Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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sei. und daß auch der Geist des Talmud keinerlei Anhaltspunkte für die durch die Landeszeitung verbreitete Bezichtigung biete. Wenn auch die Böswilligkeit des Redakteurs nicht nachgewiesen werden kann, so sei doch bei der bekannten antisemitischen Tendenz des Blattes eine der Böswilligkeit sehr nahekommende Leichtfertigkeit unzweifelhaft aiizunehmeii. Weiterhin ist das Gericht mit der Vorinstanz der Ansicht, daß eine Beunruhigung gewisser Kreise vorhanden gewesen sei- Nichtsdestoweniger mußte es zu einer Verwerfung der Berufung gelangen, weil der inkrirninirte Artikel nicht als die einzige und ausschließliche Ursache der Beunruhigung erwiesen werden konnte. Der Berufung des Angeklagten, nach welcher die in erster Instanz erwachsenen Kosten der Entlastungszeugen der Staatskasse anferlegt werden sollten, wurde stattgegeben. Oesterreich - Ungarn. Wien, 2. Juni. Bei der jüngst erfolgten Konstitnirnng des Präsidiums für das Kreditinstitut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte wurden die Herren Saul Klausner, Joses Potlack. Mar Pappenheim, Moritz Poszonh und Gottlieb Herrmann gewählt. Ein solcher Verein bedeutet fürjüdische Beamte und Gewerbetreibende eine wahre Nothwendigkeit, ans dem Grunde, damit jüdische Kapitalisten ihre Ersparnisse nicht antisemitischen Erpresservereinen anznvertrauen gezwungen sind. Lind auch, damit jüdische Gewerbetreibende in Geldnoth sich an ihre Glaubensgenossen um Hilfe wenden könnet!. — Der Kreistnrntag des 15. Kreises der deutschen Turnerschaft hat den Antrag, daß fortan nur „Deutsche arischer Abstammung" als Mitglieder in die Verbandsvereine ausgenommen werden dürfen, daß Juden also ans allen Turnvereinen des 15. Kreises ausgeschlossen sein sollen, mit 120 gegen 15 Stimmen angenommen. Die jüdischen Vereine geben eine Erklärung ab, daß sie den Beschluß als nicht rechtsverbindlich ansehen, so lange die Leitung der deutschen Turnerschaft sich nicht geäußert habe. — Für den Dr. Lueger ist jetzt eine arge Zeit gekommen; er, der sich so gern reden hört, ist nicht im Stande, im Abgeordnetelthause eitle Nede vom Stapel zu lassen. Die Schönerianer haben jüngst die Szenen wiederholt, mit denen die Christlich-Sozialen in früheren Tagen die Liberalen au ihren Ausführungen hinderten. ZA Naja, 30. Mai, Jüngst starb in Znmbor der in weitesten Kreisen hochgeachtete königliche Rath Professor Franz Czirfnse. Derselbe war am Gymnasium in Baja und am Pädagogium daselbst, in der letztgenannten staatlichen Lehranstalt als erster Direktor, lange Jahre hindurch beschäftigt. Als Komitatsschulrath hatte sich der um die Erforschung der Geschichte der Stadt Baja und des Komitates Bücs verdiente Gelehrte ins Privatleben zurückgezogen. Bei seinem feierlichen Abschiede von der Stadt Baja hatte der Verklärte in der Festrede es öffentlich hervorgehoben, daß Rabbiner aus Budapest, München und Berlin ans den Lehranstalten der Stadt und der Israelitischen Gemeinde Baja hervorgegangen sind. Toleranz, Bildung und Humanität sichern dem Heimgegangenen dauernde, verehrungsv olle Erinnerung. Frankreich. a. Paris, 3. Juni. Die französische Judenheit hat einen großen Verlust erlitten. Der bekannte französische Gelehrte und Dichter En gone Manuel ist im Alter von 78 Jahren vorgestern hier gestorben. Manuel trieb zuerst philologische Studien und bekleidete längere Zeit verschiedene Lehrerstellen, zuletzt die Professur der Rhetorik am Lycoe Henry IV. zu Paris, bis er 1870 die Aufmerksamkeit des damaligen Unlerrichtsministers, des berühmten Jules Simon, auf sich lenkte, der ihn dann zum Chef seines Sekretariats ernannte. In dieser Stellung bewährte sich Manuel außerordentlich, so daß er nach acht Jahren schon Generalinspektor des öffentlichen Unterrichts wurde.. In dieser Stellung, die er bis an sein Lebensende inne hatte, übte der Verstorbene einen hervorragenden Einfluß auf die Gestaltung des geistigen Lebens in Frankreich aus. Nicht minder erfolgreich ist Manuel, der unter anderen! auch Kommandeur der Ehrenlegion war, als Dichter gewesen. Von seinen Werken sind die wichtigsten Gedichtsammlungen intimes", die von der Pariser Akademie gekrönt wurden, sowie „Cendant ln §ueiiö" und „koemes popnlnires", die die Stimmung des französischen Volkes während des großen Krieges in seltener Treue wiederspiegeln. Von seinen dramatischen Erzeugnissen sind bekannter geworden ,,lo.8 Ouvrioi-s" und „l'^bsen!". Besonders das erstere, das einen Preis von 6000 Francs seinerzeit davonirug, hat eine sehr wanne Aufnahme gefunden. Noch heute zählen die „Onvrwi's" zu den: ständigen Nepertoir der domodio IHunhuise. Eugene Manuel blieb.trotz der hohen Stellung, die er bekleidete, ein glaubenstrener Jude bis zum Tode. Im israelitischen Ceutral-Konsistorinm vertrat er seit Jahren Lyon. Das Andenken des ausgezeichneten Mannes sei gesegnet! Von Nah und Fern. -- Am 2. d. M. ist hier Herr Leopold Hamm er sie in im 66. Lebensjahre gestorben. Derselbe war jahrelang Synagogenvorsteher nnd Mitglied verschiedener Gemeindekommissionen. Ehre seinem Andenken! — Zu Jnstizräthen sind ernannt worden die Rechtsanwälte Dr. Louis Wol ff, Herma n owski, Dr. Stadthage rr, Theodor- Fr iedin an n, Dr. Dienstag, Julius Nosenberg. Dr. Guhrauer, Bodländer in Berlin, Woh lauer in Groß-Strehlitz, Dr. Rothfels in Kassel, Oelsner in Frankfurt a. M., Dr. Asch in Posen, Elkns in Meseritz. — Wie die „Frankfurt. Oderzeitnng" meldet, beabsichtigt Herr Ahlward t Gutsbesitzer zu werden. Er gedenke in Friedeberg eine größere Landwirthschaft anznkanfen; die Verhandlungen sollen nahezu zum Abschluß gelangt sein. Na, na! — Nach anderen Nachrichten weilt Ahlwardt in Weimar und will dort für seinen spezifischen Antisemitismus eine besondere Organisation schaffen, welche mit dein Mittelpunkt von Weimar das Großherzogthnm Weimar und die Herzogthümer Meiningen und Kobnrg-Gotha umfassen soll. — Der Stadtverordnetenvorsteher Adolf Schlesingerin Gleiwitzist am 31.d.M. nach längeren! Leiden gestorben. — Die fünf Seminaristen des 1. Kurses des jüdischen Lehrerseminars <Marks-Heindorssche Stiftung) in Münster haben vor der königlichen Prüfungskommission in Soest und Gütersloh das erste Examen mit gutem Erfolge bestanden. Beiden Prüfungen wohnte aus Einladung des königlichen Provinzialschulkollegiums Herr Seminardirektor Dr. Spanier (vom genannten Seminar) bei. Sämmtliche Kandidaten waren bereits vor dem Examen in Gemeinden der beiden Provinzen Rheinland und Westfalen engagirt. — In der letzten Sitzung der Repräsentanten zu Köln fanden die Neuwahlen für den Vorstand statt. Das Ergebniß war. daß fünf der sieben Ansgeschiedenen, und zwar die Herren Dr. Apfel. Isidor Dülken, Louis Eliel, de Jonghe und Albert Simon, wieder- und die Herren Rechtsanwalt Dr. Callmann und Siegfried Simon neugewählt wurden. Die beiden Letztgenannten gehörten bisher dem Nepräsentantenkollegium an. Zu Stellvertretern wurden die Herren Heidenheim, Heilbronn und Dr. Mastbaum gewählt. — Die jüdische Bevölkerung in Elsaß-Lothringen fiel von 39 278 Seelen im Jahre 1880 auf 36 876 Seelen im Jahre 1885, auf 34 645 Seelen im Jahre 1890 und auf 32 852 Seelen im Jahre 1895. In 15 Jahren hat sie also um 6419 Seelen, das heißt, um etwa 16 Prozent abgenommen. Was die großen Städte betrifft, so ist eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung nur in Straßburg und Mülhausen zu konstatiren; in Straßburg stieg sie von 3521 ans 4098 Seelen, nahm also um 16,38 Prozent zu; in Mülhausen von 2183 auf 2271, nahm also um 4 Prozent zu. — Ans Anlaß seines 40jährigen Jubiläums als Akademiker haben die Stadtbehörden von Mailand den berühmten Philologen Senator G. As coli zum Ehrenbürger ernannt. — Der russische Senat hat entschieden: 1. Die jüdischen Handwerker können in ihrer Eigenschaft als Handwerker im ganzen Reiche wohnen, selbst dann, wenn sie keiner Innung angehören, sofern sie nur ein Zengniß von dem Meister, bei dem sie arbeiten, besitzen. 2. Die jüdischen Angestellten, wie Mechaniker bei der Eisenbahn, haben das Recht, im ganzen Reiche zu wohnen. — Ans Teheran wird der^. I. II. gemeldet: Am 21. März begann für die Schiiten ein 13 tägiges Fest, das Nurnz (Neujahr) heißt. Bei dieser Gelegenheit ging ich zum Premierminister mit einigen Notabeln der Stadt, um die Glückwünsche der Gemeinde anszusprechen. Der Premierminister benutzte die Gelegenheit, mir sein Bedauern über die vergangenen Unruhen im Judenviertel anszusprechen und versicherte, der Schah und er würden unsere Glaubensgenossen aufs Sorgfältigste schützen; er fügte hinzu, er habe dem Muchir. von Dovleh Auftrag gegeben, 5000 Tomauen <25 000 Francs) unter die Verletzten zur Verteilung zu bringen. Wir haben eine Kommission eingesetzt, die die Reklamationen jeder Familie sorgfältig Prüfen wird. Dieser Akt des Edelmnths ist ein erneuter Beweis dafür, daß der Schah den Unruhen energisch entgegentreten will. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwik in Berlin.