Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 278 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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274 „In Europa bedauert mau die Chinese», die noch aus einer so niedrigen Kulturstufe stehen, daß man ihnen derartige Albernheiten und Scheußlichkeiten als Wahrheiten und Thatsachen bieten kann; was soll man aber oon den Christen in Europa sagen, die es gläubig annehnien, wenn man ihnen die schauerliche Mär erzählt, daß die Juden Christenkinder fangen und sie schlachten, um ihr Blut in die Osterkuchen zu backen und zu genießen? Man sollte es nicht für möglich halten, und doch ist es so, denn wir haben es ja in Deutschland selbst erlebt, daß Synagogen zerstört und Juden mißhandelt wurden aus demselben Grunde, aus welchem in China christliche Kirchen niedergerissen und Christen mißhandelt und getödtet wurden, iveil sie ihre Kinder gefangen und geschlachtet haben," Der vierte, fünfte und sechste Abschnitt behandeln nun endlich die Anklagen gegen die Juden wegen Ritualmvrdes, die sog. wissenschaftlichen Beweise für diese Anklagen nämlich, die gefälschten Stellen aus dem Talmud und die falsch verstandenen aus kabbalistischen Büchern, Der Autor widerlegt die Anklagen von allen Seiten. Er prüft mit genauer Sachkenntniß und ohne jede Voreingenommenheit alle Argumente für und gegen; er untersucht jeden einzelnen Fall, er läßt die Ankläger wie die Vertheidiger an uns vorüberziehen und zeigt uns den Jrrthum oder die Verlogenheit der Einen und die Glaubwürdigkeit der Anderen mir historischer Zuverlässigkeit. Unter den Vertheidigern treten auf Päpste und Kaiser, hohe kirchliche Würdenträger, katholische Ordensleute, Professoren aller Hochschulen und Fakultäten, wissenschaftliche Gesellschaften, Jndenchristen und Konvertiten aus dem Judenthum, eine, wie inan zngeben wird, gemischte Gesellschaft, die aber doch in dem einen Punkt einig ist, daß die ganze Fabel ans einer rinerhörten Verleumdung beruht. Den ersten Theil seines Buches schließt Pfarrer Frank mit einer glänzenden Abfertigung des deutschen Reichstagsabgeordneten Herrn Liebermann von Sonnenberg: „Wahrlich, wenn Apion aus dem Grabe auferstehen und die Schrift „Der Blutmord zu Könitz mit einem Vorwort von Liebermann von Sonnenberg, Mitglied des Reichstags", lesen könnte, der müßte staunen über den geistigen Zustand der Christen, die im 20. Jahrhundert ein Märchen als geschichtlich beglaubigteWahrheit ausgeben, an das zu seiner Zeit kein heidnischer Bauer glaubte." Der zweite Theil des Buches, der Ritualmord vor dem Gerichtshof der Gerechtigkeit, schließt sich dem ersten ebenbürtig an. Der Verfasser untersucht zunächst einzelne besonders prägnante Fülle von Anklagen wegen Ritualmordes. Es sind im ganzen 172 Fälle vom Jahre 1235 bis zum Jahre 1900, von Fulda bis Pisek, aus Deutschland, Frankreich, Spanien und anderen Ländern. Die Majorität dieser Prozesse fällt, wie wir schon in der vorigen Woche mitgetheilt haben, auf Oesterreich, also ans das bekannte Land der llnwahrscheinlichkeiten. Das zweite Kapitel des zweiten Theils ist überschrieben: Eine glänzende Rechtfertigung des apostolischen Stuhls, und zwar sieht der Verfasser diese Rechtfertigung darin, daß er durch das vorgeführte Verzeichniß der sogenannten Ritualmordprvzesse die Aussprüche der Päpste gegen die Blutlüge in die gehörige Beleuchtung setzen und das richtige Verstäudniß derselben vermitteln kann. Zu diesem Zweck hebt Dr. Frank aus den Bullen der Päpste die wichtigsten Aussprüche hervor. Papst Leo XIII. hat als oberster Lehrer der Kirche sich über den Ritualmord noch nicht ausgesprochen, und Dr. Frank meint, es werde wohl auch keine Zeit kommen, in welcher er von dem apostolischen Stuhl herab — ex eatlreckra — eine unfehlbare Entscheidung in Ritualmordfragen erlassen wird. Aber der Autor verweist doch die katholischen Leser seiner Schrift auf den Satz in einer Encyclica Pius IX. und auf ein Gutachten des Papstes Clemens XIV., in dem es ausdrücklich heißt, „daß von den Päpsten verboten worden ist, auch nur irgendwie an diese Beschuldigung von dem gottlosen Gebrauch des Christenblutes zu glauben." Das letzte Kapitel des Frank'schen Buches ist „ein Trost für Israel". Der Autor knüpft an die Frage an, die König Darms im dritten Esrabuche an die drei Jünglinge gerichtet hat, was das Stärkste in der Welt sei. Zerubabel beantwortet diese Frage dahin: „Das Stärkste ist die Wahrheit! Hoch gelobt sei der Gott der Wahrheit!" Und Alle riefen laut aus: „Groß ist die Wahrheit und über alles stark." „So ist es die Wahrheit gewesen," mit diesen Worten schließt Pfarrer Frank sein Buch, „welche in alten Zeiten die Sehnsucht der frommen Juden erfüllt, und, wie es der Gott der Wahrheit vorausgesagt hatte, die Stadt Jerusalem und den Tempel wiederaufgebaut hat. Und die Wahrheit wird es auch sein, welche die Sehnsucht aller Juden in unfern Tagen stillen und jene unerträgliche Last von ihnen nehmen wird, die sie nun schon seit sieben Jahrhunderten getragen haben. Die Wahrheit wird es sein, welche die Juden von der wahnwitzigen Blutbeschuldigung befreien wird. Die Wahrheit ist auch heilte noch das Stärkste in der Welt, und nichts vermag ihr zu widerstehen; das Unrecht/der Aberglaube, müssen vor ihr sich beugen^ und verschwinden. Die Wahrheit hat die Juden von der Beschuldigung befreit, daß sie die Brunnen vergiften, getrocknetes Christenblut auf den Tan streuen und dadurch die Pest für Menschen und Vieh herbeiführen, sie wird die Juden auch von der falschen, boshaften, verleumderischen Anklage befreien, daß sie die Christen schlachten und ihr Blut genießen. Die Zeit ist nicht mehr gar fern, in welcher die Wahrheit diesen Sieg über Aberglauben und Thorheit, Neid und Bosheit, Haß und Habsucht erringen wird." Aie Woche. Berlin. 11. Juni. nsere Gegner bringeil den jüdischen Angelegenheiten, wie bekannt, eine „warme Theilnahme" entgegen. Sie verfolgen diese mit einem Interesse, das wir allen Glaubellsgenossen wünschen möchten. Neuerdings glauben sie aber, genügende Veranlassung zu besonderer Theilnahme zu haben. Die „Kreuzzeitung" bespricht die Angelegenheit der deutschen Allianz und obwohl sie mit den Motiven, die zur Gründung des „Hilssvereins der deutschen Juden" geführt haben, im Grunde genommen durchaus einverstanden ist, meint sie doch schließlich, man werde der Thätigkeit des neuen Vereins „besondere Ausmerksamkc^" M^enden messen. Was uns natürlich sehr gleichgültig ist, da wir nicht einen Augenblick daran gezweifelt haben, daß man von jener Seite die Wirksamkeit dieses Vereins mit dem höchsten Mißtrauen verfolgen werde. Ein anderes Antiscmitenblatt hetzt schon jetzt gegen die geplante Arbeiterkvlvnie in Weißensee, ohne eine Ahnung von dem Wesen und der Bedeutung des Unternehmens zu haben. Sei es! Wir dürfen deshalb nicht aushören, das