Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 279 (sequence 5)
- Language
- German
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27S religiöse, geistige und soziale Hilfswerk für Inden und Juden» thum — unbekümmert um die lauernde Aufmerksamkeit der Gegner — weiter zu fördern. Die Alldeutschen — nicht die österreichischen, sondern unsere deutschen — haben bisher dem Antisemitismus gegenüber eine ziemlich freundliche Stellung eingenommen. Das scheint sich nun geändert zu haben. Denn auf dem letzten Parteitag der Deutschsozialen in Braunschweig führte Herr Liebermann von Sonnenberg Klage über die Stellungnahme, die der Alldeutsche Verband neuerdings zur Judensrage eingenommen habe. Danach findet sich in der letzten Auflage des Alldeutschen Werb- und Werkbüchleius, in dem Ausruf, Der die alldeutschen Aufgaben kurz zusammenfaßt, folgende Stelle: „Nur beiläufig sei bemerkt, um Mißverständnissen vorzubeugen, daß es nicht zu den Aufgaben des Alldeutschei<Verbandes gehört, zu der Judeufrage Stellung zu nehmen. Die so oft zum Ausdruck gebrachte gegentheilige Ansicht ist irrig. Der Alldeutsche Verband ist vielmehr bemüht, völlige Neutralität zu üben, unbeschadet der Persönlichen Ansicht eines Einzelnen." Der Klageruf der Antisemiten ist aber nicht ungehört verhallt. Denn in der am 18. und 19. Mai in Kassel abgehaltenen Ausschuß- und Vorstandssitzung des Alldeutschen Verbandes, > dessen Vorsitzender bekanntlich der nationalliberale Abgeordnete Professor Hasse in Leipzig ist, wurde Herr Liebermann v. Sonnenberg in den Vorstand gewählt, tlubeant siki! * Ein in der russischen Gesetzsammlung veröffentlichter Senatsbeschluß giebt bekannt, daß nach den bestehenden Gesetzbestirmuungeu nur nachstehende Inhaber gelehrter Grade jüdischen Glaubens zur Anstellung im Staatsdienst zugelaffen sind: 1. Doktoren, Magister, Kandidaten (womit in Rußland wie in Schweden und Norwegen Diejenigen bezeichnet werden, welche das dem deutschen Doktorexamen entsprechende Schlußexamen gemacht haben, nur mit dem Unterschiede, daß in diesen! auch das Staatsexamen enthalten ist) oder Personen, die den wissenschaftlichen Kursus mit einem Diplom 1. Grades absolvirt haben. 2. Personen mit dem Diplom eines Arztes, die aber nur im Medizinalwesen Anstellung finden, 3. Personen mit dem Grade eines Ingenieur-Technologen, die nur zur Anstellung im technischen Wesen berechtigt sind, und 4. Absolventen der Landmesser- und Taxatorklassen, die nur im Gouvernementsvermessungsressort Verwendung finden. Bedenkt man, daß mit Ausnahme Dorpats auf den russischen Universitäten nur ein ganz geringer Prozentsatz Inden zum Studium zugelaffen wird, so erscheint die Beschränkung der Juden, welche eine Anstellung im russischen Staatsdienste finden können, noch viel ärger, als dies selbst in der obigen Aufzählung ausgedrückt ist. Aber man begreift es, wenn deutsche Antisemitenblätter den russischen Senatsbeschluß in seiner Tendenz auch für andere Länder als Muster empfehlen. Die große Delegation der russischen Chowawe-Zion, welche auf Beschluß der Generalversammlung des Odeffaer Komitees sich nach Paris begeben hatte, um den dortigen maßgebenden Faktoren die Beschwerden und Wünsche der russischen Palästinafreunde vorzutragen, ist mit leeren Händen nach Hause zurücsgekehrt. Man schreibt uns darüber: Die Deputation hatte dem Baron Rothschild sowohl als den Leitern der «l. X. ein Memorandum überreicht, in welchen! zwar «gegeben wurde, daß auch die Kolonisten, welche die ersten Kolonien mit völlig unzulänglichen Mitteln und ohne jede Sachkennkniß gegründet haben, für die bisherigen wenig befriedigenden Ergebnisse mit verantwortlich sind. Die Hauptschuld trifft jedoch nach Ansicht der Delegation die bisherige Administration, welche den guten Willen und das Vertrauen des Baron Rothschild mißbraucht, überaus kostspielig und ohne jede Sacbkenntnitz gewirthschastet und sich um die Ansichten und Wünsche der Kolonisten, zu deren Wohl sie eingesetzt wurde, nicht im Geringsten gekümmert hat. Die Kolonisten wurden jahrelang wie die unmündigen Kinder behandelt und in einer Weise am Gängelband geführt, daß in ihnen jede selbständige Regung systematisch abgetödtet wurde. Dadurch aber wurde der Kolonisation Palästinas von vornherein eines der wichtigsten und bei jedem größeren Kolonisationsunternehmen kaum entbehrlichen Hilfsmittel, das der eigenen Initiative der Kolonisten selbst, entzogen. Obwohl nun seit der Uebernahme der Kolonien durch die rl. X. in das System der Administration radikale Veränderungen und wesentliche Verbesserungen hineingebracht worden sind, bestand doch die Delegation daraus, das ganze System der Administration abzuschaffen und die Leitung der jüdischen Kolonien in Palästina einer zu gleichen Theilen aus Kolonisten, Chowawe-Zion und Vertretern der 4. X. all Iroc zu bildenden Kommission zu übertragen. Diese Forderung wurde von der X. mit der Begründung abgelehnt. daß die Kolonisten, die sich in 18 Jahren nicht ihre volle Selbständigkeit zu erringen gewußt haben, dadurch selbst bewiesen haben, daß sie noch nicht reif genug sind, bei der Verwaltung der Kolonien ein entscheidendes Wort nntznredeu. Ebenso lehnte die .1. X. die Forderung der Delegation, sämmtliche jüdischen Tagelöhner, deren Zahl auf ca. 600 angegeben wird, zu Vollkolonisten zu machen, rundweg ab. Im Gegensatz zu den Kolonisten, welche mit eigenem Gelde nach Palästina gekommen sind, haben die Tagelöhner im heiligen Lande niemals irgendwelche pekuniären Opfer gebracht, und die X. hielt sich um so weniger sür verpflichtet, die Summe von 6 Millionen Franks für deren Kolonisirnng anszngeben. als Niemand diese Tagelöhner zur Auswanderung nach Palästina ermuntert oder gar anfgefordert hat. Ebensowellig wie die «1. X. war auch Baron Rothschild gewillt, für die Tagelöhner etwas zu thlm. Dieser erklärte sich nur bereit, seine jenseits des Jordans gelegenen Ländereien im Umfange von etwa 7000 Hektar ihnen abzutreten. falls die Chowawe-Zion die übrigen Kosten der Kolonisirnng tragen wollen; da die russische Chowawe-Zion nicht einmal die sür die Tagelöhner bewilligten 200 000 Francs aufbringen können, so ist keineAussicht vorhanden, daß sie in absehbarer Zukunft von dem großmüthigeu Anerbieten werden Gebrauch machell können. Selbst die russischen Juden haben eben für die Tagelöhner offenbar nur insofern Interesse als deren Verwandlung in Vollbauern aus Kosten anderer Leute erfolgt; sobald aber sie selber das Geld dazu anstreiben sollen, erlahmt ihr Eifer schon bei den erstell 200000 Francs. Dieses Mißverhältnis; zwischen de»! Wollen und Können bei den russischen Chowawe-Zion hat die Delegation vermuthlich veranlaßt, die in Paris ihr zu Theil gewordenen Erklärungen stillschweigend hinzunehmen und von denEntrnstungsmeetings, wie sie von einigen Hitzköpfen in ihrer Mitte vorgeschlagen wurden, einstweilen abzusehen. Die Majorität der Delegation konnte umso eher ans einer! derartigen. Niemand imponirenden Rummel verzichten, als sie in Paris erfahren hat, daß die «s. X. welche für die Tagelöhner nichts übrig hat. es dagegen sür ihre Ehrenpflicht hält, den Kolonisten um jeden Preis bis zur vollen Selbstständigkeit zu verhelfen. Die Delegation hat in Paris ferner in Erfahrung gebracht, daß die ^s. X. um die unter Manchen Kolonisten herrschende Landknappheit zu beseitigen, in Galiläa über 7000 Hektar Land angetanst hat, welche demnächst von den Kolonisten in Bearbeitung genommen werden sotten. Diese Erfahrung, welche die russischen Chowawe-Zion sich allerdings auch ohne Entsendung einer „großen Delegation" hätten verschaffen können, wird allem von thörichter oder böswilliger Seite ausgestreuten Gerede, als ginge die X. darauf aus, die jüdischen Kolonien in Palästina zu zerstören, ein Ende machen. Mit dem Schwinden des Mißtrauens gegen die X. — welche in Palästina übrigens nichts weiter ist als eine Handlangern! des größten und ältesten Chowawe- Zion, des Baron Rothschild — wird unter den allen für die Kolonisation Palästinas maßgebenden Faktoren die alte Eintracht wieder hergestellt werden. 4-