Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ländischen arbeitsfähigen Elemente unter diesen Wanderbettlern aufzunehmen, ihnen Gelegenheit zur Thätigkeit zu geben, sie zu moralischen, tüchtigen, arbeitssrendigen Menschen, dadurch zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen nnd im besonderen der jüdischen Gemeinsamkeit zu erziehen. Gleiche Zwecke verfolgen für die Allgemeinheit zahlreiche schon bestehende Anstalten innerhalb und außerhalb des deutschen Reiches. Allein die besonderen Bedürfnisse nnd Verhältnisse der jüdischen Wanderer, nicht nur in ritueller Beziehung, erfordern die Herstellung einer speziell jüdischen Institution dieser Art. Wir dürfen hinzusügen, daß die Staatsbehörden dies vollkommen anerkannt haben und die Errichtung eines jüdischen Arbeiterheinls in jeder Weise fördern. Die hochherzige Gabe des Herrn Rittergutsbesitzers Ludwig Meher hat uns für diesen Zweck ein in jeder Beziehung geeignetes Terrain in Weißensee bei Berlin zu Gebote gestellt, und die ^e>visb <xiloin8ntion ^ssoeintion (Baron Hirsch'sches Komitee) hat den Nutzen und die Nothwendigkeit einer solchen Anstalt dadurch anerkannt, daß sie uns die Baugelder mit dem geringen Zinssatz von einem Prozent vorgestreckt hat. Der Bau der Anstalt ist im vollen Gange und wird noch vor Ende des Sommers vollendet sein, in der Weise, wie die am Kopfe dieses Schreibens befindliche Abbildung es zeigt. Zur Einrichtung, Leitung und Verwaltung der Jüdischen Arbeiterkolonie, mit der ein Asyl für kranke und schwache Auswanderer verbunden ist, soll eine eigene Gesellschaft gebildet werden, der der D.-J. G.-B. Grundstücke nnd Gebäude zu nomineller Pacht überlasseil wird." Die Konstituirung dieser Gesellschaft soll nunmehr am 9. d. M. in dem Logenhaus. Wilhelmstraße 118, stattfinden. o. Berlin, 4. Juni. Die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Aue rbach'scheu Waisenerziehungsan st alten bieten nach ihrem eben erschienenen 68. Jahresbericht in ihrem neuen Heim an der Schönhauser Allee einer um die Hälfte des bisherigen Bestandes erhöhten Zahl von Zöglingen Raum; doch reichen die Einnahmen zu einer wesentlichen Erweiterung der ganz ans eigellen Mitteln unterhaltenen Anstalten noch nicht ans, so daß im Ganzen nur erst fünf neue Zöglingsstellen geschaffen werden konnten. Am Schluß des Berichtsjahres zählte das Knabenwaisenhaus 53, das Mädchenwaisenhaus 29 Zöglinge, die den Unterricht größtentheils in höheren Schulen genossen. Besonders begabte Knaben bleiben bis zur Abgangsprüfuttg, die Mädchen in der Regel bis zur erlangten Erwerbssähigkeit im Hause. Der weit reichenden Fürsorge für die entlassenen Zöglinge, welche besonders wirksam bei ihrer Selbständigmachung oder Verheiratung eintritt, dient eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen, die für die unmittelbaren Anstaltszwecke unantastbar bleibell. Für die Bestreitung ihrer Bedürfnisse, die einschließlich Gottesdienst, Bureau, Renten, Stipendien n. a. Zuschüsse 73700 Mark betragen haben, davon zur Verpflegung 17 739 Mark, d. h. für den Kopf und Tag etwa 49 Pfennig, sind die Anstalten auf die Zinsen ihres Vermögens im Betrage von rund 47 500 Mark und 9300 Mark Jahresbeiträge und auf sonstige Zuwendungen ihrer Freunde und Gönner angewiesen. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. Strelitz die Herren Berthold Marckwald. Kommerzienrat!) E. Lohnsteill. Generalkonsul Eugen Landau, Professor Dr. Felix Liebermann, Hermann N. Israel, und Kommerzienrath Isidor Loewe. Ehrenmntter sind Iran Necha Marckwald und Frau Professor Cäcilie Liebermann. L2 Berlin, 4. Juni. Die Verbandstage der jüdischen Landeslehrervere i n e einer Reihe von preußischen Provinzen, welche während der Pfingsttage stattfanden, beschlossen, die Einführung von Handfertigkeits- und Gartenbau-Unterricht sowie die Unterweisung in praktischer Landwirthschast an den jüdischen Schulen zu empfehlen. Man will durch diese Maßnahme die deutschen Juden in größerem Maße als bisher der Bodeukultnrarbeit Zufuhren. — So berichten Politische Blätter. §2 Berlin, 2. Juni. Der hebräische Sprachverein „Sasah Berurah" erläßt folgenden Ausruf, den wir allgemeiner Beachtung empfehlen: „Das rege Interesse, welches scholl seit einer Reihe voll Jahren für die Kenntniß und Verbreitung unserer herrlichen hebräischen Sprache in verschiedenen jüdischen Kreisen herrscht, hat den hebräischen Konversationsverein „Safah Berurah" in Berlin veranlaßt, eine Bibliothek von spezifisch hebräischen Werken zu errichten, welche selbstverständlich allen Interessenten mit größter Liberalität zur Verfügung stehen soll. Der Vorstand der „Sasah Berurah" richtet daher an alle Diejenigen, welche unser Vorhaben zu fördern bereit sind, die ergebene Bitte, uns durch Gewährung voll Mitteln behufs Anschaffung geeigneter hebräischer Werke sowie auch durch Zuwendung hebräischer Bücher nach Krästen unterstützen zu wollen. Anfragen und Zusendungen wolle man gefälligst an den Vorsitzenden der „Safah Berurah", Herrn Caud. Phil. Josef Lin, )V., Zehdenickerstraße 12, richten." ^2 Berlin, 4. Juni. Wie man uns nuttheilt, findet am Montag, den 10. d. M., Abends ZVsUhr, in der „Gesellschaft der Freunde" eine Versammlung des Hilfsvereins der deutschell Juden statt, in der Rabbiner Dr. Maybaum und Justizrath Cassel über die Aufgaben und Ziels des Hilfsvereins sprechen werden. 2LL Berlin, 4. Juni. Dr. Alexis Schleimer, der Herausgeber des Saty r, wurde wegen Beleidigung der Frau Martha Lehmann, geborene Hofsmann in Könitz vom hiesigen Schöffengericht zu 600 Mark Geldstrafe vernrtheilt. Der Privatklage lag eine kleine Notiz zu Grunde, in welcher gesagt wurde, daß ans dem Bilde des Konitzer Fanatismus am herrlichsten die „teutsche Jungfrau" erstrahle, die wandelnd nnd rathschlagend mit Herrn Speisiger die Regungen ihrer schönen Seele in die Worte ausklingen läßt: „Wir müssen den Inden meineidig machen." Die Beweisanträge des Beklagten, die dahin zielten, zu erweisen, daß Martha Hoffinann die Bevölkerung systematisch verhetzt und systematisch Zeugen geworben habe, wurden abgelehnt. Der Vorsitzende. Amtsrichter Fritze, führte aus. daß die schwergeprüfte Familie Hofsmann besonders geschützt werden müsse, und der Gerichtshof deshalb erwogen habe, ob nicht eine Gesängnißstrafe am Platze sei- Wenn die Familie Hofsmann besonders geschützt werden muß, so sollte man meinen, daß der Familie Adolf Levy derselbe Schutz zu Theil werden müßte. — Flatow, 2. Juni. Der Ostgau des antisemitischen D eu t sche n Turnerbundes hat in den Pfingsttagen unser Städtchen mit seiner Gegenwart beehrt und die Enthüllung eines Denkmals mitgefeiert, für das Prinz Friedrich Leopold den Grund und Boden zur Verfügung gestellt hatte. Auf der Empfangskneipe, der ein Amtsrichter präsidirte, hatte „Turngenosse" Wilhelm Bruhn eine schwungvolle Rede gehalten, worill er zur rücksichtslosen Bekämpfung des Judenthnms, „das in der preußischen Ostmark am frechsten sein Haupt erhebe", anfeuerte. Derartige Hetzreden hielten den Landrath des Kreises, Herrn v. Massenbach, nicht ab, am folgenden Tage, bei der Fortsetzung der Empfangskneipe. einen Toast anszubringen. Der Bürgermeister von Flatolv hatte die Einladung dankend abgelehnt mit der Begründung, daß er an der Festlichkeit eines Vereins, der den Juden gegenüber eine feindliche Haltung einnehme, nicht theilnehmen könne. Lp. Aus der Provinz Posen, im Mai. In Posen starb Mitte d. M. Herr Nathan L. Neufeld. Derselbe war längere Zeit Vorstandsmitglied des israelitischen Vorschußvereins daselbst und des Vereins zur Förderung des Handwerks und des Ackerballes unter den Juden. — Die Vertretung der Synagogeugemeinde in Goll autsch hat jüngst beschlossen, für das Jahr 1901 keine Steuern zu erheben. Die Gemeinde ist nämlich ohne Kultnsbeamten, lind die sonstigen Ausgaben werden durch Synagogenspeuden gedeckt. — Der Ziegeleibesitzer Krause in Wollst ein ist zum Ehrenmitglied des dortigen Männer- Turnvereins ernannt worden. Krause ist auch Beigeordneter und Inhaber der höchsten Ehrenämter der jüdischen Gemeinde daselbst. — Herr Marcus Jtzigin Ro gasen feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Aulasse hat er der Synagoge daselbst einen kostbaren Vorhang geschenkt und den einzelnen Vereinen namhafte Geldgeschenke zugewendet. — In Samt er ist die langjährige Vorstandsdame des israelitischen Frauenvereins daselbst, Frau Rebecca Bach, gestorben.— Kommerzienrath Nazary Kantorowicz in Posen ist in den diesseitigen Bezirkseisenbahnrath berufen worden.— Ein jüngst in Dresden verstorbener Herr Lazarus hat die Synagogengemeinde, in Crone a. Br. mir einem Legat von 1500 Mark bedacht. — Das Kaufmann Wolfs und Jette Adamsche Ehepaar in Borek beging neulich das Fest der goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlasse ist ihm vom Kaiser die Ehejubiläumsmedaille verliehen worden. — In Samter ist der Kausmann Ephraim Posner gestorben. Derselbe war langjähriger Vertreter der dortigen Synagogengemeinde und Vorstandsmitglied des israelitischen Vorschußvereins daselbst.