Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 285 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228444--57642-3294034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
265 Vorstandes/ des Gemeindevorstandes und der Repräsentantenversammlung erfolgen. Zu Artikel 1 sind drei Abändernngsanträge inzwischen eingegangen. Ein Antrag Lewin will die Worte streichen: „das Krankenhaus ist zur Pflege und Heilung von Kranken bestimmt"; ein fernerer Antrag desselben will festseben, daß die Zahl der nichtjüdischen Kranken im Krankenhanse 12 Prozent nicht übersteigen soll. Ein Antrag Landau — dev Antragsteller ist heute zum ersten Male als Repräsentant thätig — will in den Artikel 1 den Satz eingefügt wissen: „das Krankenhaus hält eine Station für innere, äußere und gynäkologische Kranke." Professor Bla schke widerspricht dem Anträge Lewin auf prozentuale Festsetzung der andersgläubigen Kranken. Professor Lewin wünscht seinen Antrag nicht als Intoleranz aufgefaßt zu wissen, aber er legt Werth darauf, eine Begrenzung der Zahl stattfinden zu lassen, um später nicht das, was aus den Mitteln der jetzigen Generation und unter der doppelten Belastung der Gemeindemitglieder durch städtische und jüdische Stenern geleistet ist. denen zu Gute kommen zu lassen! für welche es nicht gedacht ist. Herr Manheimer bittet ebenfallsdiesen Antrag Lewin abzulehnen und die alte Fassung des Artikels, soweit thunlich auch andere Kranke aufznnehinen, beizubehalten. Professor Landau begründet seinen Antrag ausführlich. Er beklagt, daß in dem revidirten Statut keine besondere Bestimmung darüber getroffen ist, daß in der inneren Organisation des Krankenhauses von Gemeindewegen eine Veränderung getroffen werden kann. Dem Gemeindevorftand stehe eine Einwirkung auf den Krankenhansvorstand in Bezug auf eine neue Station nicht zu. Es bestehe demnach die große Gefahr, daß in das neu zu errichtende Krankenhaus die versteinerte und rückschrittliche Organisation, wie sie bis jetzt in dem alten Krankenhaus bestehe, mit hinübergeuommen werde. Die Nothwendigkeit einer gynäkologischen Station, die auch in den meisten kleineren Krankenhäusern bestehe, sei zweifellos. Seinen persönlichen Bemühungen um Errichtung dieser Station, die bereits .im Jahre 1883 eingesetzt hätten und im Jahre 1885 wiederholt feien, sei nicht stattgegeben worden, obwohl er sogar nachgewiesen hätte, daß er die neue Station ohne Vermehrung von Raum und Geld einfach durch Umschaltung der ausgenommenen Kranken Herrichten wolle. Der Krankenhausvorstand sei zwar der Anregung beigetreten. aber die Ausführung sei, obgleich viele neue Institutionen in der Zwischenzeit errichtet seien, bisher unterblieben. Deshalb solle nunmehr die Errichtung der Station im Statut festgesetzt werden. Die Gynäkologie habe in den letzten 30 Jahren einen solchen Aufschwung genommen, daß sie weder von dem Chirurgen noch vom inneren Kliniker beherrscht werden könne. Die große Zahl der hilfsbedürftigen jüdischen Frauen sei nun entweder verhindert, in das jüdisch<Krankenhaus zu gehen, und alsdann bleibe ihnen nichts übrig, als sich dem Unterrichtsmaterial der Universitätskliniken anzureihen, oder aber, was in der übergroßen Mehrzahl der Fälle passive, sich in eine Privatklinik zu begeben, durch deren ungeheure Kosten zahllose Existenzen an den Bettelstab gebracht würden. In vielen Fällen finde auch eine unsachgemäße Behandlung in den Privatkliniken statt. Endlich sei noch die Zahl der Kranken zu berücksichtigen, die aus den genannten Gründen zu Hause bleibe, arbeitsunfähig werde und der Gemeindekasse zur Last falle. Trotzdem sei das jüdische Krankenhaus von vielen gynäkologischen Kranken aufgesucht worden, und diese hätten dort eine sachgemäße Behandlung erfahren; aber der größte Theil sei infolge des Mangels einer Sonderstation gar nicht ins Krankenhaus gekommen. Das letztere sei früher bezüglich der inneren Organisation besser gestellt gewesen, da es eine Gebärabtheilnng besessen hätte, die aus gewissen Gründen aufgehoben worden sei. Justizrath Simon spricht sich gegen alle drei Anträge aus. Der erste Antrag Lewin sei eine stilistische, aber keine juristische Verbesserung; denn bei allen juristischen Persollen müsse ausdrücklich gesagt werden, zu welchem Zwecke die Anstalt gegründet sei. Der zweite Antrag Lewin errege einen gehässigen Eindruck, wenn die Bestimmung auch noch so wohlmeinend gedacht sei. Die Juden selbst protestiren auch gegen eine prozentuale Betheiligung ihrer Glaubensgenossen in einzelnen Berufen, da die Menschen nur nach ihren Fähigkeiten, nicht prozentual unterschieden werden sollen. Dem Anträge Landau, der mit den ererwähnterr versteinerten Verhältnissen wohl keinen Anklang beim Vorstand und den Aerzten des Krankenhauses finden werde, stehe das Statut nicht entgegen. Diese UtilitätSfrage sollte an der Hand eines speziellen Antrages auf Bewilligung der zur Errichtung der Station uothweudigen Summe gelöst werden. Professor Lewin weist ebenfalls die nicht adäquaten Ausdrücke für das Krankenhaus zurück. Eine Festlegung de- Thätigkeitsumfanges könne der Verwaltung des Krankenhauses nicht angenehm sein. Genau mit der gleichen Berechtigung könnten andere Spezialitäten kommen und eine Sonderabtheilung wünschen; nur ein mit großen Opfern erbautes neues Krankenhaus könne alle Abtheilungen einrichten. Die Verhältnisse werden das Krankenhaus ganz von selbst dahin bringen, einige neue Abtheilungen zukünftig zu errichten. Nachdem noch Professor Blaschke den Antrag bekämpft hatte, erklärt der Antragsteller, daß ihm Luden gerügten- Worten eine persönliche Spitze vollständig fern gelegen habe. Er stellt seinen Wunsch noch einmal als absolute Nothwendigkeit dar und bittet um Ueberweisung än eine Kommission, falls nicht gleich ein Beschluß gefaßt werde. Professor Bag insky will auch von jeder Eintheilung des Krankenhauses Abstand nehmen, weil er der Hoffnung sei. daß endlich einmal ein sachverständiger Mann, ein ärztlicher Direktor kommen werde. Er wünsche jedoch, die Berathung dieser Frage mit frischen Kräften vorzunehmen und beantrage deshalb den Schluß der Sitzung, dem nunmehr auch die Versammlung zustimmt. Eugene Manuel. Von O. Neuschotz de Jassy in Paris. I. feinfühlige Dichter, dem diese Studie gewidmet und der in der vorigen Woche hier gestorben ist, gehörte zu den hervorragendsten Männern der französischen Nation; aber sein Herz schlug nicht minder warm für sein jüdisches Volk, und sein Geist, gesättigt von modernem Wissen, ist treu geblieben den Traditionen seines Glaubens und seines.Stammes. Von dieser Seite werden wir den Dichter der „Ouvriei-8, und der „?a§es intimes" kennen lernen. Sie ist vielleicht nicht die bedeutendere, weder dem Gehalte noch dem Umfange nach; aber sie ist eine so prägnant-ideale, eine so tendenziös-sittliche, daß sie uns den Dichter so vieler herrlichen Werke, die das Gemeingut der Franzosen geworden, im Nahmen seiner wahren, all die Tugenden seines Volkes umfassenden Persönlichkeit zeigt, dem zu entstammen er nie verleugnet hat. Drei Völker gaben mir, was ich zum Leben brauche, Die Römer sind's, die Grieche» und mein hebräisch Volk: Rom lehrte mich das Recht, Athen die Schönheit liebe», Und seinen Gott, den lehrt' mich mein Jerusalem. Und an diesem Glauben hielt er fest. Vergebens wird der dunkle Ziveifel mich bestürmen, Denn an den klarsten Quellen trank den Glauben ich; Und ohne Mühe steigt mein Geist in hohe Ferne» Und weilt am Feuerherd erhab'ner Göttlichkeit. Kennzeichnend ist es für den Dichter, daß er die religiöse Seite nur dann anschlug, wenn er seiner Eltern, seiner Ahnen gedachte. Es ist, als scheute er sich in diesem Jahrhundert der Skepsis den Schatz seiner vererbten Traditionen außerhalb seiner Familie zu bringen, als wollte er sein religiöses Bekenntniß vor Zweifel und Lästerung bewahren. So sagt er in einem herrlichen, seinen: Vater, einer medizinischen Nowrietät, gewidmeten Gedichte „Is veillöe äu meäeoin": Ich weiß es, dies Jahrhundert zweiselt — Jemehr die Menschheit schaffend schreitet. Jemehr berausche» die Vernunft Die Weisen mit dem Stoh des Nichts. Ueberhaupt ist die Familie eine der Lieblingsgedankeu, die Manuel nicht oft genug ausspinnen und Poetisch verwerthen kann. Und hier berührt er die Basis des jüdischen Volkes und