Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 287 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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287 mit der er sich alles dessen in seinen poetischen Schöpfungen bemächtigt, was veredelnd und gesittend auf die Leser wirken kann. In allen seinen von ethischen Motiven durchtränkten Gedichten bin ich einem einzigen begegnet, das in den „Images intimes" vereinzelt, fast episodisch dasteht, und in dein der Dichter eigenartige, seiner Muse unbekannte Accorde anschlug. Dieser Umstand wirkt um so befremdender, als dies Gedicht — eine schwarze Perle unter so vielen grauen — ein jüdisches Motiv zum Vorwurf nimmt. Wüßte ich nicht, daß es der Leier Manuels entstammt, ich hätte es Lord Byron zugeschrieben. Das Modell, in dem das Antike mit dein Modernen bald ineinander aufgeht, bald in ihren eigenthümlichen Gegensätzen sich abwechseln, entlehnt den jüdischen Weisen des großen Briten die Wucht der Sprache und, mit den packendsten Bildern, die prächtigsten Farben. Was jedoch den Schmelz der Dichtung ansmacht, ist die Echtheit der Empfindung. (Schluß folgt.) Me Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XXIV. Jaromir war an das Fenster hingetreten und folgte mit den Blicken dem rasch dahinschreitenden König, während der alte Kanzler sich zu dem Altäre hinbegab, der in einer Ecke des Gemaches stand, und seine Augen mit inbrünstig flehendem Ausdruck erhebend, bewegte er die Lippen zu heißem Gebete: „Herr, laß gnädig dein Antlitz leuchten meinem König und Herrn und erbarme dich seiner und sei ihm gnädig, indem du von seinem Herzen die schwere Pein hinwegnimmst, die ihn bedrückt." In glühender Erregung saltete er die Hände zusammen. „Erhöre das Flehen eines Greises! Du weißt, mein Gott, ich flehe nicht für mich. Was verlange ich noch vom Leben? Ich bin alt und hinfällig, und meiner Tage sind nur inehr wenige auf dieser Erde, aber für meinen König erflehe ich deine Hilfe, o Herr! Erbarme dich seiner und erleuchte ihn! Und erweiche das harte Herz deines Dieners, des Bischofs Stanislaus, auf daß endlich Friede werde im Polenreiche und Heil unserem Könige." Unterdessen war Boleslav vor der Kirche zum heiligen Michael angelangt. Er wollte eintreten, allein die Thür war verschlossen. „Eilt zum Meßner," gebot er einem der Knechte, „daß er die Kirche öffne. Sag ihm, der König sei da und wolle die Messe hören," Nach einer Weile hörte inan aus dem Inneren der Kirche Schritte, die sich dem Eingänge näherten, und im nächsten Augenblick that sich die Kirchenpforte weit auf. „Sage dem Bischof," rief Boleslav dem Meßner zu, der bei dem Anblicke des Königs entsetzt zurückgewichen war, „der König sei da und verlange die heilige Messe zu hören!" Der Meßner hatte sich mehrere Male bekreuzigt, dann ging er in das Innere der Kirche zurück, aus dem man leise gemurmeltes Gebet vernahm. „Ihr möget eintreten, Herr König, so vermeldet Euch dch Bischof, sofern Ihr gesonnen seid, Bnße zu thun." , „Was Buße thun? Wer soll Buße thun? Ich, der König von Polen?" schrie Boleslav grimmig auf; dann wandte er sich an einen der Knechte. „Geh' in die Kirche und sag' dem Bischof, der König voll Polen sei gekommen, um die Messe zu hören!" „Herr König," kam es bebend von den Lippen des Reisigem „der Bischof steht vor dem Altäre; ich wag' es nicht!" „Hölle und Teufel!" fluchte der König. „Geh' und vollführe meinen Auftrag!" Zitternd gehorchte der Krieger, und mit verstörtem Antlitze und schlotternden Knien kam er aus der Kirchenpforte. „Wenn Ihr Buße thun wollt und Euch in Demnth neigen, so möget Ihr eintreten!" „Geh Du hinein," unterbrach ihn Boleslav, sich an eineu Andern wendend, „und sage dem Bischof, König Boleslav sei nicht gekommen, um Buße zu thun und sich in Demnth zu neigeu. Er sei da, um die heilige Messe zu hören!" „Herr, ich fürchte den Zorn des Himmels," stammelte der Diener. Boleslav hatte den Arm erhoben, und mit einer gebietenden Bewegung zeigte er nach der Kirche hin. Bleich vor Augst war der Knecht hineiugegangen. Aber als er zurückkam, da schien alles Leben aus ihm gewichen, und kalter Angstschweiß bedeckte seine Stirn. „Herr König," kam es bebend aus seinem Munde, „der Hochwürdige läßt Euch sagen, er lese für Euch keine Messe, denn Ihr seid ein Ketzer!" Mit einem Ruck hatte der König die Knechte Hinweggestoßen. „So will ich mir selbst Recht verschaffen, und er soll mir Rede stehen!" Und den rechten Arm mit dein breiten Königsschwerte hoch emporgehoben, stürzte er in die Kirche hinein. „Hebe Dich hinweg, Satan!" schrie der Bischof, als er den König gewahrte, der da gleich einem Racheengel »ist dem flammenden Schwerte vor ihm erschien, „weiche Beelzebub!" „Schweig, verruchter Pfaffe!" schrie der König. „Hinweg, hinweg!" rief der Bischof, indem er sich mit aus-- gebreiteten Armen vor den Altar hinstellte, „hinweg und schände nicht das Gottgeweihte durch Deinen ketzerischeil Anblick, Verruchter!" „So will ich es mit Deinem Blute schänden," schrie in wilder Raserei der König und bohrte sein Schwert tief in das Herz des Bischofs. Hoch auf spritzte ein Blutstrahl aus dem Munde des zu Tode Getroffenen und färbte die Stufen des Altars. Mit Blitzesschnelle hatte sich das Gerücht voll dem Tode des Bischofs verbreitet und wie vom Winde getragen die Stadt durcheilt und hatte im Herzen des Volkes fürchterliche Erregung hervorgerufen. Die abtrünnigen Vasallen hatten schnell eine geheime Versammlung einbernfen, um ihre Maßregeln zu treffen und geeignete Schritte zu unternehmen, der peinlicheü Lage ein Ende zu bereitem V; Vor allem wollten sie daran gehen, unter den Ihren .chn Oberhaupt zu wählen, das sich an die Spitze -der Mißvergnügten stellen sollte und den König zwingen müßte, Vis