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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-14 · Heft 24 (14.6.1901) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 24 (14.6.1901)
Date
1901-06-14
Page
Seite 288 (sequence 14)
Language
German
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S88 Krone ' Niedrrzulegen und sich dem Urtheile eines Schiedsgerichtes zu unterwerfen, das aus den Häuptern der Versammlung, aus den angesehensten Männern Polens besteheil sollte. Dann aber wollten sie ihn demüthigen, den stolzen Boleslav, dann wollten sie Rache nehmen für das vergossene Blut ihrer Brüder, und auf den Knien mußte er sie dann um Gnade anflehen, und wahrlich, eine Gnade sollte ihm werden, die er sich nicht erträumt hätte auf seinem stolzen Throne, und die nur eine gelinde Strafe wäre für alle seine Verbrechen, denn die Zahl derer war groß, und jedes einzelne davon erforderte schon die härteste und grausamste Vergeltung. Und war er selbst grausam genug gewesen und hatte das Blut edler Polen nicht geschont, so sollte er dies jetzt schwer büßen; und die letzte Missethat, die er begangen, die mußte ihm auch die Strafe des Himmels zuziehen, denn das vergossene Blut des unschuldig hingemordeten Bischofs schrie zum Himmel empor um Rache. Und sie gedachten nicht all des Leides, das Jener dem Könige zugesügt, vergaßen die Schmach, mit der er sein Haupt bedeckt, indem er ihn ausstieß aus der Versammlung der Gläubigen. Das Bild Stanislaus' thronte vor ihren Augen, umgeben von dem Strahlenglanze der Heiligkeit, und sein Haupt bedeckt hon der Dornenkrone des Märtyrertodes. Und sie wußten die That, die der rasende König begangen, mit allen Zeichen des Schreckens und des Grauens zu umgeben und entrollten vor dem Auge der fanatisch erhitzten Menge schauerliche Bilder der göttlichen Rache, von der ein Volk betroffen werden mußte, das einen Mörder auf dem Throne duldete, einen Mörder, der nicht zurückgeschreckt vor der Majestät eines Gotteshauses, der seine frevle Hand erhoben gegen eineil Gottgeweihten, in seiner tollen Raserei nicht znrückgeschaudert vor dem Gräßlichsten, vor dem Morde eines heiligen Mannes! Und das Volk, dessen heftige Leidenschaften schon angefacht waren durch die aus gestandene Pein und Noth während der Zeit des Bannes, entbrannte in wildem Zorn und toller Raserei. In allen Straßen der Stadt wogten die erregten Massen und besprachen das blutige Ereigniß, und überall, wo sich Leute aus dein Volke zu einer Gruppe vereinigt hatten und alle Einzelheiten des entsetzlichen Geschehnisses diskutirten, tauchten Leute auf, die man sonst unter dem Pöbel nicht zu finden gewohnt war. (Forts, folgt.) Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! u der wenig erquicklichen Auseinandersetzung über das angebliche Verhalten des seligen Dr. B. anläßlich der Bestattung Abr. Mapus möge dem Unterzeichneten, einem geborenen Königsberger, folgende Bemerkung gestaltet sein. Vielleicht trägt sie einiges zur Aufhellung dieser heiklen Angelegenheit bei. Meiner Meinung nach ist weder die Entrüstung des Mapu- Biographen, noch die des Herrn Dr. Deutsch am Platze. Die ganze, Angelegenheit will ans den lokalen und damaligen Zeitverhältnissen heraus verstanden und beurtheilt werden. In jener Zeit kamen während der Sommermonate Hunderte von kranken russischen Glaubensgenossen nach Königsberg, um bei den dortigen Aerzten Hilfe und Rettung zu suchen. Ein großer Prozentsatz dieser Patienten starb daselbst, und in mancher Woche gab es drei und mehr solcher Beerdigungen. Diese gingen zumeist in aller Stille vor sich; nur bei einem besonders ausgezeichneten Manne betheiligte sich in größerer Anzahl die russisch-polnische Kolonie, die z. Z. etwa 150 Familien stark war. Der Rabbiner der großen deutschen Gemeinde wurde in solchen Fällen nie zugezogen. Was sollte er da auch? Seine Anwesenheit war weder nöthig noch erwünscht. Die Klnst in der religiösen Lebensanschauung zwischen dem deutschen und dem damaligen russischen Glaubensgenossen war zu groß, als daß der letztere nach dem Trost des „deutschen Naw" begehren sollte. Schon das Ornat des Geistlichen störte ihn. Als nun Mapu dort starb, war das Verhältniß auch nicht anders. Es starb ein fremder Glaubensgenosse, der dort Heilung suchte, weiter nichts; er starb so und mußte so beerdigt werden wie hundert andere Fremde, die jedes Jahr dort sterben. Daß es Abr. Mapu war. ändert an der Sache nichts. Man denke sich nicht etwa, daß desseu Heimgang bei den Königsberger Glaubensgenossen irgend welche Aufregung verursacht hätte! Wo sollte sich da auch eine besondere Theilnahme bemerkbar machen? Unter den deutschen Israeliten Königsbergs gab es in jenen Tagen wohl kaum einen einzigen, der je etwas von Mapu vernommen haben könnte. Es ist mit einer gewissen Sicherheit anznnehmen, daß selbst Dr. B. bis dahin von ihm kaum Näheres wußte. Er kümmerte sich in der ersten Zeit herzlich wenig um russische Maskilim. Die Mitglieder der russischen Kolonie aber, die in jener Zeit noch konservativer waren als selbst die Konservativsten in Rußland, diese hat sicherlich der Tod des Mannes, dessen Werke bei ihnen auf dem Index standen, noch weniger gerührt. Ich selbst kann mich auf diese Angelegenheit nicht mehr besinnen; ich kann darum auch nicht sagen, ob man Dr. B. um eine Leichenrede überhaupt ersucht, oder ob er seine Mitwirkung von einem bestimmten Honorar abhängig gemacht hat. Doch scheint letzteres für den Kenner der damaligen Königsberger Verhältnisse in hohem Grade unwahrscheinlich. Wer sollte B. um dessen Mitwirkung bei der Beerdigung Mapus ersucht haben? Nach meinen obigen Darlegungen konnten es weder bedeutende Mitglieder der großen Gemeinde noch solche aus der russischen Kolonie gewesen sein. Jene kannten ihn gar nicht, und Diese wollten ihn nicht kennen. Und die paar Verehrer, die Mapu innerhalb der russischen Kolonie, vielleicht hatte, oder gar desseu Angehörige: sollte Diesen gar so viel all einer deutschen Trauerrede gelegen haben, daß sie Dr. B. darum ersuchten. Das ist bei der damaligen Anschauungsweise der russischen Glaubensgenossen, auch der Maskilim, kaum anznnehmen. Wer hätte denn übrigens an der Bahre Mapus, wenn er in Kowno beerdigt worden wäre, ihm den Nachruf gewidmet? Rabbi Jizchok Elchanan nicht, und der dortige Stadt- Magid sicherlich auch nicht, und da sollte ihm in Königsberg unter allen Umständen vom Stadtrabbiner der Hesped gehalten werden! Ich denke mir den Vorgang einfach so: irgend Jemand, vielleicht ein russischer Student, mag B. vom Tode Mapus in Kenntniß gesetzt und beiläufig bemerkt haben, daß bei der Bedeutung des Hillgeschiedenen als Hebraist und Förderer der Aufklärung es allgemessen wäre, ihn durch eine feierliche Rede zu ehren. B. aber schien wahrscheinlich der Fall nicht wichtig genug, zumal sonst seine Reden von den russischen Glaubensgenossen nicht begehrt wurden, und auch hier die maßgebenden Kreise sich nicht dafür interesstrten, und lehnte es ab. Hierzu mochte ein russischer Witzling die Bemerkung gemacht haben: Hättet ihr B. 25 Thaler — Mark gab es damals noch nicht — angeboten, er würde schon eine seiner schönsten Reden vom Stapel gelassen haben. Daraus ist nun später durch verschiedene Entstellungen die Notiz in Mapus Biographie geworden. Das ist allerdings nur eine Vermuthung von mir. Die Sache kann aber auch anders sein. Am besten wäre es ja, wenn ein Augenzeuge sich fände, der damals diese Angelegenheit mit erlebt hat. Meines Wissens giebt es heute in Königsberg Keinen mehr, der darüber Aufschluß geben könnte. Vielleicht aber läßt sich der ganze Vorgang durch den damaligen Korrespondenten des „Hamagid", der in Nr. 41. Jahrgang 1867 dieser z. Z. viel gelesenen hebräischen Zeitschrift Mapu einen Nachruf widmete, aufklären. Es war ein Kandidat der Medizin Jehuda Aronsohn. Wenn ich nicht irre, ist dieser Herr heute noch praktischer Arzt in Garsden, einem kleinen russischen Städtchen in der Nähe von Memel. Waldenburg i. Schl., 20. Mai. Jacob Nähr. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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