Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 286 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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M-- dessen Lebeiisberechtigung durch die mannigfachen Irrfahrten der Jahrhunderte: die Familie. - Ist nun diese der Ausgangspunkt seiner ethischen Weltanschauung, so wird er naturgemäß mit der biblischen Grundidee deS Decalogs, mit dem „Ehre Vater .und Mutter" beginnen, um von diesem Elementarprinzip her Moral zniu Altruismus in seinen verschiedenen Formen und Schattirnngen überzugehen, dem „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Doch mag er hier tiefere, vollere Akkorde auschlageu, seine kindliche Pietät wird die sittliche Basis seiner Gefühlswelt bilden. Ja, über das „ehre" wird er das „liebe" deine Eltern stellen und somit ans dem „Soll" der nothwendigen Tugend das „Mag" eines innigen Gefühls herausbilden. — Diese kindliche Liebe, die zur Verehrung wird, machte das Glück und die Wonne des Dichters aus. Und da das höchste Glück bekanntlich keinen Laut findet, wird er jedem andern eher als diesem Gefühl Ausdruck zu geben vermögen. In der That, der Dichter, der für die belebte und unbelebte Natur, für Freunde und Fremde, für das häusliche Glück und die junge, sein Haus erheiternde Gattin Laut und Ton, Vers und Reim findet, schien unfähig, seine Mutter zu besingen. Für sie versagte ihm die Muse den Dienst, für sie hatte er nur Liebe und Zärtlichkeit. O, Mutter!... Dieses Wort entmuthigt meine Muse, Alltäglich leid' ich drin», und geh' sie an alltäglich — Umsonst ist mein Bemüh'», die Saiten bleiben stumm! Und doch! Mein Herz ist voll von Liebe! Aber sagen Kanu s dir mein Blick nur und mein Lächeln, Die Arme können's, meine Lippen und mein Kuß. Diese Mutter muß eine außerordentliche Frau gewesen sein. Der Dichter selbst spricht stets mit der größten Verehrung von ihr. Sie hat ihn in die Ideenwelt der biblischen Satzungen eingeführt und ihm die Welt der Sagen und Sprüche der Weisen mit einer solchen Kraft der Ueberzengung, mit so viel Liebe und Sanftmuth erschlossen, daß sie dem Dichter bis ins hvhe Alter ein Leitfaden durchs Leben geblieben sind. Diese Mutter war die Tochter eines berühmten Kantors, Israel Löwy, der in Böhmen, seinem Vaterlande, Präludirte, in Galizien und Oesterreich seine ebenso gewaltige als melodiöse Stimme hören ließ und sich schließlich nach seinen musikalischen Irrfahrten iu Paris niederließ, wo er Kantor wurde. Der Dichter hat diesem Säuger von Gottes Gnade« eitle seiner schönsten poetischen Seiten gewidmet. Der Tod des Leviten (le lövite) knüpst ml den jüdischen Brauch eine Erlnnerniig an de« Verewigte« und die Panegyrik desselben. Israel Löivy muß auch als Kantor in Paris der böhmischgalizischeu Tracht gehuldigt haben, denn der Dichter schildert uns seine Erscheinung: Voll» In togns än rienx tomps! . ^vso In I«I»6!i»x plls llntlrmls Oos reteusit »ne esintnr«: li'est n» paiili't'v, e'est »u r<>i! ll» reitet cks la srnuts I«I lllnnilne reite peiliture! Erhebend muß auch sein Gesang gewesen sein. puis II ebnntnit: ob! gnels neeenls! Oneis ti'imspnrts uanrekuix et puissants llu eil sublime au <!o»x iniirinnra! .lamais pour s'ölsvsi ä Oien, Im volx IiumLiiie, äu snint lisu, X«! mont» >>I»s grave et plus.p.ur«! . Aber Israel Lowh war nichfi nur 8er begeisterte und che, geisternde Sänger vor dem Gottesältäre; er war auch ein Meister shuagogaler Komposition, und noch heute werden in ganz Frankreich gesungen: 6es besux ru'rs gu'il «erlvsit ävse so» creue et sont gerne. H Der Vater des Dichters war, wie ich bereits angedeutet, ein hervorragender Arzt, aber so wohlthätig, daß er trotz einer großen und jahrelangen Praxis arm verstarb. Der Dichter selbst wurde im Jahre 1825 (15. Juli) geboren. Nach bestandenen Studien trat er als Lehrer in die Lyceen von Dijon, Grenoble und Tours (1848). In derselben Eigenschaft nach Paris versetzt, wurde er 1849 vom jüngst verstorbenen Staatsmann Jules Simon, damaligem Minister für Kultus und Unterricht, zum Chef seines Kabinets ernannt. Im September 1872 zum Inspektor der cke Paris ernannt, ward er sechs Jahre später Generalinspektor des öffentlichen Unterrichts, welches hohe Amt er bis zu seinem Tode bekleidete. Seine erste Gedichtsammlung erschien im Jahre 1866 nilter dem Titel „paZes intimes" und wurde von der ^eackäinie frkm^aise preisgekrönt. Was aber seinen dichterischen Ruf befestigte, waren seine „Ouvriers", ein Einakter in Versen, welcher im Jahre 1870 von der ersten Bühne Frankreichs, dem Hlöatre krao^ais, mit glänzendem Erfolge aufgeführt wurde und dann die Runde über die französischen Provinzialbühnen machte. Das Werk wurde von der -äcackömie fian^aise gekrönt, ivie denn überhaupt sämmtliche Werke Manuels den allerseits ersehnten Preis der Unsterblichen davontrug. Auf dem Gebiete der Didaktik hat er in Mitarbeiterschaft mit seinem Schwager Ernest Levi-Alvarss einige treffliche Schullesebücher herausgegeben. Was die Originalität Manuels ausmacht, ist nächst der Anmuth der Sprache die sittliche Tendenz seiner Dichtungen. Er war nicht der sinnbethörende, weltbewegende Dichter, er war kein Umstürzler des Bestehenden, kein Verkünder neuer Ideale, kein Schöpfer künftiger Gesellschaftsformen. Er sah nicht nur das Böse in den sozialen Verhältnissen, sondern auch das Gute, Edle. Und wo er das Böse fand, zürnte er nicht und drohte nicht; er tadelte nnd vernrtheilte es. Diesem Umstande, der ihn von so vielen der modernen Dichter unterscheidet, ist jener Hauch klassischer Ruhe zu verdanken, der in allen seinen Dichtungen weht, ist auch jene Liebe zuzuschreiben, ') In seinem Vorwort zu den im Jahre 1848 erschienenen Sy»cigoga>kompositionen Löwy? erzählt der Dichter, daß die Hervorragendsten Komponisten, Künstler und Sänger, Pak-r, Rossini, Talma, Martin, Elein Mars, Frau Catalani u. s. >v. iu die ärmlichen Synagoge der rne Ll-^voio zu pilgern pflegten, »in den jungen Kantor zu hören. Löivy, der bereits i» Deutschland eine musikalische Notorietät gewesen zu sein scheint — der Dichter sagt »ns, daß Maximilian Joseph, König von Bayer», und Friedrich, Großherzog von Württemberg, ihn beriefen, in» Haydn'sche und Mozart'sche Motive von ihm interpretirt z» hören — fand in Paris eine geradezu enthusiastische Alifnahme. Sämmtliche Salons öffneten sich ihm. Um ihn singen zu hören, wurde«; Abende arrangirt beim Grasen Airglös, z. Z. Potizeipräfekt von Paris, bei der Gräfin Merlin ».s. w. Frau Catalani, welcher Ludwig XVIII. die Leitung des Hieatre Italien äiivcrtraut hatte, that ihr Möglichstes, um diese» geradezu phänomenalen Sänger für die Oper zu gewinnen, doch war Löwy nicht zu bestimme», Veit Gottesaltär für die Lorbeeren einer glänzenden Künstlerlänfbahn ztt vertauschen. Nächst seinen »lusikalischen Kompositionen hat Löwy eine Sannnlnng von hebräischen Gedichten, sowie einige Nllssätze iir deutscher Sprache über Be»-Sirah, Maimonides und den Talmud hiiiterlassen.