand im .Bürean des D.»J. G.-B. die konstitnirende Sitzung des Vorstandes des neuen Vereins statt. Herr Rentier Eng. Rosenstiel wurde zum ersten, Herr Fabrikant Moritz Nosenow zum zweiten Vorsitzenden ernannt; Herr Bergel zum ersten, Herr Jlia Ber zum zweiten Schriftführer; Herr Lustig zum ersten und Herr Marcus Adler zum zweiten Schatzmeister. Es wurden die vorbereitenden Maßnahmen für die im Spätsommer zu beginnende allseitig^ Propaganda beschlossen. Die Eröffnung der Arbeiterkolonie ist zum 1. November d. I. in Allssicht genommen. 22 Berlin, 10. Juni. Das hiesige orthodoxe Rabbinerfeminar versendet soeben seinen 28. Rechenschaftsbericht. Die Anstalt wurde im Berichtsjahre von 52 Hörern besucht, darunter 39 aus Deutsch» land; außerdem war eine Anzahl von Hospitanten zur Theilnahnw an einzelnen Vorlesungen zugelassen. Die innere Organisation hat die Veränderung erfahren, daß seit Beginn des vorigen SommersemesterS die Oberabtheilung in zwei Coeten getherlt und in jeder derseln gesonderte Talmud-Vorlesungen gehalten wurden. Diese Neueinrichtung, welche sich bereits bewährt hat. soll allmälig dahin erweitert werden, daß das Seminar anstatt der bisherigen zwei Klassen drei Muter-, Mittel- und Oberklasse) enthalten wird. Obwohl diese Erweiterung der Lehrtätigkeit' eine Steigerung der materiellen LeistliHgspflichten zur Folge hatte, und die Ausgaben die Höhe von 43139.14 Mark erreicht haben, ist dennoch bei einer Gesammteinnahme von 51 423.71 Mark ein größerer Ueberschuß zn verzeichnen als im Vorjahre. Die Anstalt dankt diesen Erfolg ihren Freunden, denen sich ein Kreis neuer Wohlthäter zugesellt hat, welche durch Jahresbeiträge (insgesammt 23 243.71 Mark) oder durch einmalige Schenkungen Ihre Sympathien für das Seminar bekundet haben. 22 Berlin, 11. Juni. Das Stipendium der von dem zu Berlin verstorbenen Geheimen Medizmalrath Professor Dr. med. Joseph Meyer testamentarisch begründeten Juli n s-Adelheid-Stifturi g im Betrage voll 240 Mark soll für das Studienjahr 1. Oktober 1901/1902 an einen talentvollen, würdigen und bedürftigen StndirendenjüdiI ch en Glaubens des Baufaches verliehen werden. Geeignete Bewerber werden aufgefordert, ihre Gesuche bis zum 15. Juli all das Kuratorium der Stiftung, zu Händen des Geheimen Regierungsraths, Professor E. Jacobsthal. Charlottenburg, Berlinerstraße 151, einznreicheu und beizusügen: einen kurzen Lebenslauf, eine Urkunde, daß Bewerber jüdischen Glaubens ist, ein amtliches Bedürftigskeitsattest mit spezieller Angabe der Vermögensverhältnisse des Bewerbers, ein Führungs-Attest von der Technischen Hochschule, ein Zeugniß über Fleiß und Fortschritte während des Studiums. 22 Berlin, 10. Juni. Als antisemitische Bade-, Kur- und Erholungsorte sind bisher bekannt geworden: Borkum, Juist, Amrum, Zinnowitz, Heiligenhafen. Sellin. Lakolk auf Nöm, Craal bei Nibnitz, Bansin, Drittels Strandhotel in Swinemünde, Besitzer Wilhelm Gergs und Peter Nothhafen bei Swinemünde, Insel Wilna bei Rügen, Augustusbad bei Nadeberg, Müritz, Eehlberger Mühle (bei Oberhos in Thüringen), Großtabarz in Thüringen. Kurhaus Oberweiler im Schwarzwald, Hofhaus in Schliersee, Ruhpoldig in Oberbayern, Trantheim bei Nieder-Ramstadt im Odenwald, Grendelbrnch im Unterelsaß, das Pensionat am Franenkloster am Ottilieuberg. Luft- und Wasserkurort Einöd bei Friesach in Obersteiermark, Ettlingerweiler und Brnchhansen (Bad. Schwarzwald), Metlisalp (Berner Oberland), St. Johann bei Heiden in Appenzell, Gaisenstein, Inner Bartholoniä und Bandans in Montavon (Vorarlberg), Oberalldorf und Kiefersfelden a. Inn, Gasthof zur Gräfin in Kufstein, Hinterriß (Bayern) Forsthans, Walchfee, Langhampfen, Oberbozen,Mezzolombardo (Rest. Gröbuer), Nensch bei Bozen, Cafe Schgraffer in Bozen, Sermione a. Gardasee (Hotel Pronlassi sposi), Kitzbühel in Tirol, Hotel Schröder, gen. Villa Flora in Neuenahr. Ligan bei Dresden, Mieders im Stubbaithal. Eine eventuelle Vervollständigung respektive Berichtigung dieser Liste wäre sehr dankenswerth. --- Berlin, 7. Juni. Herr Hans Behring er, Eeschäftsleiter des „Vereins zur Bekämpfung der Thierquälerei", fordert bekanntlich die deutschen Inden auf, eine Erklärung gegen das Schächten zu unterschreiben. Dies Gebühren bezeichnete ein Jude in Berlin, der auch diese freundliche Aufforderung erhielt, in seiner Antwort als „Niederträchtigkeit". Das schmeckte wieder dem Herrn Thierschützler »licht. Er klagte, wurde aber vom Schöffengericht abgewiesen, weil der Angeklagte in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe lind nach Z 193 N. - St. - B. sreiznsprechen sei. Mall möge nur überall das Ansinnen des Herrn Behringer energisch abfertigen. Potsdam, 6. Juni. Das Schächtverbot ist vom hiesigen Magistrat in seiner gestrigen Sitzung abgelehnt worden. Die Stadtverordnetenversammlung hatte im vorigen Monat mit großer Mehrheit beschlossen, ein Verbot des Schächtens auf dem Potsdamer Schlacht- und Viehhos durchzuführen. Aber der Oberbürgermeister Zähne hatte sich schon damals entschieden gegen die geplante Maßnahme ausgesprochen und hat es jetzt durchgeseht, daß das Magistratskollegium mit acht gegen sieben Stimmenden Beschluß der Stadtverordneten verworfen hat. Der dadurch entstandene Konflikt wird im Verwaltmrgs-Streitverfahren gelöst werden müssen. 2« Könitz, 10. Juni. Der „Fall Studinski". den die antisemitischen Nebenrichter in der Winterschen Mordaffäre konstruirt hatten, ist ins Wasser gefallen. Die in Könitz erscheinende „Ostdeutsche Tageszeitung" schreibt darüber: „Bekanntlich war von den Antisemiten