Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Nalivor, 26. Mai. Am ersten Tage des Festes wurde hier unter der Theiluahnie weitester Kreise Rentier Isaak Schück, das älteste Mitglied der hiesigen Synagogengemeinde, im neunzigsten Lebensjahre zu Grabe getragen. Mit Herrn Schück verliert die Stadt einen ihrer angesehensten Bürger, die Gemeinde ein wackeres, religiöses Mitglied, die Armen einen stets hilfsbereiten Freund. Nachdem der Verstorbene mehrere Jahrzehnte der Vorsteher seiner Heimathsgemeinde Oberglogan gewesen, bekleidete er Jahre lang auch hier dieses Ehrenamt und dnrfte am Abend seines Lebens zwei seiner Söhne au der Spitze der Verwaltnngskörperschaslen der hiesigen Gemeinde verdienstvoll wirken sehen. Er war fast drei Menschenalter hindurch ein Bürger des Gotteshauses und übte streng seine religiösen Pflichten bis wenige Tage vor seinem Tode. Ein endloser Zug geleitete die vollendete Hülle des frommen Mannes durch die Straßen, es war ein heiliges Schweigen, es war eine heilige Trauer. Die Festesstnnde schloß jede Grabrede ans. und es bedurfte auch nicht eines Ausdruckes der Trauer oder der Ehrung an der Bahre eines Mannes, der, von aller Welt geachtet, ein gottgeseguetes Leben in Frieden abgeschlossen hatte. Das Andenken der Gerechten bleibt ein Segen. Schwerin i. M., 27. Mai. Am 26. d. M. wurde auf dem hiesigen israelitischen Friedhöfe die Leiche des letzten Kämpfers für die Unabhängigkeit Griechenlands zur Nutze bestattet. Es ist dies der am 23. Februar 1811 hier geborene David Holländer, welcher, als er im Jahre 1830 in München als Malergehilfe arbeitete, sich als Freiwilliger den für Griechenland geworbenen Truppen anschloß und bis zum 23. November 1837 im königlich griechischen dritten Linieninfanterieregimeut diente. Der bis zum Tage seines Todes geistig außerordentlich frische alte Krieger, welcher im Freundeskreise gern von seinen Erlebnissen in Griechenland erzählte, war hier eine sehr beliebte Persönlichkeit. Ehre seinem Andenken. 1^. Hannover, 3. Juni. Unter der Leitung des Herrn Senator Fischer sind voll den Freunden des verstorbenen Isaak Hirsch 18 000 M. zu einer sogenannten Hirschstiftnng gespendet worden. Diese 18 000 M. sind dem jüdischen Krankenhanse mit der Bedingung überwiesen worden, daß in demselben ein besonderer Saal, über dessen Eingang die Inschrift „Hirschstistung" angebracht wird, für arme und kranke Kinder eingerichtet werden soll, die unentgeltlich dort Heilung und Pflege finden können. — Am zweiten Tage des Wochenfestes fand die Kon firmation einer Anzahl Mädchen in der Synagoge statt. Am ersten Tage des Festes, Nachmittags, war öffentliche Prüsung der Konfirmandinnen, und am folgenden Tage ermahnte Herr Landrabbiner Dr. Grouemaun die jungen Mädchen in seiner Predigt zur Gottesfurcht und Menschenliebe. — In nächster Zeit wird der Katalog der G e ruei n d eb ib li oth ek, die in letzter Zeit einen großen, werthvollen Zuwachs erhalten hat, gedruckt erscheinen. — Hannover, 2. Juni. Zur Delegirtenversammlnng der Israelitischen Erz iehu ng s a n stalt Ahlem hatten sich am 28. v. M. etwa 60 Teilnehmer eiugefnnden: zunächst wurden die Anstaltsgebäude mit ihren zum Theil neuen Einrichtungen besichtigt und darauf das gesammte gärtnerische und landwirthschastliche Anwesen, aus welchem die Lehrlinge unter Leitung ihrer Vorgesetzten in voller Tätigkeit waren. Besonders bemerkt wurden die Obstbaumknlturen, die der Anstalt bereits drei erste Preise eingetragen haben, und die ausgedehnten Gemüse- und Maiblumeuanlagen, welche nicht allein fachmännische Anerkennung finden, sondern auch der Anstalt einen nicht unbeträchtlichen finanziellen Zuschuß bringen. Die Besichtigung des ca. 80 Morgen umfassenden Komplexes einschließlich des Schulgartens nahm IV-, Stunden in Anspruch. Während der Einnahme eines von Damen des Komitees bereit gestellten Imbisses wurden von der Kinderabtheilung turnerische Freiübungen ausgeführt. Sodann fand in der Aula eine Aussprache statt zwischen den geladenen Gästen und den Vertretern der Allstalt, verbunden mit einer Begutachtung des Gesehenen, mit der die Anstaltsleitung wohl zufrieden sein durfte. An der Diskussion betheiligten sich unter Anderen die Herren Rabbiner Dr. David-Düsseldorf (der auch den Vorsitz führte), Herz-Essen. Freymark-Verlin, L.Jordan-Berlin, Konsul Simon, Senator Fischer. Handelsschnldirektor Berliner, S. Meyerstein-Hannover und mehrere Damen; die Letzteren bringen der geplanten Einrichtung einer Mädchenanstalt in Ahlem — einer in sozialer Beziehung höchst wichtigen Sache — ein besonders lebhaftes Interesse entgegen, wie überhaupt dieses Projekt einmüthige Zustimmung fand. Von mehreren Seiten sind namhafte Beträge zur Verfügung gestellt; mit dem Bau selbst soll baldigst begonnen werden. In der Nachmittags unter Leitung des Herrn Jnstizraths Dr. E. Berend abgehaltenen Kuratorinnlssitzung wurden lausende geschäftliche Angelegenheiten erledigt und fünf Herren (zwei aus Hannover. je einer ans Berlin. Darmstadt und Würzbnrg) in das Kuratorium gewählt. --- Brrrgsteir,flN't, 27. Mai. Am zweiten Tage des Wochenfestes entschlief sanft im hohen Greisenalter von 92 Jahren der Rentner Moses Coppel-Wertheim. Mit ihm ist das älteste Mitglied unserer Gemeinde, der älteste Bürger unserer Stadt dahingegangeu. Ausgerüstet mit großer» Geistesgaben, war es ihm durch seinen rastlosen Fleiß, seine seltene Energie und seinen eisenfesten Willen gelungen, sich ans kleinen Anfängen emporzuarbeiten in dem schweren Kampfe des Lebens. Was ihn aber besonders ausgezeichnet und ihn bei Allen, die ihn gekannt, so verehrungswürdig gemacht, das war neben seinem einfachen, biederen Sinn seine innige Religiosität, seine wahre, ungeheuchelte Herzenssrömmigkeit. Einem edlen Zuge seines Herzens folgend, hat er sich der Armen und Bedrängten jederzeit angenommen Bei jeder Gelegenheit bekundete er seinen mildthätigen Sinn; er wirkte am liebsten im Geheimen, in stiller, anspruchsloser Verborgenheit. Allgemein beliebt und verehrt, was sich so recht anläßlich seines 90. Geburtstages zeigte, den er vor zwei Jahren in bewunderungswürdiger Geistesfrische im Kreise der Seinen begehe,! konnte, wird er seiner Familie, unserer Gemeinde und seinen zahlreichen Freunden und Verehrern unvergeßlich bleiben. — Frankfurt a. M., 1. Juni. Der Bericht der Jüdischen Haushaltun gsschule ist eben ausgegeben worden. 04 frühere Zöglinge sind in Dienst gegangen, 11 mußten wegen Krankheit bald nach ihrem Eintritt entlassen werden, und nur 11 haben es verweigert, eine Stelle anzunehmen. Das Verhältniß von 04 (43) zu 11 ist ein recht günstiges, das die Nützlichkeit der Anstalt klar erwiesen hat. Von dem Bestreben geleitet, den Unterricht einerseits systematisch aufzubauen, anderseits nach allen Richtungen hin zu erweitern, beschloß der Vorstand, Fräulein Hedwig Reinheimer, der Tochter der Hausmutter, eine sachgemäße Ausbildung in dem Pestalozzi-Fröbel-Haus zu Berlin genießen zu lassen. Fräulein Reinheimer trat dort Mitte September ein und wird am 1. Juli d.J. zurnckkehren. um an Stelle von Fräulein Daub das Amt einer Hilfslehrern, zu übernehmen. Was die finanziellen Verhältnisse der Anstalt anbetrifft, so haben sich dieselben leider sehr verschlechtert. Nicht nur, daß die Jahresbeiträge zurückgingen, haben sich auch die Geschenke um 1650 Mark verringert. Die Rechnung schloß infolge dessen mit einem Fehlbetrag von 1233 Mk. Allerdings haben sich verschiedene Freunde der Anstalt bereit erklärt, den größten Theil dieser Summe durch ihre Gaben zu decken. Um die Einnahmen mehr in Einklang mit den gesteigerten Ausgaben der Haushaltung zu bringen, hat der Vorstand vom 1. Juni 1900 ab das Honorar der Pensionärinnen auf 51 Mark erhöhen müssen, setzte vom 1. November 1900 ab auch den Preis des Mittagessens ans 70 Pfennig hinauf. Am 1. Oktober 1900 waren drei Jahre seit dem Bestehen der Anstalt verflossen und mußte statutengemäß eine theilweise Erneuerung des Vorstandes stattfinden. Das Loos, welches in der Sitzung vom 19. September gezogen wurde, entschied sür den Austritt von Herrn Theodor Fürth. Frau Schwarzschild und Frau Manfred Goldschmidt. Da Frau Schwarzschild eine Wiederwahl ablehnte, so wurde an ihre Stelle Frau Clementine Bottenwieser gewählt. Der Vorstand der jüdischen Haushaltungsschule besteht zur Zeit aus folgenden Herren und Damen: Alfred Geiger, erster Vorsitzender; Emma Mainz, zweite Vorsitzende; Emil L. Heidenheimer, Kassirer. Th. Fürth, Schriftführer; Adelheid Geiger, Oekonomin; Bertha Baruch, Henriette Benario, Elise Goldschmidt, Hanna Goldschmidt, Philippine Hochschmidt, Elise Marx. Clementine Bottenwieser. Gella Stern, Dr. I. Benario, Max Bauer. — WÜrzblN'g, 22. Mai. Am 10. d. M. fand beim hiesigen Landgericht als Berufungsinstanz die Verhandlung gegen den Redakteur der antisemitischen „Neuen Bayer. Landeszeitung", Thomas Me m n, inger, wegen groben Unfugs in Sachen derFleischbesndelnngsverleumdnng statt. Nach eingehender Beweiserhebung und Verlesung der Gutachten, von denen zwei auf Antrag des Angeklagten und eines seitens der Anklagebehörde eingeholt worden waren, erging folgendes Nrtheil: Das Berufungsgericht ist zur Ueberzengung gelangt, daß die vom Angeklagten aufgestellte Behauptung im Talmud nicht enthalten