Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 276 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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270 hier Silnsvn zum ersten Male dargestellt, denn der interessante Stoff aus Richter 13ff. ist bisher nur in der Tragödie nud in der Malerei verwerthet, in letzterer sogar sehr häufig, so von Dürer (Holzschnitt), Guido Nein, Nembrandt, Rubens (Samson und Delila, ebenfalls Titel einer jetzt in Berlin viel aufgeführten Oper von Saint-Saens) und von vielen Malern minder hervorragenden Ranges. Unsere diesjährige Kunstausstellung bietet uns in Saal 3 noch einen „Samson (die griechische Aussprache des Namens) den Löwenbändiger" von Josua Dupon (Antwerpen). Es ist dem Künstler vollendet gelungen, in dieser kleinen Bronzegruppe die zur äußersten Kraftanstrengnng angespannten Muskeln und Sehnen eines kräftigen Mannes darzustellen, der den niedergerungenen Löwen bei der rechten Vvrdertatze mit eisernem Griffe festhält. Hier wird uns ohne weiteres die Hypothese jener Gelehrten klar, die Simsons Thaten mit dem Sagenkreis des phönikischen Herakles in Beziehung gebracht haben, denn wodurch sollte sich dieser Samson von einem Herakles unterscheiden, der mit dem Nemeischen Löwen ringt! Von dem bei uns volksthümlich gewordenen „Schimschon Hagibbor" (Simson, der Held) fehlt hier der ganze gemüthvoll durchgeistigte Zug, es mangelt auch der Hauch tragischen Heldengeistes, der unsern Simson umschwebt, wenn ihn auch die buhlerischen Künste einer Delila vorübergehend seiner einst wahren, edlen Zwecken geweihten Kraft beraubt haben. „Philister über dich, Simson!" Aber auch Kleins geblendeter Simsvn hat bei vollendeter künstlerischer Ausführung zu wenig jüdisch-nationales Gepräge. — In der großen Skulpturenhalle haben wie dieses Mal Gelegenheit, zu sehen, wie mehrere bedeutende Bildhauer den tragischen Stoff „Kain und Abel" bewältigt haben. Einen dauernden Eindruck hinterläßt Gustav Eberleins (Berlin) Marmorgruppe „Eva an der Leiche Abels". Die unglückliche Mutter steht vor dem entseelte» Körper ihres Sohnes, aber sie kann das Furchtbare kaum erfassen. Vor Schreck und Angst greift sie mit den Händen nach beiden Schläfen, die vom Gram verzerrten Züge des trauernden Weibes, der schmerzersüllte Blick des Auges sind ergreifend dargestellt. In der gleich rechts vom Eingang zur großen Skulpturenhalle aufgestellten Gruppe von Ignaz Meirich (Rom) „Der tvdte Abel" hält Adam die Leiche Abels, Eva küßt dem Todten die Wange, ein technisch sehr vollendetes, harmonisch aufgebautes Kunstwerk. In Saal 27 sehen wir „Kain", eine bedeutende Schöpfung des ungarischen Bildhauers Mark Vedres (Ujchest). Der Mörder, zitternd vor Schreck, den Mund offen, ist fliehend in ergreifender Todesangst dargestellt. In den 49 Sälen der Ausstellung finden wir eine Menge guter, zum Theil hervorragender Brouzestatuetten verstreut, so im Saal 25 a Paul Micheles (Berlin) polychrom behandelte Bronzefigur der „Judith" mit dem gezückten Schwert in der Rechten; in Saal 9 Arthur Kams (Berlin) „Tyll Eulenspiegel", Heinrich Knickes (Schöneberg) Bronzefigur der „Eva", über deren Haupt sich die Schlange mit dem Apfel im Maul cmporhebt. Leider konnte man uns auch im Bureau der Ausstellung nicht sagen, in welchem Saale sich die mit dem Preise von 1800 Mark vorgemerkte, im Katalog unter Nr. 1866 bezeichnete Eipsgrnppe von Hermann Kokolsky (Charlottenburg) „Aussetzung Mose" befindet. Arthur Lewin (jetzt in Paris) und Josef Limburg (Nom) stellen vorzüglich gelungene Bildnißbüsten aus. Nicht minder Bedeutendes als auf dem Gebiete der Plastik leisten die zum ersten Male in der diesjährigen Kunstausstellung in größerer Anzahl vertretenen Ungarn auch in der Malerei. Der „alte Jude" von Zsigmond Nagy (Budapest) in Saal 27 ist ein Meisterwerk, wenn auch keineswegs idealisirt. Man betrachtet den alten gebückten Mann in ärmlicher Tracht, der sich auf seinen Stock stützt, am besten, wenn man, von der linken Seite herantretend, weit zurücktritt. Die rechte Hand — die Finger sind durch Alter und Krankheit gekrümmt — hält der weißbärtige Greis gleichsam abwehrend ausgespreizt. Das gelbe Tuch mit den goldenen Streifen, das wir auf der linken Schulter sehen, scheint das hervorlugende Stück eines Tallis zu sein, — doch was soll der Gebetmantel hier bei dem unbedeckten Hauptes und keineswegs beim Beten dargestellten Greise? Vorzüglich getroffen sind der offene Mund und das ausdrucksvolle Auge dieses „alten Juden". — In Saal 7 sehen wir von Max Stern (Düsseldorf) ein „Mittagspause" benanntes Genrebild. Vier Arbeiter, zwei in hockender Stellung, zwei liegen auf Steinen, halten hier nach harter Arbeit ihre Mittagspause ab, die in einem Schläfchen besteht. „Nesuka selmasK Iiaobock«, „süß ist die Ruhe des Arbeiters". Das Bild des, wie es scheint noch jungen Künstlers ist ohne agitatorische Aufdringlichkeit, aber mit Ernst und guter Auffassung eigenartig durchgesührt. Eine Kunstausstellung ist ein Markt, auf dem nicht nur Begabungen ersten Ranges ihr Recht behaupten. Der Pariser Salon läßt sich bis zum Jahre 1763, die Berliner Ausstellung bis 1786 zurückverfolgen. Was waren »vir Juden damals? Heute aber stehen die Künstler unseres Stammes nicht nur in Reih und Glied, sondern sie ringe»», was die Eigellartigkeit der behandelten Stoffe aus dem Leben der Zeit und »vas die höchste Verinnerlichung anbelangt, mit um die ersten Kränze. Daß auch das altvertraute heimische Gebiet nicht vernachlässigt »vird, zeigen die in Saal 25 a ausgestellten Zeichnungen von David Kohn (Wien), so namentlich die Rothstiftstudie zu den» Bilde „Betende Juden". Eine Studie zeigt uns das geistvolle Profileines Juden mit Pelzbarett, eine andere einen Greis mit weißem Bart, ein Käppchen bedeckt das Haupt, läßt aber die »nächtige Stirn sehen, — auch der schlafende Mann mit dem »nächtige»» kahlen Schädel ist ein interessanter jüdischer Charakterkopf. Ja, »vir können noch heute mit Recht aus rufen: „Wie schön sind deine Zelte, Jaakob", — und am schönsten sind die Inden, und selbst die nuter ihnen, denen die Stürme des Schicksals manche harte Linien in das Antlitz geschrieben haben, wenn sie beten. Da tritt das Durchgeistigte, Edle des jüdischen Gesichtsausdrnckes am meisten hervor. Sprechsaal. Herr Redakteur! Notiz s. Berlin — im Gemeindeboten Nr. 22 — ist unrichtig. Mischehen zusammen sind nicht 214, sondern 204 (gegen 200 im Vorjahre), also unbedeutend inehr; dagegen ist der grobe Rückgang der rein jüdischen Ehen von 644 ans 585 sehr bedauernswerth und spricht „viel" von den uufnndirteu Ermerbsverhältnissen bei den Juden und der Unmöglichkeit, sich zn verheiratheii. Hochachtungsvoll S. P. I. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.